Zu Gast bei fremden Freunden

In unserem letzten Toskana-Urlaub 2019 haben wir unsere Vorliebe für Home Restaurants entdeckt. Das sind Restaurants, die eigentlich keine sind. Man sitzt in Wohnstuben, Esszimmern, Garagen oder auf Balkonen von Leuten, mitten in deren Leben und isst, was immer sie einem auf den Tisch stellen. Manchmal gibt es eine kleine handgeschriebene Karte, manchmal gibt es eben einfach das, was der Kühlschrank oder die Speisekammer so hergibt. Oft stammt der überwiegende Teil dessen, was kredenzt wird, aus eigener Produktion. Selten gibt es zu wenig, oft das genaue Gegenteil.

Auch ihn diesem Urlaub haben wir an einem sonst eher gammeligen Tag ebenso hungrig wie spontan nach einem Restaurant (ungleich Pizzeria) gesucht. Dem Mann ist das Finden von kulinarischen (und anderen) Kleinoden durch all unsere Urlaube in Fleisch und Blut übergegangen und so hat er uns kurz vor einem innerfamiliären Handgemenge zielstrebig zu Fabri’s Home Restaurant navigiert, das laut der Aussage einer nicht immer glaubwürdigen digitalen Quelle quasi rund um die Uhr geöffnet sein sollte, was – wie wir alle wissen – eigentlich gänzlich unitalienisch ist.

Aber wenn eine Familie am späten Nachmittag völlig überraschend einen beinahe lebensbedrohenden Hunger verspürt, ist sie natürlich geneigt, lieber dem Wunsch als dem Verstand zu glauben. Punkt viertel nach fünf standen also vier hungrige Touristen vor dem Home von besagtem Fabri und trafen diesen, noch völlig unbeschürzt, vorm Haus beim Plausch mit seiner Mama. Um sechs öffne er, eröffnete er uns. Wir könnten aber gerne reservieren. Wer (unsere oder ähnliche) Kinder hat, der weiß, dass es keine Option ist, deren Hunger zu sagen, dass er sich gefälligst eine Dreiviertelstunde gedulden solle, und so zogen wir immer noch hungrig und ohne weiterführende geschäftliche Vereinbarung wieder ab und überließen Fabri und seine Mutter wieder ihrem Plausch. Wäre doch gelacht, wenn wir nichts anderes finden würden!

Wir fuhren also eine Viertelstunde, um den nächsten Stop anzufahren, ein Pizzaladen zwar, aber immerhin offen und mit annehmbaren Bewertungen. Dort angekommen mussten wir einsehen, dass sich der Laden vielleicht durch okaye Pizza, sicher aber nicht durch ein einladendes Ambiente auszeichnete und da wir ohnehin ja eigentlich keine Pizza wollten, fuhr unsere kleine Reisegruppe mit zunehmend schlechterer Laune gleich weiter.

Nächster Stopp, wieder zehn Minuten weiter: eine schnuckelige toskanische Osteria, die wohl als Geheimtipp gehandelt wurde. Wieder insistierte Google „jetzt geöffnet“, die verschlossene Tür und das daran angebrachte Schild („chiuso la domenica pomeriggio“) bewiesen jedoch das Gegenteil. Wieder zehn Minuten weiter der nächste Versuch, der zumindest als Teilerfolg durchging, denn das Etablissement war geöffnet. Das Publikum erinnerte aber sehr stark an eine geschlossene Gesellschaft mit Fokus auf ältere Mitbürger*innen – wir waren auch hier nicht überzeugt.

Der sonst sehr geduldige Mann hatte die Nase voll und verkündete, dass wir dann halt wieder nach Hause führen und dort selbst kochten, was zu unschönen Szenen auf der Rückbank führte, die damit endeten, dass der Mann entnervt bei Fabri anrief, um ihm zu sagen, dass wir uns die Sache mit der Reservierung noch mal durch den Kopf gehen lassen hatten.

Es war inzwischen kurz nach sechs und Fabri ging nicht ans Telefon, was die Rückbank vollends eskalieren ließ. Die Kinder waren ganz kurz davor, sich selbst zu Adoption freizugeben, als das Telefon des Mannes uns klingelnd Rettung brachte. Es war Fabri, der netterweise zurückgerufen hatte und SELBSTVERSTÄNDLICH einen Tisch für uns hatte. Gegen halb sieben (also mit seit mehr als einer Stunde knurrenden Mägen) kamen wir also wieder dort an. Wir hatten kurz überlegt, wie Kaspar und Seppel beim Räuber Hotzenplotz die Kopfbedeckungen zu tauschen, damit wir nicht erkannt werden, verwarfen den Gedanken aber dann doch wieder und wurden erkannt. „Ah!“, sagte Fabri, aber er sagte es nicht siegesgewiss, sondern vielmehr erfreut. Und so freuten wir uns alle aus unterschiedlichen Gründen ein wenig in diesem Moment.

Das Wetter an diesem Abend zeigte sich etwas unstet und so verschmähten wir zunächst die bereits für uns eingedeckte Terrasse und ließen uns in die Garagenabstellkammer führen, wo Fabri in Windeseile eine Art Gastraum erschuf. Wir bekamen eine hübsche Tischdecke, Geschirr und Besteck und wurden der ganzen Familie vorgestellt – er sei Fabri, eigentlich Fabrizio und dann sei da noch Sandro, sein neunjähriger Sohn und die Nonna (seine Mama), die in der Küche stehe und koche.

Während Fabri den Tisch deckte, plauderte er unentwegt freundlich auf uns ein. Wir verstanden wenig, nickten aber stets ebenso freundlich und gaben – wenn es sich anbot – ein paar Brocken unserer neu erworbenen Italienischkenntnisse zum Besten. Fabri lobte den Mann für sein hervorragendes Italienisch und als dieser dann offenbarte, dass er aus der Schweiz komme, war für Fabri glasklar, warum dieser Fremde seine Sprache so gut beherrschte. Geschenkt, dass der Mann in der Schweiz kein Wort Italienisch gelernt hatte und jetzt einzig und allein auf Mafiafilmen aufbaute – für die spontane Verbrüderung mit dem emsigen Hobbywirt spielte das keine Rolle.

Fabri und die Seinen verwöhnten uns an diesem Abend, als gäbe es kein morgen. Wir bekamen zum Einschwingen einen etikettlosen, aber sehr wohlschmeckenden Prosecco, der dann von einem fantastischen Rotwein – mit hübschem Etikett – abgelöst wurde. Was das Essen betraf, so waren wir für Fabri und seine Mama natürlich als Vegetarier eine echte Herausforderung, denn im Zentrum seines inneren Speiseplanes steht Fleisch aus eigener Zucht, allem voran das berühmt, berüchtigte „Bistecca fiorentina“.

Aber Fabri ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und wir bekamen ein vegetarisches und – für die Kinder – nicht-vegetarisches Feuerwerk: Bruschetta mit Tomaten aus eigenem Anbau, Fleischbällchen, drei Sorten Pecorino mit Trauben, einen ganz besonderen Parmesan mit Zwiebelkonfitüre, Prosciutto crudo, Pasta mit frischer Tomatensauce, Pasta mit Ragout, Salat, einen weiteren besonderen Käse mit irgendwas – diesmal warm -, gegrillte Auberginen und als Krönung dann für die Kinder tatsächlich noch das Bistecca, das er vorher stolz in Rohform seinen insgesamt sechs Gästen präsentierte. Den Abschluss machten dann spektakuläre Cantuccini, ein erlesenes Likörchen sowie ein Brandy mit frischer Orangenschale. Am Ende waren Vier sitt, satt und voller Glück über diesen einzigartigen Abend, der sich gar nicht so abgezeichnet hatte und an dem wir ein paar Stunden in das Leben von Fabri und seiner Familie eintauchen durften.

Nachschlag

Auch wenn ich aus naheliegenden Gründen der Nutztierhaltung nichts abgewinnen kann, muss ich doch anerkennen, mit wie viel Freude es mich erfüllt hat zu sehen, wie stolz Fabri auf die Produkte ist, die er auf seinem eigenen Hof herstellt. Mir schien es fast, als betreibe er sein Home Restaurant nicht, um damit viel Geld zu verdienen, sondern um seinen Stolz auf das, was er produziert, mit anderen Menschen zu teilen. So hatte das ein bisschen was Richtiges in allem, was daran natürlich weiterhin falsch ist.

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