Der Mai, der ein November sein wollte

„Wer maßt sich eigentlich an mir vorschreiben zu dürfen, dass immer ich für schönes Wetter und all den Quatsch zur sorgen habe?“

Sonnenschein, Blümelein, Vogelzwitschern – dem Mai war das Gute-Laune-Frühlingsidyll schon längst viel zu langweilig geworden. Er hatte es schlicht und einfach satt, immer nur Wonne und Glückseligkeit stiften zu dürfen, zumal er tief in seinem Herzen ein echter Rocker war, der es lieber mal ordentlich krachen lassen wollte. Dieses Weichspülerleben, das war nichts für ihn. Noch nie.Regenhochzeit

Da waren zum einen die vielen Traditionen mit denen er in Verbindung gebracht wurde. Es fing ja schon damit an, dass man ihn jedes Jahr aufs Neue mit heftigem Getanze begrüßte. Wie er das aus tiefstem Herzen hasste! Zumal er selbst nicht einmal einen schlechten Discofox auf Parkett hätte bringen können. Wie kamen die eigentlich auf die Idee, dass ihm eine solches Begrüßungsritual Freude bereiten würde?

Und dann noch die Sache mit dem Baum. Warum in aller Welt mussten sich die Menschen einen Maibaum halten, den sie zunächst bewachten wie Golom seinen Schatz? Und wenn sie dann aber doch mal nicht aufpassten, weil sie zu tief ins Maibowleglas geschaut hatten, brachen Fremde über das Mailager herein und schlachteten das unschuldige Bäumchen einfach mir nichts Dir nichts ab. Man hätte das Gemetzel doch wirklich auch gut in einen anderen, weniger gebeutelten Monat verlagern können. Aus seiner Sicht sprach zum Beispiel nichts gegen einen Juni- oder  Julibaum.

Die Bräuche und Traditionen waren das eine, aber was oft viel schlimmer wog, war der Schindluder, den man gerne mit seinem Namen betrieb. Wer möchte schon andauernd mit Karl May, Maybrit Illner und Laurenz Meyer in Verbindung gebracht werden? Als Inge Meysel noch lebte, war das alles noch halbwegs erträglich, aber ohne Inge … ? Hätte man ihm nicht wenigstens Hans Meiser ersparen können, bei all den Päckchen, die er ohnehin schon zu tragen hatte? Oft hatte er in den letzten Jahren Trost  im Maibock gesucht, aber auch dieser treue Wegbegleiter vermochte seinen tiefen Schmerz nicht mehr zu lindern.

Und dann noch diese „Liebe“, über die er ständig und aller Orten stolperte. Die war ihm auch schon als kleiner Mai ein großer Dorn im Auge gewesen. A u s g e r e c h n e t in seiner Amtszeit wimmelte es auf der Welt plötzlich von Heiratswilligen, die offensichtlich nichts besseres zu tun hatten, als sich mit offenen Augen ins Verderben zu stürzen. Und er musste tatenlos dabei zusehen und gutes Wetter zum bösen Spiel machen. Schon beim Gedanken an die vielen Brautpaare wurde ihm ganz schlecht. Ein November oder gar ein Februar hatten solche Probleme ganz sicher nicht.

So konnte das nicht weiter gehen. Das wurde dem Mai mit einem Schlag klar. Und ihm wurde auch klar, dass er allein es in der Hand hatte, sein Leben zu verändern. Und er war bereit dazu!

In einem Kaufhaus erstand er einen grauen Overall, den er über seinen bunt geblümten Anzug zog. Außerdem kaufte er sich eine mausgraue Pudelmütze, die ihm wirklich gut zu Gesicht stand. Nun besorgte er noch ein paar Eimer Wasser, Katzen und Hunde, Hagelzucker und eine Kalter-Wind-Maschine und dimmte das Licht runter. Die Vögel schickte er nach Süden, die Blumen brachte er ins Gewächshaus und den Bienen buchte er ein geschütztes Chalet.

Und dann konnte er auf einmal das sein, wovon er schon sein ganzes Leben lang geträumt hat: Ein November inmitten des Frühlings.

Foto: TheGiantVermin (via Flickr)

9 Gedanken zu „Der Mai, der ein November sein wollte“

  1. jo mei, wie wahr… dabei hat er doch schon die Eisheiligen

    P.S aus welchem Grund auch immer dachte ich immer, Sie sind Schweizerin… Schön, Sie mal getroffen zu haben.

    Liebe Grüße,
    Tine

    1. Ich habe etwa drei Jahre in der Schweiz gelebt und gelegentlich auch darübergeschrieben – vielleicht deshalb.

      Ich habe mich auch sehr gefreut, Sie getroffen zu haben und wäre für ein Pläuschchen am liebsten noch sitzengeblieben.

      Liebe Grüße
      Melanie

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