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Asiawoche, Teil XI: Süßer Gruß aus der Küche

Das-große-FressenNachdem ich meine sieben Sachen wieder beisammen hatte, war ich bereit die schützenden Mauern des Flughafens hinter mir zu lassen und mich in die Welt der Andersartigkeit zu stürzen. Draußen wartete im Pulk der Empfangskomitees bereits meine chinesische Kollegin mit einem Schild das meinen Namen trug. Sie hatte mir bereits vorab ein Foto des Schildes zugeschickt, damit ich es am Flughafen wiedererkennen würde. Wir schnappten uns ein Taxi – eines der zwölf englischen Cabs, die es in Beijing gibt – und ließen uns auf direktem Wege zum Hotel chauffieren. Die Fahrt dauerte eine gute halbe Stunde und kostete keine 9 €. So teuer, wie mir Japan erschienen war, so lächerlich nahmen sich die chinesischen Preise daneben aus.

Das “Hotel G” war mindestens eine so große Überraschung wie der Flughafen: Ein Designhotel im europäischen Stil – absolut durchgestylt und dennoch bezahlbar. Außerdem war es ein Tummelplatz der italienischen Modegrößen, wie ich mir hatte sagen lassen. Also genau das richtige Umfeld für mich. Das Zimmer war sehr dunkel eingerichtet, mit vielen Lampen und allerlei Designschnickschnack.  AsiaMeine Tokioter Schlafzelle hätte etwa viermal in den Saal hinein gepasst, den man mir hier anbot. Funky. Weiterlesen

Asiawoche, Teil X: Der zweite Hauptgang (Peking-Ente)

der-zweite-hauptgang1Liebe Flughafendurchsagensprecher, Flugkapitäne und Stewardessen: Es gibt übrigens Informationen, die der gemeine Flugängstling nicht unbedingt haben möchte! Dazu gehören sowohl die Aufforderung, vor dem Flug noch einmal die Toilette aufzusuchen, da dies während des Fluges möglicherweise nicht durchführbar sein wird sowie auch die Ansage, dass man aus ähnlich erschütternden Gründen den Snack vorsichtshalber vor dem Abflug bereits auf dem Boden servieren wird. In die Reihe passt übrigens auch der Hinweis, dass sich der Abflug wegen technischer Schwierigkeiten bis auf Weiteres verzögern werde.

Natürlich wurde mein Flug von Tokio nach Beijing von einer solchen Ansage eingeleitet, die bedrohlich durch die Flughafenlautsprecher schallte. Gemeint waren zwar die Passagiere eines Fluges nach Shanghai, aber da Shanghai nun auch irgendwie in China liegt, fühlte ich mich gleich mit angesprochen und leerte prophylaktisch –sicher ist sicher– eine halbe Flasche meiner geliebten Notfalltropfen. Meiner daraus resultierenden Fahne nach zu urteilen mussten mich die Stewardessen bereits beim Betreten des Flugzeuges für im höchsten Maße alkoholkrank halten –es war ja nicht mal 10:00 Uhr morgens- aber zurückhaltend und höflich wie die Japaner sind, ließen sie sich nichts anmerken. Stattdessen hätschelten und tätschelten sie mich.

Während ich den Start noch als „piece of cake“ einstufen würde, verlief der restliche Flug ganz und gar nicht nach meinen Vorstellungen: Wir wackelten uns von Tokio nach Beijing. Wie üblich verlieh ich meiner Unzufriedenheit mit dieser Situation durch eine konsequente Verweigerung jedweder Nahrungsaufnahme Ausdruck. Die Stewardessen schauten höflich besorgt oder umgekehrt und fragten in 5-Minuten-Abständen bei mir nach, ob sie mir nicht doch langsam mein Essen servieren dürften. Irgendwann zwang ich mich, einen trockenen Muffin und ein Glas Wasser anzunehmen – ich bin ja schließlich kein Unmensch.

Um mich zu beruhigen starrte ich während des gesamten Fluges wie gebannt aus dem Fenster. Kann man eigentlich mit der minutiösen Observation verschiedener Wolkenformationen von oben ein Zubrot verdienen? Irgendwann waren die Wolken dann weg und zu meiner großen Freude konnte ich die chinesische Mauer von oben sehen. Erstaunlicherweise verläuft sie mitten durch Korea, wie mich das kleine Flugzeug auf dem großen Bildschirm vor mir lehrte. Ich kann mir gut vorstellen, dass die einstiegen Bauherrn im ekstatischen Eifer des Gefechtes einfach über das Ziel hinaus geschossen waren und bei den nordkoreanischen Freunden weitergebaut hatten. So etwas kommt doch in den besten Kommunismen vor!

Irgendwann hatte das Gewackel ein Ende. Es muss wohl im Moment der Landung gewesen sein. Ich war ganz schön aufgeregt, als ich in Beijing dem Flugzeug entstieg – das war mein erstes Mal im Land der begrenzten Möglichkeiten und ich hatte keine Ahnung, wie sich das alles wohl am Ende für mich anfühlen würde. Erstaunlicherweise fühlte sich schon der erste Schritt auf pekinesischem Boden weniger fremd an, als dies in Tokio der Fall gewesen war. Der Flughafen entpuppte sich als ein modernes, helles Gebäude mit viel Glas und Stahl und ich schämte mich ein wenig, dass ich wohl eher eine morsche Holzhütte erwartet hatte. Die chinesischen Grenzer und Zöllner waren nicht merkwürdiger als ihre japanischen Kollegen und alles in allem verlief der Einlass in das Land, über das ich eigentlich gar nichts wusste, sehr sanft und ohne besondere Vorkommnisse. Auch die Toiletten waren Toiletten, waren Toiletten, waren Toiletten….

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Bild: Nocturne / Flickr

Asiawoche, Teil IX: Das feuchte Tuch zwischendurch

das-feuchte-tuch-fur-zwischendurch1Am nächsten Tag setzte ich mich bereits in aller Herrgottsfrühe in Richtung Flughafen in Bewegung. Genauer genommen ließ ich mich in Bewegung setzen. In einem Land, in dem man nicht mal erahnen kann, welche Bedeutung die Worte haben, lernt man sehr schnell, wildfremden Menschen zu vertrauen. Nicht, dass man eine wirkliche Wahl hätte… Ich vertraute also dem freundlich lächelnden Hotelpagen, dass er dem nicht minder freundlich lächelnden Taxifahrer verständlich gemacht hatte, wohin er mich zu verfrachten habe. Als dieser mich dann im Irgend- oder Nirgendwo vor einer verschlossene Türe absetzte machten sich erste Zweifel an der Fruchtbarkeit dieser Kommunikation breit. Zweite und dritte kamen schnell dazu, denn der Eingang zum Monorail-Bahnhof wollte sich partout nicht blicken lassen. Der große Weiße, der irgendeine seltene Art von Treppenphobie hatte ließ sich von mir einmal rund um das Gebäude schleppen. Ganz offensichtlich hatte er in den letzten Tagen zu allem Überfluss einige Pfunde zugelegt. Verdenken konnte ich es nicht wirklich, denn der Arme musste ja wie es für Koffer nun mal leider üblich ist, tagelang mutterseelenallein im Hotelzimmer rum liegen.

Der richtige Eingang zum Bahnhof lag lustigerweise genau an der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs. [Ich meine dieses andere lustig, das sich einem frühestens beim zweiten oder dritten Blick erschließt. Gelegentlich auch gar nicht.] Ich kaufte uns eine Fahrkarte und stellte mich anschließend brav in die lange Schlange der auf den nächsten Zug Wartenden. Auf dem Boden war eigens dafür eine Linie eingezeichnet, so dass wir beim Warten nahezu umfassend vor etwaigen Fehltritten geschützt waren. Der Zug fuhr ein und die Schlange setzte sich in Bewegung. Wie so häufig in Tokio passte weitaus mehr Mensch in den Zug als man zunächst für möglich gehalten hätte. Und auch viel mehr, als ich für angebracht hielt. Am Ende war der Zug zum Bersten voll und draußen hatte sich bereits brav eine neue Schlange aufgereiht. Während ich draußen noch allenfalls von vorne und hinten eingekesselt worden war, kam es im Zug aus allen Richtungen – begleitet von einer nicht wegzuleugnenden Knoblauchseligkeit.

Hinter mir stand einer, der offensichtlich das erste Mal in seinem Leben eine Stadt gesehen hat. Er fotografierte vom Zug aus aufgeregt mal in diese mal in jene Richtung, nicht ohne mir bei jeder Drehung seinen überdimensionalen Rucksack ins Kreuz zu hauen. Ein anderer Mitreisender, der die Attacken auf mein Kreuz mitbekommen hatte, versuchte, mich vor diesem ungehobelten Rempler zu retten – leider ohne jeden Erfolg. Der Landjapaner fotografierte und rempelte munter weiter. Wider Erwarten erreichten wir irgendwann den Flughafen, wo der Zug uns alle auf einmal mit Schwung ausspuckte. Als ich mich Richtung Ausgang bewegte und die Ausgangsschleusen erblicke fiel mir ganz schlagartig ein, dass ich meine Fahrkarte zwar in der Eingangsschleuse versenkt, sie aber vor lauter Irritation dort hatte stecken lassen. Und nun stand ich da: Keine Fahrkarte, kein japanisches Wort der Erklärung auf den Lippen. Ich schnappte mir den nächsten verfügbaren Aufseher und berichtete ihm auf Englisch von meinem Malheur. Er verstand kein Wort, ahnte aber aus naheliegenden Gründen, dass mein Problem irgendwas mit Zugfahren und Fahrkarten zu tun haben musste.

Im Nachhinein glaube ich, dass er mehr Angst vor mir hatte als ich vor ihm. Denn hätte er mit mir schimpfen, mich ermahnen, mich des Landes verweisen oder mich was-auch-immer-in-solchen-Situationen-in-Japan-üblich-ist wollen, so hätte er das auf Englisch tun müssen. So entschied er sich, mich durchzuwinken und schnell so zu tun, als sei ich ihm nie begegnet. Check-In, Lounge-In und Board-In(g) verliefen ohne weitere Vorkommnisse. Ich kehrte Japan den Rücken, um in China einzufallen.

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Bild: iMorpheus / Flickr

Asiawoche, Teil VIII: Der dritte Zwischengang

Neu_GonpachiAn meinem letzten Abend in Wonderland entscheide ich mich, die Shoppingmeilen hinter mir zu lassen und mich den sonstigen Attraktionen der Stadt zu widmen. Die erste Etappe der kleinen Einpersonen-Kaffeefahrt bringt mich nach Roppongi. Vom 52. Stock des Mori-Towers in Roppongi Hills habe man angeblich einen phantastischen Panaromablick über die ganze Stadt. Und das bisschen Höhenangst wird eine Heldin wie mich doch nicht davon abhalten, mir Tokio aus der Pekingentenperspektive anzusehen. Wohl dem, der sich irgendwann anschicken wird, Panoramablicke vom Erdgeschoß aus anzubieten! Todesmutig beschreite ich also den Fahrstuhl des Grauens. Selbst das auf Halloween gebürstete Personal vermag es nicht mehr, mich in Angst und Schrecken zu versetzen. Im 52. Stock presst sich die versammelte Gesellschaft an die großen Panoramafenster. Nur eine einzige Besucherin versucht den jeweils größtmöglichen Abstand zum Abgrund zu halten. Erstaunlicherweise sieht diese aus wie ich und fühlt sich auch genau so an. Zufälle gibt’s! Aber auch die sichere Distanz kann den Rundblick über die Stadt nicht verhindern. Ich bin ausgeliefert. Nicht mal die an die Fenster gepressten Menschenmassen schützen mich vor der drastischen Wahrheit: Tokio – so weit das Auge reicht; Tokio, eine Stadt ohne Ende. Ich muss zugeben, dass ich schockiert bin. Bis zu diesem Moment hatte ich an Berlin und Köln, an Brüssel und Castrop Rauxel geglaubt. Und mit einem Mal wusste ich: Es gibt nur Tokio. Zu gleichen Teilen von Höhe und Erkenntnis benommen verlasse ich die Schreckensszenerie. Einer Folterkammer entkommen, für die ich sogar freiwillig Eintritt in apothekaler Höhe zahlt.

Ich entscheide mich für die Flucht aus der harten Wirklichkeit, hinein in die Welt der Illusion und plane spontan mich mit Haut und Haaren dem in Tokio nicht unüblichen Filmkulissenaufsuchtourismus hinzugeben. Da meinen Magen nahezu gleichzeitig ein Gefühl der Leere aufsucht und man mir Fleisch in Aussicht stellte, begebe ich mich auf direktem Wege zum nächsten Etappenziel, jedoch nicht ohne vorher einen guten Kilometer in die falsche Richtung gelaufen zu sein. [Es ist kaum mehr als ein Gerücht, dass ich aus nicht nachvollziehbaren Gründen für meine kleine Tour unbedingt die neuen Stiefel aus dem Schuhübergrößenladen anziehen musste, die nicht nur ein wenig zu eng sondern auch ein wenig zu hoch geraten sind.] Das Gonpachi ist so was wie die japanische Antwort auf ein Steakhouse. Es gibt dort sogar Koberind. Das Restaurant diente als Vorbild für die Kulisse der Gemetzelszene in Kill Bill. Weiterlesen

Asiawoche, Teil VII: Sorbet

Shibuya-CrossingZwei Tage sind nicht annähernd genug Zeit, um Tokio gesehen zu haben. Aber man kann sich einen guten Überblick über die wichtigsten Einkaufsstraßen verschaffen. Und feststellen, dass man sich das Shopping dort eigentlich nicht leisten kann. Und dass man für japanische Verhältnisse ohnehin zu große Füße hat. Es gibt dieselben Marken wie in Europa, aber zu deutlich höheren Preisen. Labels sind den Japanern wichtig. Was nichts kostet, ist auch nichts.

Ein Kontrastprogramm zu den mit europäischen Marken gespickten Prachteinkaufsvierteln wie Ginza oder auch die Omotesando ist die junge japanische Mode von Shibuya. Sie ist wild. Und sie ist laut. Im 109 –DEM Kaufhaus für Tokios Teens- gibt es auf drölf Etagen den letzten Schrei, nur dass man ihn wegen der lauten Techno-Musik, die aus jedem Laden schallt nicht hört. Außer mir ist in diesem Shopping-Center niemand älter als 14, aber da die vornehmlich anwesenden jungen Damen durch die Bank weg auf Mitte zwanzig geschminkt sind, falle ich als Quasi-Mittzwanzigerin gar nicht besonders auf. Klar ist, dass die Jugendlichen in Tokio einen Style-Fetisch haben. Schulmädchen- und Lolita-Look liegen ganz weit vorne und auch inkarnierte Manga-Charaktere sieht man an jeder Ecke. Wichtig ist bei jedem Styling gleichermaßen, dass an allen Handys – man präferiert hier ganz eindeutig die aufklappbare Variante – ein mindestens bernhardinergroßes Kuscheltier oder irgendeine andere Form von Gepuschel hängt. Ein bisschen wie Disneyland, nur in echt. Mit Schneewittchen, Dornröschen und allen anderen Märchenbräuten.

Das_Manga

Als europäische Frau ist man in Tokio so gut wie durchsichtig. Und zwar sowohl für die japanischen Männer als auch für die vielen Touristen, denen bei so viel zur Schau gestellter asiatischer Schönheit an allen Ecken die Augen übergehen. Das Gute daran: Man wird von nichts und niemandem belästigt. Allerdings wäre man auf die Dauer wohl ganz schön einsam hier. Und die gesalzenen Preise machen es zumindest für eine europäisch gegerbte Geldbörse schwierig, der Einsamkeit mit einer ausgedehnten Shoppingtherapie zu trotzen.

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Asiawoche, Teil VI: Der zweite Zwischengang

UnterwegsDer homo tokiensis ist im Allgemeinen kleiner und zierlicher als sein westliches Gegenstück. Er trägt bevorzugt Anzug, wenn er ein er ist und irgendwas anderes Adrettes, wenn er eine sie ist. Hauptsache die Absätze sind hoch, das Make-up ist üppig und das Haar sitzt. Gerne pflegt man auch einen Hauch Extravaganz. Das zweithäufigste Kleidungsstück neben dem Anzug ist der Mundschutz, den es in zahlreichen Spielarten gibt. Am gebräuchlichsten ist wohl das „Ein-bis-zwei-Mal-tragen-und-dann-entsorgen-Modell“, aber auch das Modell „Maulkorb“ scheint sich zielstrebig an die Spitze vorzukämpfen. Über die Gründe, warum dieser Mundschutz getragen wird, scheiden sich die Geister. Die einen sagen, die Leute wollen sich vor Krankheiten schützen (Als ich im Taxi einmal kurz wegen der trockenen Luft husten musste, hatte der Fahrer binnen Nanosekunden einen Mundschutz an.), die anderen unterstellen die deutlich altruistischere Motivation, den Rest der Welt vor der eigenen Verseuchtheit schützen zu wollen. Beide Ansätze sind angesichts der Hygienebesessenheit der Japaner zwar denkbar, meiner Ansicht nach aber schlichtweg falsch. Viel realistischer erscheint mir da doch der folgende Ansatz: Japan ist das Land des Fischs. Er kommt in allen Erscheinungsformen und Aggregatzuständen daher und ist des Japaners liebstes Lebensmittel. Allerdings kann man davon ausgehen, dass den Japanern vom übermäßigen Fischkonsum im Laufe der Zeit Fischlippen wachsen. Und weil genau das immer mehr Japanern passiert und Fischlippen bei Nichtfischen nun mal merkwürdig aussehen, tragen die betroffenen Japaner eben einen Mundschutz als Sichtschutz. [Das ist jetzt allerdings auch nur eine Theorie…]

Theorien wie diese entstehen beispielsweise, wenn ich an einer der Haupteinkaufstraßen (Omotesando) vor dem GAP sitzend auf meine Kollegin warte und die Menschen beobachte. Es gibt hier so viel zu sehen, am liebsten hätte ich noch  vier Augen um nichts zu verpassen. Da kommt von links ein hübsches Liebespaar. Beide tragen Mundschutz und halten Händchen. Mir kommt so viel Hygiene in der Welt der Liebe so deplatziert vor. Oder ist es sogar umgekehrt? Von rechts nähert sich eine Gruppe gutgekleideter Herren, die mit großen Zangen den Müll von der Straße aufsammeln. Auch das passt für mich nicht zusammen. Aber in seiner Andersartigkeit ist alles dann auf einmal doch wieder stimmig. Und sogar die Frauen im Kimono, die in ihren engen Röcken und den Zehensandalen nur zaghafte, etwas unrund anmutende Schritte machen können. Auch die sind ein Teil des Ganzen.

Make-a-wish

Die Kollegin bringt mich zum Meiji-Schrein und erklärt mir, dass hierhin die drei-, fünf- und siebenjährigen Kinder kommen, um sich segnen zu lassen. Es sind eine Menge dieser kleinen Leute unterwegs und sie sind mit farbenfrohen Kimonos herausgeputzt. An anderer Stelle im Schrein wird gerade eine Hochzeitsgesellschaft fotografiert. Die Braut versucht zu lächeln, ohne die Zähne dabei zu zeigen. Das ist auf solchen Bildern verpönt. Eine weitere Hochzeitsgesellschaft hat die Feierlichkeiten noch vor sich und schreitet in einer langen Prozession durch die Gänge des Schreins zur Tat. Wir spenden eine Münze, wünschen uns was und klatschen einmal kurz in die Hände. Und ehe ich mich versehe, stehe ich inmitten der Neonreklamen an der Shibuya Crossing und bin vom traditionellen Japan wieder viele Meilen entfernt.

Fürs-Familienalbum

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Asiawoche, Teil V: Die erste Hauptspeise (Teriyaki – 照り焼き)

die-erste-hauptspeise1Die U-Bahn bildet zusammen mit der JR das zentrale Nervensystem der Stadt. Man kommt in kürzester Zeit in die entlegensten Winkel und die Bahnen fahren im Minutentakt. Da die Japaner es mit dem Englischen nicht an allen Stellen so wirklich haben, fühlt man sich anfangs beim Anblick des U-Bahn-Plans ein bisschen wie der Ochs vorm Berg, aber das legt sich eigentlich schnell. Man kann nicht wirklich viel verkehrt machen – nicht mal beim Ticketkauf. Die Japaner haben für ihre Fahrscheine ein beeindruckend einfaches System ausgeklügelt, das dafür sorgt, dass man egal wo man hinfährt immer den richtigen Fahrpreis bezahlt und zwar ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Die Geheimwaffe nennt sich „Fair adjustment“ und das Prinzip ist denkbar einfach: Man kauft sich immer die billigste Fahrkarte für 160 oder 170 Yen und fährt damit dann erst mal los. Am Zielort angekommen steckt man die Fahrkarte dann in den Fair-adjustment-Automaten und der sagt einem genau, ob der bereits entrichtete Fahrpreis ausreichend war oder ob man noch nachzahlen muss. Da man ohne Fahrkarte weder zur U-Bahn kann noch aus dem Bahnhof heraus kommt, führt am Bezahlen kein Weg vorbei. Aber man muss wenigstens nicht einen Moment darüber nachdenken, welches der richtige Preis für die gewünschte Fahrstrecke ist.

Tokio ist die Stadt der tausend Köstlichkeiten. In manchen Vierteln Reihen sich die Restaurants wie Perlen auf einer Schnur auf. Die meisten sind auf die unterschiedlichen japanischen Spezialitäten ausgerichtet, aber auch die sonstige asiatische und die europäische Küche sind vertreten. Kosmopoliten wie ich essen aber auch in Japan gerne zum Dinner mal nur Kleinigkeiten, wie etwa die Tafel Schokolade die man noch aus dem Flieger retten konnte oder auch die Käsecracker aus der Minibar. Eine wahre Geschmacksexplosion, die mir den ersten Abend in Tokio durchaus versüßte.

Am Mittag des zweiten Tages durfte ich dann mit zwei Japanerinnen unter Anleitung etwas traditioneller japanisch essen gehen. Ein vegetarisches Buffet, Klebreis und Miso-Suppe. Das Essen sah hübscher aus, als es lecker schmeckte. Am Ende war noch die Hälfte übrig und ich war nicht wirklich satt. Dafür sorgte das gute alte Stäbchenspiel aber dafür, dass das Essen und ich uns köstlich miteinander amüsierten. Und gute Freunde isst man ja auch nicht einfach auf.

Lansch

Auf dem Heimweg vom Büro (diesmal zu Fuß) kam ich an einem Vergnügungsviertel vorbei und entschloss mich, dort mein Essen für den Abend zu jagen. Dort gab es zahlreiche Restaurants, Clubs und Spielhöllen, die bis unter die Decke mit Anzugträgern vollgestopft waren. Dazwischen überall Neonreklame und viele Menschen mit schlimmer Alkoholfahne. Das Ganze wie immer in gestriegelt und gespornt. Da die japanischen Restaurantbetreiber meiner und ich ihrer Sprache nicht mächtig waren, fanden wir an diesem Abend nicht zusammen. Die vielen bunten Bilder und die ausgestellten Plastikspeisen waren mir leider auch keine Hilfe. Zu groß war meine Sorge, dass fälschlicherweise statt eines Geflügelirgendwas ein Fischirgendwas in meinem Mund landen könnte. Kurzerhand (und da ich es ein wenig eilig hatte) entschied ich mich für ein Sandwich bei Subway, das ich aber als Option schon wieder verworfen hatte, als ich bei dessen Zubereitung zusehen musste. Ich zahle brav, aber wusste schon, dass dieses Sandwich und ich nie gemeinsame Sache machen würden. In letzter Verzweiflung fand ich einen Delikatessenladen, in dem ich französischen Käse, spanische Oliven und italienisches Knoblauchbrot kaufte. Und eine Dose japanisches Bier. Das war sehr lecker. Eines muss man diesen Japanern lassen: Sie verstehen wirklich was von gutem Essen. Nicht zuletzt deshalb freute ich mich darauf, am Wochenende die weiteren kulinarischen und sonstigen Höhepunkte der Stadt zu erkunden. Und mir vor allem auch diese Spezies etwas genauer anzusehen.

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Asiawoche, Teil IV: Die zweite Vorspeise

Toilet controlsDas Hotel (The New Otani) entpuppte sich als Goliath unter den Tokioter Bettenburgen. Bestehend aus drei Häusern mit insgesamt rund 1700 Zimmern, zahlreichen Läden und Restaurants und Fluren, so weit das Auge reichte, war fast wie eine kleine Stadt in der großen Stadt. Um vom Zimmer aus das Hotel in der Nähe der U- Bahn-Station zu verlassen musste ich zweimal Aufzug fahren, gefühlte 5 km durch unterschiedliche beteppichte oder beflieste Flure talpen, durch einen See schwimmen, über einen Berg kraxeln und mich an einem langen Seil herunterlassen. Manchmal musste ich unterwegs noch einen Drachen töten, aber das kam nur gelegentlich vor. So groß das Hotel war, so klein war das Zimmer. Zwar war der Standard durchaus gut, aber alles war so platzsparend wie es eben ging untergebracht. Das absolute Highlight des Zimmers fand ich aber im Bad: Die japanische Toilette. Nicht nur, dass die Klobrille beheizt ist, damit man sich während der Geschäftstermine keine Frostbeulen holt, es gibt auch eine Vielzahl unterschiedlich gebündelter Wasserstrahlen, die man dem Allerwertesten entgegen schleudern kann. Dann noch kurz das Gebläse an und man fühlt sich wie frisch gewickelt. Die wirklichen High-End-Klos haben darüber hinaus dann noch einen Knopf für Lärm-on-Demand, um eindeutigen Geräusche, die aus der Kabine hinaus klingen wollen, hübsch zu vertuschen.

Angesichts dieser im Klo eingebauten Wohlfühloase wäre es zwar kein Wunder gewesen, hätte ich mich von diesem Meisterwerk östlicher Ingenieurkunst nicht mehr losreißen können, aber nachdem die Brille Anstalten machte, sich tief in mein Sitzfleisch einzuprägen, besann ich mich eines besseren und stand auf. Schließlich war ich ja auch nicht zum Spaß hier.

Eine Katzenwäsche später fand ich mich im Büro wieder. Tokio musste für den Rest des Tages erst mal draußen bleiben. Schnell stellte ich fest, dass man mit der Stadt selbst eigentlich kaum Berührungspunkte haben muss. Die U-Bahn fährt einen bestenfalls gleich bis ins Bürogebäude, wo man dann neben dem Arbeiten auch noch alle anderen täglichen Bedürfnisse stillen kann. Restaurants, Cafés, Supermärkte. Alles ist gleich ins Gebäude mit eingebaut. Das spart Zeit. Und man ist schneller beim Feierabendbier als man Prost sagen kann.

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Bild: Grevillea / Flickr

Asiawoche, Teil III: Der Zwischengang (Miso-Suppe)

der-zwischengang1Nach Quarantäne-, Einwanderungs- und Passkontrolle schoben wir uns weiter in Richtung Zoll, wo wir gerne einfach durch die grüne Tür gehuscht wären. Leider gab es keine solche. Stattdessen gab es aber einen vermummten Zollbeamten, der mich in aller Seelenruhe zum Inhalt meines Koffers befragte. Ich glaube, der Mann war noch nicht allzu lange beim Zoll. Er hatte noch so viele Flausen im Kopf.

Für sein kleines Fragespiel zückte er ein Buch mit bunten Bildern von allerlei seltenen Tieren, von Drogen, Waffen und derlei Gerümpel. Bild für Bild fragte er mich, ob ich so etwas in meinem Koffer hätte. Ich verneinte brav, konnte mir aber bei manchen Bildern das Schmunzeln nicht verkneifen. Schließlich war es ein echter Zufall, dass ich ausgerechnet dieses Mal ohne meine präparierte Schildkröte, meine Smith & Wesson und ohne die bunten Pillen mit den lustigen Bildern drauf reiste. Offensichtlich zweifelte der junge Herr stark am Wahrheitsgehalt meiner Aussage und wollte unbedingt auch noch in meinen Koffer hineinschauen. Wider Erwarten fand er nichts. Oder jedenfalls nichts von dem, was er so dringend suchte. Wahrscheinlich war er ohnehin nur ein bisschen neugierig, was eine wie ich so alles in ihrem riesigen Koffer mit sich herumschleppt, wenn schon keine Schusswaffen, Drogen oder ausgestopften Tiere.

Als seine Neugier befriedigt war bedankte sich der junge Herr brav und entließ mich samt Gepäck in die Fremde, Tokio. Hatte ich vorher noch leise Zweifel gehegt, dass ich gut und sicher in meinem Hotel ankomme, kannte ich die Tokioten wirklich schlecht. Vom Ausgang stolperte ich fast über den Schalter der „Friendly limousines“ und von dort nach dem Fahrkartenerwerb dann gleich weiter zum richtigen Busterminal. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance, mich zu verlaufen. Der Bus war einer von denen, die nacheinander verschiedene große Hotels in einem bestimmten Areal anfuhren und es lief wirklich alles wie geschmiert. Die selbstgeklöppelten Kopfstützenbezüge vermittelten ein Gefühl von Heimat. Die Busfahrt zum Hotel dauerte rund anderthalb Stunden. Zeit genug, einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. Ein Eindruck, der mich leider alles andere als euphorisch stimmte. Betonwüste, so weit das Auge blicken konnte. Und dazwischen Straßen, gleich auf mehreren Etagen. Etwas Liebreizendes vermochte ich nicht zu entdecken, so sehr ich auch danach suchte. Dass die in Tokio ein Platzproblem haben, das war mir ja schon mal untergekommen. Aber dass ganz Tokio ein einziges Platzproblem ist, das hätte ich so nicht vermutet. Ich schob es auf meine Müdigkeit.

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