Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Über Ebstorf zurück nach Hause

Immer noch voll mit Kopenhagen treten wir am nächsten Morgen nun die Heimreise an. Auch wenn wir nicht direkt nach München fahren werden, fühlt sich das Ganze doch wie die letzte Etappe der Reise an. Diesmal setzen wir von Rødby nach Puttgarden über. Diesmal sind wir viel zu früh an der Fähre und stehen eine ganze Weile dumm in der Warteschlange rum. Dafür ist die Überfahrt etwas kürzer, sie dauert nur etwa 45 Minuten. Während der Fahrt ist eine Notfallübung fürs Personal angesetzt, weswegen mehrmals die Sirenen ertönen. Auch wenn das ebenso häufig durchgesagt wird und das Personal völlig entspannt zum Sirenenklang lächelt, bin ich unentspannt, weil ich zu den Leuten gehöre, die bei Sirenen IMMER unentspannt sind. Und auf einem Boot oder gar in einem Flugzeug gleich dreimal. Irgendwann wird das Ende der Übung durchgesagt und ich kann endlich entspannt die letzten dänischen Kronen sinnvoll in Lego und Süßigkeiten investieren.

Unseren ursprünglichen Plan, gleich nach der Überfahrt auf Fehmarn einzukehren, haben wir in guter alter Tradition natürlich längst über den Haufen geworfen. Da wir am nächsten Tag bis Leipzig wollen, erscheint es uns sinnvoller, uns noch ein paar Kilometer mehr in diese Richtung zu bewegen. Wir entscheiden uns für den Campingplatz am Waldbad in Ebstorf, weil der auf dem Weg liegt und gut bewertet wird. Insgesamt liegt unser Tagespensum damit bei rund 400 km, wobei die Fährstrecke natürlich ein bisschen Entspannung rein bringt. Gegen 17 Uhr treffen wir in Ebstorf ein. Der Platz ist wirklich sehr schön im Grünen gelegen und überhaupt nicht überfüllt. Der Servicebereich ist nicht mehr ganz taufrisch und leider auch nicht so gepflegt, wie wir es andernorts erlebt haben, aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt hier absolut und die Gastgeber sind sehr hilfsbereit. Im Preis enthalten ist der Eintritt ins Freibad, das an den Campingplatz grenzt. Da wir zur Abwechslung mal einen wirklichen Sommertag erwischt haben und das Freibad wirklich direkt nebenan ist, entschließen wir uns, eine schnelle Baderunde einzulegen. Ein wirklich schönes Schwimmbad ist das Waldemar, wir fühlen uns gleich wohl und bedauern fast ein bisschen, dass wir es nur so kurz werden genießen können. Während die beiden größeren Herren sich sofort ins kühle Nass stürzen, assistiere ich dem kleinen Kleinen Herrn mit Anfeuerungsrufen und Szenenapplaus dabei, sich zum ersten Mal ganz alleine hinzusetzen. Er ist stolz wie Bolle, als er es endlich geschafft hat und ich gleich mit.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Nach dem kurzweiligen Rumgeplantsche suchen wir den örtlichen Griechen auf, der in der Google-Bewertungsskala ganz weit vorne liegt. Der Weg dahin führt uns durch eine schöne Grünanlage und durch den reizenden Ortskern von Ebstorf, der zwar wunderhübsch anzusehen aber absolut menschenleer ist. Fast ein skurriles Bild, denn man möchte meinen, dass sich Mensch an einem so hübschen Fleckchen Erde nur so tummeln möchte.

Ebstorf-Idyll

Ebstorf-Kloster

Der Grieche hat ein schönes Restaurant und man kann sehr gut draußen sitzen. Da wir nicht gerade sonnen- und wärmeverwöhnt wurden in den letzten Wochen, kosten wir das natürlich aus. Vielleicht liegt es daran, dass wir zuhause einen Superdupergriechen haben, den wir sehr regelmäßig aufsuchen und der unsere Gaumen stets bis aufs Äußerste verwöhnt, aber jedenfalls sind wir vom Ebstorfer Szenegriechen leider nicht so überzeugt. Der Service ist langsam und ein bisschen vergesslich und man lässt uns bei der Essensbestellung sehenden Auges ins Verderben rennen. Wir bestellen zwar nur Vorspeisen, aber derer viel zu viele, denn sie sind groß wie Hauptgerichte. Und da sitzen wir auf einmal vor Unmengen von Essen, bei denen gleich klar ist, dass wir sie niemals werden aufessen können. Und wir haben explizit gefragt, ob wir uns da wohl zu viel aufbürden, als wir bestellten. Nunja. Am Ende werden wir das Essen (selbst!) einpacken und es anderthalb Tage später ungenutzt wegwerfen, weil wir es schlicht im Kühlschrank vergessen haben werden. Frustrierend.

Am nächsten Morgen versuchen wir mal wieder, ganz früh aufzubrechen. Denn irgendwann beim Abendessen am Vorabend hat sich der wahnwitzige Gedanke eingeschlichen, vielleicht den Zwischenstopp in Leipzig einfach auszulassen und gleich bis Bayreuth, oder gar noch besser – gleich bis nach Hause weiterzufahren. Wir reden über üppige 700 km und wir kennen uns so gut, dass wir gleich wissen, dass die fixe Idee, große Chancen hat, in die Tat umgesetzt zu werden. Vorausgesetzt natürlich, dass der große und der kleine Kleine Herr hierbei mitspielen, denn so eine lange Strecke ist für so kleine Knöpfe ja durchaus nicht unanstrengend. Die Beiden meistern das ganz hervorragend, der Große, in dem er sich tief in die Geschichten von Feuerwehrmann Sam und seiner Bande einarbeitet, der Kleine, indem er sich öfter als sonst tief in den Schlaf einarbeitet. In den längeren Pausen testet der Große dann ausgiebigst Spielplätze, während der Kleine auf seiner Decke rumrobben kann. Etwas erschöpft aber doch guter Dinge erreichen wir abends gegen halb zehn den Heimathafen, suchen uns das Nötigste für die Nacht im Wohnmobil zusammen und freuen uns doch ein bisschen auf Annehmlichkeiten wie große Betten in Bodennähe, hygienisch unbedenkliche Duschen und Toiletten, selbstgebrühten Cappuccino und WLAN soweit das Auge reicht.

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Hinter uns liegen knapp vier Wochen und knapp 4500 km. Es war eine tolle Reise und das Wohnmobil für uns der richtige Weg und Schweden das richtige Ziel. Im Großen und Ganzen würden wir alles noch mal genau so machen wie auf dieser Reise, wahrscheinlich würden wir aber beim nächsten Mal mit einem Wohnanhänger statt mit einem Wohnmobil reisen. Das ist genau so komfortabel, aber man ist vor Ort mit dem Auto doch etwas flexibler und unabhängiger. Für potenzielle Nachahmer, werde ich in den nächsten Tagen noch mal die genaue Route mit Campingplätzen posten und ein paar Tipps zur Ausstattung.

Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Adjö Sverige, hej København

Nach gut drei Wochen in Schweden ist heute der Zeitpunkt gekommen, Abschied zu nehmen. Wie immer, wenn Reisetag ist, planen wir früh loszukommen. Wie immer, ist früh bei uns ein durchaus dehnbarer Begriff und so sind wir kurz nach elf endlich auf der Piste. Das erste Mal in den gut drei Wochen, die wir nun hier sind, warnt uns Google Maps vor diversen Staus auf unserer Strecke nach Kopenhagen und wir kommen anfangs wirklich nur äußerst mühsam voran. Für geraume Zeit stehen 2 Stunden und 55 Minuten auf dem Display, obwohl wir fahren, fahren und fahren. Der erste Stau wird durch ein brennendes Auto verursacht, das offensichtlich einfach so Feuer gefangen hat. Dem war kein Unfall vorausgegangen und niemand wurde verletzt. Nur das Auto, das hat den Zwischenfall nicht überlebt.

auto brennt

Da wir kurz davor sind, das Land für eine Weile zu verlassen, müssen wir dringend noch diverse Lebensmittel einkaufen, die uns in der Zeit in Schweden lieb und teuer geworden sind. Um die Mittagspausenzeit steuern wir also einen Supermarkt an, und zwar nicht irgendeinen, sondern einen Maxi ICA, die Königin der schwedischen Supermärkte – soweit wir das beurteilen können. Der Laden ist riesig und hat alles, und zwar gleich in mehreren Varianten. Wir brauchen im Wesentlichen Butter („Bregott, normal gesalzen“) und Dammsugare, füllen unseren Wagen aber sicherheitshalber auch noch mit allerlei unwesentlichen Dingen. Das üppige Angebot macht uns das sehr leicht. Unser Mittagessen nehmen wir ganz stilecht auf dem Supermarkt-Parkplatz ein. Als wir wieder auf der Piste sind, haben sich sämtliche Staus in Wohlgefallen aufgelöst, was uns wohl sehr gefällt.

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In Kopenhagen haben wir einen Stellplatz auf dem Fort Charlottenlund-Campingplatz, den wir in sprichwörtlich letzter Minute ergattern. Seit der Planung der Reiseroute Anfang Juni hatte ich immer wieder erfolglos versucht, dort einen Platz zu reservieren – nichts zu machen, ausgebucht. Am letzten Tag in Schweden versuche ich es spaßeshalber nochmals und siehe da – ein freier Platz! Wer braucht da schon einen Sechser im Lotto. Auch wenn Fort Charlottenlund-Camping nirgends Spitzenbewertungen erzielt, bekommt er unter den städtischen Campingplätzen noch die besten Bewertungen und ist wegen seiner besonderen Lage schon einen Besuch wert. Der Platz ist mitten in ein altes Fort gebaut, mit Kanonen, Bunkern und allem Schnickschnack. Von der Anlage selbst ist er wirklich besuchenswert, die sanitären Einrichtungen sind leider eher ein bisschen angeschmuddelt. Dafür gibt es an der Rezeption frisches Gebäck zum Frühstück, eine Eisbude direkt vor dem Eingang und ein Restaurant, das sogar richtig gut sein soll. Das alles, die direkte Lage am Meer und die gute Anbindung an die Innenstadt machen den Platz zu einer klaren Empfehlung.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Auch wenn wir am Ankunftsabend nur noch eine Runde durch das Hood drehen, um dies und das einzukaufen, bin ich von dem was ich sehe, doch gleich angetan. Es ist alles so adrett, so gut dekoriert, so geschmackvoll und so ganz ramschfrei. Ich mag das.

Für den nächsten Tag haben wir ein ausgeklügeltes Stadterschließungsprogramm ausgeklügelt. Wir haben schließlich nur den einen Tag und es gibt so viel Spannendes zu entdecken. Zunächst führt uns unsere kleine Stadttour mit Bus und Bahn nach Nørrebro, wo wir mit dem Superkilen Park beginnen – einer urbanen Parkanlage, die sich als echte Spielwiese für den großen Kleinen Herrn entpuppt. Weiter geht es durch die Jægersborggade, in der sich Café an Café (wir besuchen das Café Retro und kaufen Kaffee bei der Coffee Collective), Kunstgewerbeladen an Kunstgewerbeladen, Bonbon– an Keksmanufaktur und Hipster an Hipster reihen. Weiter geht es über den wunderschönen Assistens Kirkegård (Assistenzfriedhof), wo sich wiederum alles aneinanderreiht, was in Dänemark und darüber hinaus zu Lebzeiten Rang und Namen hatte. Hier liegen neben Schriftstellern, Opernsängern und Physikern auch Hans Christian Andersen und Søren Kierkegaard. Würden nicht hier und da beschriftete Steine herumstehen, man würde nicht merken, dass man über einen Friedhof lustwandelt. Als nächstes geht es über den Peblinge-See in Richtung Innenstadt.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Kaffeepause

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Foto: Philippe Wyssen

In der Fahrradhauptstadt Europas gibt es Fahrradläden wie anderswo Apotheken und einer hat schönere Fahrräder als der andere. Die schönsten, so heißt es, gibt es jedoch bei Sögreni, weswegen wir gleich dort hinlaufen und aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ein Fahrrad lassen wir uns dort dennoch (erstmal) nicht bauen, dafür sind der Mann und ich nun stolze Besitzer der coolsten Fahrradklingeln der Welt.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Nachdem der Shopping-Modus erstmal aktiviert ist, geht es gleich weiter zur Strædet, der hübschen kleinen Schwester von Kopenhagens Shopping-Meile Strøget. Hier gibt es Trödelläden und Kunsthandwerk, Restaurants, Cafés und Schmuckläden – alles klein und schnuckelig und man möchte überall hinein. Weil ich mich nun schon länger mit einer Vorliebe für skandinavisches Design herumschlage, die durch Pinterest noch ungleich fanatischer geworden ist, komme ich nicht umhin, als nächstes DEN Kopenhagener Einrichtungstempel, Illums Bolighus, aufzusuchen. Das ist der krasseste Einrichtungsladen, den ich überhaupt je gesehen habe. Nahezu alles, was ich auf Pinterest je gepinnt habe, steht hier plötzlich wie selbstverständlich vor mir und strahlt mich an. Mein erster Impuls ist „ich muss das alles kaufen“, der zweite ist jedoch nur wenig später „ich kann das nicht alles kaufen und entscheiden kann und will (!) ich mich auch nicht, also kaufe ich einfach gar nichts“. Und so stehe ich also mitten in meinem persönlichen Paradies und bin so dermaßen reizüberflutet, dass ich unverrichteter Dinge und völlig überfordert vom schieren Angebot wieder abziehen muss. So etwas ist mir wirklich noch nie passiert.

Noch immer unter Schock stehend, sammle ich den großartigen Rest der Familie wieder ein, der sich während meiner kleinen Shoppingrunde netterweise zum Essen zurückgezogen hat. Als nächstes führt uns unser kleiner Marsch an die Havnegade, weil es sich dort – sehr zur Freude des großen Kleinen Herrn, vortrefflich Trampolin springen lässt. Und auch sonst sind die Promenade und das Drum und Dran sehr hübsch anzusehen. Wir wechseln die Hafenseite und gerade zufällig aber glücklich mitten in den totalen Hipster-Hot-Spot der Stadt: Copenhagen StreetFood, eine große Halle mit Außenareal direkt am Hafen, wo es sich von diversen Foodtrucks trefflich futtern lässt. Hier ist die Hölle los, was sicher auch an den Bombenwetter liegt.

streetfood

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Eigentlich wollen wir nun doch die Fähre zur anderen Hafenseite nehmen, um der Kleinen Meerjungfrau unsere Aufwartung zu machen, aber wir verpassen die eine um zwei Sekunden und entscheiden uns, nicht auf die nächste zu warten – es ist schon spät, mindestens einer hat Hunger, mindestens zwei sind müde. Mit Bussen sind wir recht schnell wieder in unserem Hood, auch wenn wir uns um ein Haar verfahren, weil das Bussystem nicht so intuitiv ist, wie wir irrtümlich annahmen. Beim Pizzamann unseres Vertrauens holen wir uns noch schnell die erste gute Pizza der Reise und lassen uns dann nach insgesamt rund 25.000 Schritten vom prallen Vollmond noch schnell den Weg ins Bett scheinen. Godnat København, Du bist (m)ein Traum einer Stadt und hast mich damit schlichtweg aus den Schuhen gehauen. Tak.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Das Ende von Schweden rund um Varberg

Hatten wir gestern noch gedacht, dass wir heute noch mal in Göteborg vorbeischauen würden, weil es dort so schön schön ist, entscheiden wir uns heute spontan um. Das Wetter trägt daran nur eine Teilschuld. Wir haben die Stadt gesehen und für gut befunden, nun darf es gerne wieder auf einen schöneren Campingplatz und aufs Land gehen. Entschleunigung ist es schließlich, wofür wir hier sind. Erfolgsverwöhnt wie wir von unseren bisherigen Spontanbuchungen sind, rufen wir gleich mal bei einem besonders ansprechenden Campingplatz an, um uns ein Plätzchen für die nächsten beiden Nächte zu sichern. Aber was ist das? Ausgebucht. Nummer zwei ebenfalls. Nummer drei auch. Nummer vier hätte eventuell etwas für die zweite Nacht. Hallo??? Beim fünften Platz haben wir schließlich Erfolg. Die Reise geht also ca. 90 km weit nach Tvååker, in der Nähe von Varberg, das wir uns ohnehin dringend anschauen wollen.

Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrzeit kommen wir beim Rödlix Vandrarhem & Camping an und fühlen uns vom ersten Moment an pudelwohl. Der Platz ist eher klein aber absolut bezaubernd. Es gibt lustige Hühner, die dort zwischen den Wohnwagen rumrennen und Ziegen gibt es auch. Die sanitären Einrichtungen sind die mit Abstand besten, die wir auf unserer Reise angetroffen haben und der große Kleine Herr ist vom Spielplatz kaum wegzubewegen, auch wenn der auf den ersten Blick viel weniger „Pling“ erscheint als so manch anderer. Dafür gibt es dort aber neben den Spielgeräten total viele Spielsachen und glücklicherweise noch passende Kinder dazu.

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Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Ein absolutes Highlight sind aber die vielen alten US Cars, die dieses Wochenende auf dem Platz zu Gast sind. Im benachbarten Falkenberg ist ein Oldtimertreffen und einige der Teilnehmer sind in Rödlix abgestiegen. Sehr zu unserer Freude, denn das ist ein wirklich toller Anblick. Auch das Brummgeräusch der alten Motoren ist irgendwie ganz besonders. Auch noch nachts um zwei.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

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Foto: Philippe Wyssen

Nach den Check-In halten wir uns gar nicht lange auf dem Campingplatz auf, sondern brechen gleich ins benachbarte Varberg auf. Leider sind wir spät dran (also nach Ladenschluss) und das Wetter ist zunächst miserabel. Wir schwingen uns also wieder in die Regenkluft und wie immer, wenn wir die Gummistiefel anhaben, besinnt sich das Wetter gleich eines Besseren. Wir kehren im Café Fästningsterrassen ein und gleich wieder aus, weil man dem großen Kleinen Herrn dort die Pommes nicht aus dem Menü heraus lösen möchte und es auch sonst gegen frühen Abend nichts Sinnvolles mehr für uns zu essen gibt. Also ziehen wir weiter ins Café im Kaltbadehaus, das uns gegen Bargeld wenigstens noch ein paar Tassen Kaffee und süßes Gebäck anbietet. Anschließend spazieren wir noch so lange durchs Städtchen bis der kleine Teil der Mannschaft zum Abflug bläst.

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Nachdem der Wettergott uns am nächsten Morgen wenigstens ein bisschen Sonne beschert, verbringen wir den Morgen mit allen möglichen Dingen vor und neben dem Wohnmobil. Der große Kleine Herr dekoriert mit einem deutschen Geschwisterpärchen den Spielplatz um, der kleine Kleine Herr übt sich darin, von der Krabbeldecke runter ins Gras zu robben, ich lese ENDLICH mein Buch zu Ende und der Mann fotografiert Autos. Nachmittags schauen wir Menschen beim leidenschaftlichen Boule-Spiel zu und entschließen uns dann doch noch zu einem Spaziergang ans Meer, das irgendwie nah und dann auch wieder fern ist. Ein schöner Ausstieg aus Schweden, denn es ist unser letzter Tag hier.

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Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Weiter nach Göteborg

Auf dem Campingplatz in Skärhamn, aber vor allem auf der Insel Tjörn, könnte ich noch ewig bleiben. Da wir aber noch ein bisschen Wegstrecke vor uns haben und auch auf das ein oder andere weitere Etappenziel nur ungern verzichten möchten, packen wir vormittags unsere sieben Sachen zusammen und machen den obligatorischen Startcheck (Fenster zu? Gas abgedreht? alle Schränke verschlossen? schwere Sachen gesichert?…). Dann geht es ohne Zwischenstopp Richtung Göteborg, das nur rund 70 km entfernt liegt.

In unserer ursprünglichen Planung hat die Stadt übrigens nie eine Rolle gespielt. Irgendwer hatte mal was von „Industriestadt“ in den Raum geworfen, als es um Göteborg ging und schon war bei uns jeder Funke von Interesse erloschen. Als wir aber bereits unterwegs sind, mehren sich von allen Seiten die Stimmen, nach denen Göteborg ein nicht zu verpassender Geheimtipp ist und so ändern wir, wie so viele Male auf dieser Reise, einfach kurzerhand die Route.

Aus praktischen Erwägungen entscheiden wir uns auch in Göteborg für einen stadtnahen Platz mit Tram-Anschluss an die Innenstadt, auch wenn wir damit in Stockholm nicht die besten Erfahrungen gemacht haben. Der Campingplatz Lisebergsbyn befindet sich in der Nähe des größten schwedischen Vergnügungsparks Liseberg. Während der Platz online bereits als ausgebucht erscheint, ergattern wir telefonisch glücklicherweise spontan noch einen Restplatz. In Göteborg angekommen, werfen wir schnell das Wohnmobil dort ab und begeben uns gleich mit der Tram in die Stadt.

Das Wetter ist verhältnismäßig bombig und wir sind schon bei der Anfahrt in der Tram Feuer und Flamme für die Stadt. Da wir ohne to-do- oder to-see-Liste angereist sind, lassen wir uns einfach ein bisschen treiben und geraten dabei immer mehr in Verzückung. Die Straßenzüge sind großzügig und begrünt, die historischen Trambahnen und ihre adrett gekleideten Fahrer machen lächeln, es gibt viel Wasser und reizende Parks und die Auswahl an Geschäften, Restaurants und Cafés schafft außerdem ein lupenreines Glücksgefühl.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

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Foto: Philippe Wyssen

Unser Mittagessen nehmen wir in der Saluhallen zu uns, danach geht es mit kurzen Abstechern zu den Einkaufsmeilen Kungsgatan und Vallgatan zum Kaffeetrinken und bummeln nach Haga. Ich habe die höchstreiseleiterliche Erlaubnis in jeden Laden zu schlendern, der mich interessiert und derer gibt es dort doch recht viele. Der große Kleine Herr findet großen Gefallen daran, mich zu begleiten. Für mein Portemonnaie ist das gut, denn ich kann so nicht shoppen.

Haga ist vor allem für seine zahlreichen schnuckeligen Cafés bekannt. In den Empfehlungen, die man so hier und dort liest, wird gemeinhin das Café Husaren gehypt. Uns ist es dort aber – wohl wegen dieses Hypes – viel zu wenig authentisch, als dass wir uns wohl fühlen könnten. Stattdessen begeben wir uns ins Da Matteo in der Magasinsgatan, gleich in der Nähe von Haga. Der Kaffee dort ist hervorragend, der Service auch und an Süßgebäck herrscht auch kein Mangel.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Nachdem unsere Sowden Softbrew den Campingurlaub nicht heil überstanden hat, machen wir uns anschließend auf die Suche nach Ersatz. Im außerordentlich gut sortierten Kaffe Labbet findet man nahezu alles, was man für die Zubereitung von köstlichem Kaffee benötigt – nur keine Sowden Softbrew. Da diese sich aber ohnehin nicht als besonders reisetauglich hervor getan hat und wir ursprünglich bereits mit der Aeropress geliebäugelt hatten, ist nun der Zeitpunkt gekommen, wo aus dieser unverbindlichen Liebelei Ernst wird. Wir können es kaum erwarten, den ersten Kaffee damit zuzubereiten und machen uns daher zügig auf den Heimweg. Die müde Rasselbande begrüßt diese Entscheidung.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Unser Platz auf dem Lisebergsbyn-Camping wird als der abschüssigste Platz EVER in unsere Reisehistorie eingehen. Auch maximal aufgebockt stehen wir noch völlig schief, sehen aber keine Möglichkeit, daran an diesem Abend noch was zu ändern. Da wir nur eine Nacht bleiben werden, beschließen wir, es stoisch zu ertragen. Der kleine Kleine Herr wird mittels Handtüchern und Decken in die Waagerechte gehieft, wir Großen schlafen mit dem Kopf am höchsten Punkt. Für einen Stadtcampingplatz geht Lisebergsbyn übrigens völlig in Ordnung. Die Sanitäranlagen sind modern und für einen Platz dieser Größe verhältnismäßig ordentlich. Mit der Tram, zu der man nur etwa 500 m läuft, braucht man knappe 20 Minuten in die Innenstadt.

Wir beschließen den Tag froh darüber, dass wir den Stopp in Göteborg eingelegt haben, denn in unserer geheimen Rangliste der Städte liegt sie auf jeden Fall an erster Stelle, dicht gefolgt von Malmö. Stockholm schafft es nur auf den dritten Platz.

Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Tjörn <3

Ein Schwede unseres Vertrauens hat uns für die Westküste ein paar Tipps mit auf die Reise gegeben, denn er kennt diese aus Kindheitstagen wie seine Westentasche. So ausgerüstet führt uns der Weg ins rund 100 km entfernte Skärhamn, wo wir spontan einen sympathisch klingenden Campingplatz ausmachen. Vor der schwedischen Westküste wimmelt es nur so vor Inseln und da vor allem die größeren von ihnen über Brücken mit dem Festland verbunden sind, weiß man nicht immer sofort, ob man sich gerade auf einer Insel oder auf dem Festland befindet. Skärhamn liegt zum Beispiel auf der Insel Tjörn, an die ich im Laufe unseres Aufenthaltes mein Herz verlieren werde.

Da unsere heutige Fahrzeit nur knapp anderthalb Stunden beträgt, sind wir früh dran und entscheiden uns für einen mittäglichen Zwischenstopp im Sundsby Gårdscafé, das sich dem vollen Parkplatz nach zu urteilen bei den Schweden großer Beliebtheit erfreut. Wie so oft mit unserem Riesenschiff ist die Parkplatzsuche allein schon ein Abenteuer, aber eines, dass wir am Ende aber immer erstaunlich gut meistern.

Eigentlich wollen wir im Restaurang etwas Ordentliches zu Mittag essen, aber das ist einigermaßen überfüllt und man sagt uns, dass wir mindestens 40 Minuten aufs Essen werden warten müssen. Eine Wartezeit, die mit zwei kleinen Kindern in einem Restaurant schier unüberwindbar scheint. Aus der Not heraus entscheiden wir uns also mal wieder für Kuchen, denn den kann man gleich aus der Kuchentheke heraus mitnehmen. Wie immer schmeckt er ganz hervorragend. Und es war halt ein Notfall, wir hatten gar keine andere Wahl.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Vollgestopft mit Kuchen geht es weiter zum Campingplatz. Kurz vor den Toren bricht bei mir eine leichte Panik aus: Was wenn mir auch dieser Platz nicht zusagt und ich wieder die Spaßbremse geben muss? Glücklicherweise überrascht uns der Campingplatz Hav & Logi auf Anhieb positiv. Der Platz ist sehr neu, modern und sauber, nicht besonders groß und schmiegt sich wie sein Vorgänger in die umliegende Felslandschaft. Da er aber HINTER den Felsen und nicht AUF ihnen liegt, ist er gut windgeschützt und insgesamt einfach etwas weniger Hell’s Angels. Kurz: Hier gefällt’s mir.

Weil das Servicehaus des Campingplatzes nur einen Steinwurf von unserem Platz entfernt ist und uns der Küchen- und Aufenthaltsraum so außerordentlich freundlich anlacht, entscheiden wir uns, heute unser opulentes Abendessen dorthin zu verlagern. Der große Kleine Herr wird später sagen, dass es sich dort auch vortrefflich beim Memoryspiel gewinnen lässt.

Am nächsten Morgen tun wir etwas für uns wirklich ungewöhnliches und nie zuvor da gewesenes: Wir machen einen Tagesausflug mit dem Wohnmobil von dem aus wir am Abend auf denselben Campingplatz zurückkehren werden. Wegen der Umstände, die das macht und die viel größer aussehen, als sie eigentlich sind, sind wir vorher irgendwie nicht auf die Idee gekommen. Zunächst fahren wir zur antiken Grabstätte „Pilane“ die in den Sommermonaten internationalen Bildhauern als Ausstellungsfläche für ihre Skulpturen dient. Ich habe es ja mehr mit Malerei als mit Bildhauerei, aber ich muss gestehen, dass mich „Anna“ von Jaume Plensa dann doch umgehauen hat. Wie dieser große, weiße Frauenkopf aus dem Pilane-Hügel ragt und über den Bäumen schwebt beeindruckt mich so sehr, dass ich das Bild jetzt für den Rest meines Lebens im Kopf haben werde. Ohne jeden Zweifel.

Vergessen werde ich wohl auch niemals, wie der Mann sich abmüht, den kleinen Kleinen Herrn im Fahrradanhänger den Berg hoch und wieder runter zu bugsieren. <3

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

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Es braucht eine ordentliche Tasse Kaffee und ein paar köstliche Leckereien im Pilane Gårdscafé, um die soeben gewonnen Eindrücke zu verarbeiten und um den Teamfrieden aufrecht zu erhalten.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

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Foto: Philippe Wyssen

Nächstes Ziel unseres Tagesausflugs ist ein Aussichtspunkt in der Nähe von Rönnäng, den wir dann aus kinderlogistischen Gründen doch nicht erklimmen. Stattdessen entdecken wir zufällig den kleinen Ortsstrand und sind sofort von dessen Niedlichkeit angetan.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Weiter geht die Fahrt in den Ort Skärhamn, der sich über seinen wundervollen Hafen und sein hervorragendes Eis gleich für immer in meinem Herzen einnistet. An diesem Tag ist es endgültig um mich geschehen: Ich möchte ein Holzhaus mit Meerblick auf Tjörn, komme was da wolle. Dieser Wunsch gilt ab sofort und ist alternativlos.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Abends erklimmen der Mann und der große Kleine Herr die Felsen, um den Sonnenuntergang anzusehen. In den Erzählungen des Mannes klingt es wie ein gemütlicher Abendspaziergang. Da mir sowohl Spaziergänge als auch Sonnenuntergänge gut in den Kram passen, beschließe ich, es ihnen gleich zu tun und begebe mich auf eigene Faust auf die Felsen. Klar, dass ich mich auf meinen nicht vorhandenen Orientierungssinn wieder voll verlassen kann und einigermaßen planlos dort oben umherirre, während die Sonne immer weiter untergeht. Die Aussicht ist unglaublich schön, kann mich aber nicht von meiner Orientierungslosigkeit ablenken. Nach einigen missglückten Ansätzen, finde ich schließlich einen Weg nach unten. Der erfordert allerdings eine einigermaßen waghalsige Kletterei, die mir durchaus den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Alles nichts gegen das „Lost“-Remake, das dort oben auf den Felsen in meinem Kopfkino ablief.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Auf an die Westküste

Am Morgen fackeln wir nicht lange und kehren Kinnekulle den Rücken. Schon schade, dass der Platz eine solche Enttäuschung war, denn wegen des niedlichen Namens und der schönen Lage hatten wir auf ihn besonders hingefiebert. Um sicherzustellen, dass diesem Dämpfer wieder ein Highlight folgt, überdenken wir die Strecken- und Campingplatzplanung. Wir stoßen bei unseren Recherchen spontan auf einen Platz, der alle bisherigen Plätze Google-Ranking-technisch in den Schatten stellt: Sotenäs Camping in Kungshamn. Rund 180 km Fahrstrecke liegen vor uns. Den ersten nennenswerten Zwischenstopp (die TOTAL DRINGENDEN Pipistopps zählen wir mal nicht) machen wir in Trollhättan mit dem Ziel, uns die alten Schleusen anzusehen. Diese scheinen durchaus beliebt zu sein und wir tun uns schwer mit unserem kleinen Flitzer einen Parkplatz zu finden. Als wir dann schließlich etwas abgelegen doch etwas finden und uns noch schnell ein kleines Mittagessen zubereiten, fängt es draußen an zu schütten. Der Regen und die Tatsache, dass es bereits Nachmittag ist und noch eine gewisse Fahrzeit vor uns liegt überzeugen uns (die eine mehr, den anderen weniger) davon, dass wir die Schleusen Schleusen sein lassen und weiterfahren sollten.

Hinzu kommt, dass unsere Kaffeevorräte einen bedrohlichen Tiefstand erreicht haben und wir unbedingt noch irgendwo Nachschub organisieren müssen. Wir dürfen also wirklich keine Zeit verlieren! Die „zehn Minuten“, die ich dann unterwegs spontan in einem Möbelladen verbringen muss sind natürlich gut angelegt und keinesfalls verloren. Weiter geht’s nach Uddevalla ins Café Yerba, wo wir uns mit neuen Vorräten eindecken und natürlich auch einen Kaffee trinken, der ohne passendes Gebäck natürlich viel zu feucht wäre. Das Café ist plüschig und von oben bis unten mit Büchern vollgestopft. Die Böden und Wände sind zudem alles andere als gerade, was dem Café zusätzlichen Charme verleiht.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

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Foto: Philippe Wyssen

Nach der kleinen Stärkung geht es dann ohne weitere Verzögerung gleich nach Kungshamn. Wir haben zu diesem Zeitpunkt schon elf Campingplätze hinter uns und das Gefühl, eigentlich schon alles an Eigenheiten gesehen zu haben. Aber Sotenäs vermag es tatsächlich noch einmal eins drauf zu setzen, denn einen Platz wie diesen haben wir bisher noch nicht im Programm gehabt. Der Platz wurde in die rauhe Felslandschaft der Westküste hinein geklebt und findet so auf mehreren Etagen statt. Ganz unten, am Wasser, stehen die Wohnwagen und Zelte. Auf der ersten und zweiten Etage kommen dann die Stugas. Die bel étage ist den Wohnmobilen vorbehalten.

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Nachdem wir also einen Platz – mit eigenem Balkon – ganz oben zwischen den Felsen im Geröll ergattert haben, stellen wir fest, dass es draußen oben doch ganz gehörig luftet. Wir stehen dabei quer zum Wind, weil unser Platz es so vorschreibt und ragen mit 3,30 m Höhe zwischen den Felsen und anderen Wagen auch ordentlich heraus. Die Karre wackelt wie ein Schiff bei heftigem Seegang und mein Magen hat ähnliche Assoziationen. Ein Versuch, in meinem Alkoven-Bett in den Schlaf zu finden, scheitert kläglich, denn es ist mir nicht nur ein wenig weich in den Knien, ich rechne auch damit, dass wir jeden Moment umkippen. Das Bett des kleinen Kleinen Herrn soll mir in dieser Nacht Zuflucht gewähren. Tapfer hält er mir (schlafend) das Händchen.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

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Foto: Philippe Wyssen

Am nächsten Morgen ist es nur unwesentlich windstiller und das Wetter lässt auch nicht auf baldige Änderung hoffen. Auch wenn der Platz landschaftlich wirklich wunderschön ist und der Mann hin und weg ist, merke ich, dass ich genervt bin und keinerlei Lust verspüre, eine weitere Nacht hierzubleiben: Der Wind macht es nahezu unmöglich, sich mit beiden Kindern draußen aufzuhalten, zumal der kleine Kleine Herr lautstark äußert, wie sehr er dieses Gewehe nicht mag. Auch den großen Kleinen Herrn können wir draußen nicht einfach so spielen lassen, da er es liebt, ausgelassen auf den Felsen rumzuspringen und wir besorgt sind, dass er sich dabei in einem unbedachten Moment auf die Nase legt. Hinzu kommt, dass das Servicehaus, in dem man alle nützlichen Verrichtungen verrichten kann, bei Wind und Kälte fast einen Tagesmarsch entfernt zu liegen scheint. Landschaft hin, Aussicht her – die Gesamtsituation passt mir nicht und ich gehe in schlechter Laune auf. Der Mann wäre nicht mein Mann, wenn ihm die kleine Schieflage entgehen würde. Und er wäre auch nicht mein Mann, wenn er nicht die besten Ideen hätte, alles wieder ins Lot zu bringen: Wir reisen ab.

Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Tiveden und weiter nach Kinnekulle

Nach dem spontanen Grillhappening des Vorabends ist heute zunächst mal vor allem Waschen angesagt. Klingt spannend, ist es aber nicht. Wie alle Gemeinschaftseinrichtungen auf diesem Campingplatz ist auch der Waschraum sauber und gut ausgestattet. Highlight: Ich begegne einem Gecko.

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Beim morgendlichen Wickeln finde ich im Bett des kleinen Kleinen Herrn eine quietschfidele Zecke – bereits die Zweite auf dieser Reise, die andere steckte leider ebenso quietschfidel vor ein paar Tagen im Rücken des großen Kleinen Herrn. Ich muss nicht betonen, dass wir im FSME-Risikogebiet sind und auch nicht, dass wir alle ungeimpft sind. Wir verfallen zwar nicht gleich in Panik, treffen aber ein paar einfache Sicherheitsvorkehrungen (lange Hosen, Hosen in die Socken, Einreiben mit Insektenschutz etc.) und sind im Umgang mit der Natur auf diesem sehr unterholzigen Naturcampingplatz nicht mehr ganz so entspannt wie vor ein paar Tagen noch.

Der Tag plätschert vor sich hin, alle Pläne, die Kinder einmal kreuz und quer durch die Gegend zu schieben, werden durch irgendwas zunichte gemacht, dafür gibt es stundenlange Spiel- und Fußballplatzeinheiten mit dem Papa.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Für den Abend haben sich die holländischen Campingplatzbetreiber dann gleich mehrere besondere Schmankerl ausgedacht: Es gibt Live-Musik mit Stefan van de Sande, hausgemachte Pizza und Getränke und später sogar noch ein Public Viewing zum EM-Finale. Obwohl wir es inzwischen besser wissen könnten, machen wir spontan beim Pizzaplausch mit und sind – das erste Mal auf der Reise – wirklich positiv überrascht. Das, was dort gezaubert wird, erinnert zwar mehr an Flammkuchen als an Pizza, aber es ist frisch, wirklich hausgemacht und sehr sehr lecker. Der anwesende Barde singt hauptsächlich Coversongs mit Gitarre und Mundharmonika, was unaufdringlich ist und uns daher weder stört noch enthusiasmiert.

Foto: Philippe Wyssen

Foto: Philippe Wyssen

Es ist gemütlich bei der kleinen Feierlichkeit, aus den üblichen Gründen müssen wir auf das Public Viewing dann aber verzichten und stattdessen mal wieder den Livestream ausbeuten – für einen doch eher lahmen Kick. Irgendwie schön, dass der EM-Drops nun fertig gelutscht ist.

Foto: Philippe Wyssen

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Da am nächsten Tag eine erneute Waschsession fällig ist, kommen wir – wie so oft – nicht so früh wie geplant vom Platz. Zum Glück ist unser Tagesziel auch nicht in allzu weiter Ferne, rund 100 km fahren wir bis zum Campingplatz Kinnekulle bei Hällekis. Ein verspätetes Mittagspäuschen legen wir in einem wunderschön am Göta-Kanal gelegenen Hotel und Restaurant ein, wo wir für wenig Geld gut essen. Anschließend schauen wir uns bei der nahegelegenen Schleuse an, wie ein Boot den Kanal hoch und ein anderes den Kanal runter geklettert wird. Der große Kleine Herr ist fasziniert und ich schwelge in Erinnerungen, denn vor vielen vielen Jahren bin ich mit dem Boot den kanadischen Rideau-Kanal hochgefahren, auf dem es 50 Schleusen zu bewältigen gab. Ein Jammer, dass das so lange her ist, dass ich das nicht mehr retrospektiv verbloggen kann. 50 Schleusen-Posts, die der Welt also verloren gingen!

Foto: Philippe Wyssen

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Mit gut gefüllten Bäuchen und schönen Erinnerungen geht es weiter in Richtung Campingplatz. Das Wetter eiert weiter rum, so dass wir bei dichter Bewölkung und gelegentlichen Regenschauern auf dem Kinnekulle Campingplatz ankommen.

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Der Platz hat eigentlich alle Voraussetzungen, wirklich schön sein zu können, scheitert aber bei dem Versuch am Ende doch kläglich. Das schlechte Wetter hilft ihm natürlich auch nicht wirklich. So ein schönes Fleckchen Erde – solche unterirdischen Sanitäreinrichtungen! Uns stinkt’s (leider wirklich) und wir sind froh, dass wir nur eine Nacht auf dem Platz verbringen werden.

Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Von Mariefred nach Tiveden

Mariefred und ich – das ist Liebe. Da ist die überschaubar gemütliche Größe des Platzes und seine wunderschöne Lage am See mit Ausblick auf das Schloss Grispholm. Dann sind da die auf eine seltsame Weise tiefenentspannten Camper und all diese Kinder, die fröhlich (und nur halblegal) zwischen den Zelten, Wohnwagen und Campern spielen, ohne dass man fürchten müsse, dass sie im nächsten Moment von einer Batterie Dreiachser überrollt würden. Da sind die niedlichen sanitären Einrichtungen, die zwar in die Jahre gekommen sind, ob ihrer Reinlichkeit aber doch Vertrauen stiften. Und dann ist da diese schöne Sonne, die den Platz ein ein wunderbarer warmes Licht taucht. Ich bin beseelt, „hach!“, wie man jetzt so sagt.

Foto: Philippe Wyssen

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Wie das in der Liebe so ist, gibt es neben den himmelhochjauchzend machenden Momenten auch solche, wo man gemeinsam eben durch muss und so beginne ich den Morgen in Mariefred mit einem ausgiebigen Waschmarathon. Denn selbst wenn man in Sachen Schmutz beim Camping neben Fünfe sogar noch Siebene und Neune gerade sein lässt, so sind die Wäschesäcke bei einer vierköpfigen Familie doch spätestens nach ein paar Tagen prall gefüllt. Aber Waschen hat ja durchaus auch etwas Kontemplatives und glücklicherweise macht mir niemand diese meditativen Momente streitbar. Fast bin ich sicher, dass der Mann in etwa dasselbe Glücksgefühl beim regelmäßigen Reinigen der Chemietoilette empfindet.

Verrichteter Dinge und mit einer gehörigen Portion Idyll betankt, fassen wir gegen Mittag das nächste Etappenziel ins Auge, den Campingplatz Tiveden in der Nähe des Tiveden Nationalparks, etwa 215 km von Mariefred entfernt. Da wir es gemütlich haben angehen lassen und entsprechend spät unterwegs sind, verzichten wir unterwegs auf ausgiebige Pausen und begnügen uns mit selbstgeschmierten Sandwiches im Schatten des gelben Ms und Dammsugare, die beim großen Kleinen Herrn auch „Das Ekelhafte“ heißen, die sich bei beiden Elternteilen aber großer Beliebtheit erfreuen.

Foto: Philippe Wyssen

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Unterwegs stellt der Mann fest, dass in Schweden viel mehr Oldtimer gefahren werden als in Deutschland oder der Schweiz und – in der Tat – es begegnen uns auffällig viele alte Amischlitten während der Fahrt. Man ist schon geneigt, das irgendwie ins Schweden-Stereotyp hineinzuweben, googelt aber noch mal kurz und findet dann heraus, dass diese Häufung in kausalem Zusammenhang mit einem DEM US-Car-Festival in Västerås stehen dürfte. Ob nun typisch schwedisch oder nicht – cool sind die vielen alten Schiffe allemal und auf einigen Campingplätzen begegnen sie uns sogar mit passenden Wohnwagen.

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Gegen frühen Abend erreichen wir den Campingplatz Tiveden, der uns sehr freundlich empfängt und uns ein hübsches Plätzchen direkt am See zuteilwerden lässt. Zwischen dem See und unserem Stellplatz liegt eine Grillstuga, die man stundenweise mieten kann. Beim Gedanken an Feuer ist der Mann gleich Flamme und so dauert es nur knapp ein, zwei oder drei Stunden, bis sich drei Viertel der Familie etwas verräuchert aber glücklich fleischfreies Grillgut einverleiben, während ein Viertel bereits in süßen Träumen schwelgt. Der Geruch von verbranntem Holz ist am Lagerfeuer zweifelsohne schön, in Haaren und Klamotten aber besonders für mein feines Näschen eher störend. Ich ordne daher eine Massenduschung an, was eine besondere Herausforderung ist, da wir nur genau ein 5-Kronen-Stück (aka fünf Minuten duschen) zur Hand haben. Das überlassen die Gentlemänner galant das Dame des Hauses, während sie selbst mit Kaltwasser und am Waschbecken geschöpften Warmwasser experimentieren. Die gesamte Kleidung wird noch schnell in den Kofferraum verbannt, bevor wir gemeinsam das kleine Viertel in seinen süßen Träumen besuchen.

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Die wunderbare Reise der kleinen Mellcolm mit den Wildfängen – Stockholm, der zweite Tag und Mariefred

Der Tag beginnt mit meinem Ausflug in die Värdcentral, wo ich pünktlich um 9:30 Uhr erscheine. Ich komme recht schnell dran, werde von einer netten Ärztin behandelt, muss einen Rachenabstrich und Blut abgeben und weiß nach nur 15 Minuten, was mein Problem ist: Streptokokken. Nicht etwas, das man unbedingt im Urlaub (oder überhaupt) braucht, aber wenigstens etwas, das man mit Penicillin recht schnell in den Griff bekommt. Obwohl ich mir zunächst etwas unsicher war, ob so ein Arztbesuch im Urlaub wegen ein paar Halsschmerzen wirklich not tut, bin ich nun froh, dass ich mich dafür entschieden habe. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich in den letzten fünf Tagen niemand anderen angesteckt habe, denn das wäre auf so einer Reise mehr als blöd.

Foto: Philippe Wyssen

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Ursprünglich hatten wir geplant, in Stockholm drei Nächte zu bleiben, aber der Campingplatz ist so wenig inspirierend, dass wir uns entscheiden, heute schon abzureisen. Da wir nochmal in die Stadt wollen, verhandeln wir aus, dass wir das Wohnmobil bis etwa 18 Uhr auf dem Gelände des Platzes parken können. Unter der ersten Penicillingabe und Schmerztabletten geht es mir deutlich besser und wir fahren erneut mit der U-Bahn in die Innenstadt, diesmal mit den Zielen Norrmalm und Shopping. Norrmalm gefällt mir außerordentlich gut. In der Drottninggatan und den umliegenden Straßen gibt es zahlreiche Geschäfte mit allem, was das Herz so begehrt. Hier ist es vielleicht ein bisschen mainstreamiger als in Södermalm, aber damit kann ich ganz gut leben. Ich bin wohl einfach nicht mehr so Prenzlauer Berg im Alter. Wir beginnen den Stadttrip mit einem typisch schwedischen Essen im Vapiano – keine Pointe.

Heute bin ich vor allem auf der Jagd nach schönen Dingen für meine tollen Kinder. Darum führt mich mein Weg zum Spielwarenparadies Krabat und zum schwedischen Kindermodelabel Polar O. Pyret, wo ich für die beiden Kleinen Herrn irgendwas mit Traktor erwerbe. Den Abschluss des Tages bildet ein Capuccino im Bianchi –Café & Cycles, wo es neben echt italienischem Ambiente auch den dazu gehörigen leckeren Kuchen gibt.

Auch wenn uns Stockholm in zwei Tagen nun doch noch von sich überzeugen konnten, sind wir heilfroh, als wir abends wieder auf dem Bock sitzen und die Stadt hinter uns lassen können. Es ist alles andere als leicht vom Campingmodus in den Stadtmodus umzuschalten, habe ich gelernt.

Unser Ziel für die Nacht ist der Campingplatz Mariefred, über den wir nur Gutes gehört und gelesen haben. Der Platz liegt nur rund 80 km westlich von Stockholm direkt am riesigen Mälarsee. Ich bin von diesem kleinen Plätzchen und seiner Lage sofort hin und weg. Hier ist alles so friedlich und entschleunigt – genau richtig, um ganz schnell wieder von der städtischen Campingerfahrung weg zu kommen. Einmal Nudeln mit Tomatensauce in der Abendsonne vor dem Wohnmobil und alles ist wieder gut.

Foto: Philippe Wyssen

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