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Irgendsoein Gespräch – Die ungeschönte Wahrheit

Freitagnachmittag im Zug. Zwei ältere Damen fahren (im meinem [!] Abteil) in die Sommerfrische.
(Erste, leicht geschönte Fassung.)

Die Eine: “Das letzte Mal als wir hier vorbei gefahren sind, das muss damals gewesen sein, als der Hans die Nierensteine hatte, da hat es hier auch geregnet.”
Darauf die Andere: “Schau mal. Eine Kuh. Die frisst Gras.”

Darauf die Eine: “Ja, die frisst Gras. Egal ob es regnet.”
Dann die Andere:
“Ach. Da ist der Schaffner. Ein netter junger Mann.”
Darauf die Eine:
“Ich habe immer Probleme mit meinen Füßen. Besonders mit dem Rechten, oder war es der Linke? Nein, der Linke ist seit der Operation an der Hüfte eigentlich in Ordnung.”

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Rache ist Blutwurst

Sie quietscht. Sie schreit. Sie kreischt. Sie gibt sogar Laute von sich, die zwar in keine der bereits genannten Lautkategorien passen, die aber nicht im Ansatz weniger geräuschvoll sind. Was genau ihr welche Art von Geräusch entlockt bleibt indes ihr Geheimnis. Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass es weder Schema noch Regelmäßigkeit dahinter gibt; dass das alles im Grunde nur vom Zufall mit geschickter Hand gesteuert wird.

Jetzt weint sie. Nicht dieses traurige, schmerzvolle Weinen, das an den Beschützerinstinkt  appelliert und so die Herzen aller Anwesenden automatisch wie im Sturm erobert. Eher ein drängelndes, quengelndes Weinen, ein Weinen, das im selben Moment in dem das Umweinte erreicht ist so schnell verschwindet wie es gekommen war. Weiterlesen

München-Berlin, 11. Dezember 2009: Ohne Netz und doppelten Boden

Seit einer Stunde bin ich mit dem Zug in Richtung Berlin unterwegs. Wie es so meine Art ist, habe ich tunlichst vermieden auf andere denkbare Verkehrsmittel auszuweichen. Insbesondere die fliegenden ignoriere ich, wann immer mir dies möglich ist. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass ich fliege … aber wem sag ich das?

Mit dem Zug dauert die Reise von München nach Berlin etwa sechs Stunden – Zeit, in der man bei vorhandener Netzverbindung so das ein oder andere lustige Dings mit dem Internet anstellen wollen würde. Surfen wäre da eine Variante. Sich einen Wolf googlen eine andere. Man könnte auch mal andere Tiere ausprobieren. Aber was auch immer man würde machen wollen, hätte man Netz, wird von der Abwesenheit ebenjenes Netzes noch vor der Geburt des Keimes erstickt.

Nun ist es glücklicherweise in diesem fortschrittlichen Land so, dass man sich nebst Doktortiteln und Frauen auch ein Stück vom Netz kaufen kann. Das Konzept gefiel mir ungemein und so legte ich mir unlängst solch ein Zauberstäbchen zu, dem man nachsagt, dass es die Macht besitzt Menschen auch unterwegs mit dem Netz in Verbindung zu bringen. Meine Freude ist empirestatebuildinggroß. Aber der mir zugewiesene Apfel (dessen Geburt definitiv an einem Montag stattgefunden haben muss) zeigt sich von derlei Enthusiasmus leider auch nach dem gefühlt fünfzigsten Konfigurationsversuch unbeeindruckt. Zwar behauptet er, er sei zusammen mit der ihm angedienten Software eine zarte Liaison mit dem Netze eingegangen, doch der Feuerfuchs und seine Brüder weigern sich wie hintergangene Väter, die Verbindung von der sie nicht wussten noch ahnten anzuerkennen.

Und wenn man dann also von höheren Mächten gezwungen wird, sechs Stunden lang entnetzt und entrechtet leise vor sich hin zu leiden, dann fragt man sich in einem unbeobachteten Moment mit zittriger Stimme: Ist das diese Apokalypse, von der sie alle sprechen?

Bild: arne.list / Flickr

Ohropaxphantasien

Natürlich möchte ich unter normalen Umständen niemandem das Quatschen mit seinen Mitmenschen verbieten (Möchte ich nicht???), aber in Zügen und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln gelten andere Regeln. Nämlich meine. Und die besagen, dass insofern ich allein reise – was meistens der Fall ist – auch die Menschen auf den Plätzen neben mir ein absolutes Redeverbot haben. Ob sie nun mit mir oder mit anderen Mitreisenden reden ist von sekundärer Relevanz.

Ja, sie dürfen mich freundlich (aber kurz!) fragen, ob der Platz neben mir noch frei ist – ein Relikt aus Schweizer Tagen, das ich mir in Deutschland gelegentlich herbei sehne. Auch dürfen sie „Gesundheit“ sagen, wenn ich niese. Wenn ich wirklich einen ganz großzügigen Tag habe, ist es eventuell noch duldbar, dass man mir – begleitet von einem herzlichen „Möchten Sie auch?“ – eine Tüte mit feinstem englischen Weingummi unter die Nase hält. Aber das ist dann schon der Gipfel der Gefühle, das absolute Maximum dessen was ich während einer Zugfahrt von Mitreisenden vernehmen möchte. Dem Schaffner räume ich unter Umständen ein Extragesprächskontigent ein, aber selbstverständlich nur dann, wenn ich ordnungsgemäß an den Kauf einer Fahrkarte gedacht habe.

Was schlichtweg gar nicht geht ist wenn Mitreisende versuchen, mir ein Gespräch aufzuzwingen. Wie damals dieser Nigerianer, der zwar durchaus nett lächelte, es dabei aber auch hätte belassen können. Das tat er leider nicht. Statt dessen versuchte er mir Englisch beizubringen. Und da Oxford nicht in Nigeria liegt und die Zugfahrt ein paar Stunden dauerte (in denen ich nebenbei des Herren gesamte Familiengeschichte bis zurück zum Urknall erfuhr), hat mein Englisch seit diesem Tag eine unüberhörbar nigerianischen Einschlag.

Ganz oben auf der Liste der verbalen Unerträglichkeiten stehen aber die Gespräche zwischen Mitreisenden, die 1. nicht für meine Ohren bestimmt sind und 2. von diesen auch überhaupt nicht gehört werden wollen. Meistens sind sie ja nicht mal aus voyeuristischer Sicht spannend.

Mich interessiert nicht die Bohne, ob der schnurrbärtige Herr mittleren Alters sich gerade auf der Heimreise von der Staubsaugervertreterjahrestagung befindet, die dieses Jahr glücklicherweise in einem Kegelclubstundenhotel stattfand. Auch will ich nicht wissen, dass das windige Pärchen schräg gegenüber sich am Fahrkartenschalter böse über die Fahrkartenschalterbetreuungsbeauftragte aufregen musste. Sollen sie es doch beim nächsten Scrabble-Spiel aufarbeiten, wenn sie es bis dahin nicht längst vergessen haben. Und mich damit verschonen.

Drei Plätze weiter telefonierte eine Frau stundenlang mit einem kleinen Kind oder einem ziemlich begriffsstutzigen Erwachsenen. Ich wartete auf den nächsten Netzausfall – warum soll es der Dame am Telefon besser gehen als mir? Nichts da. Ihr Netz hält, was mein Mobilfunkanbieter verspricht.

Und wer bitte findet es spannend, sich von jemandem, den er nicht kennt (und auch in Zukunft nicht zu kennen gedenkt) stundenlang vorsabbeln zu lassen, was in der Trekking-Zeitschrift steht, die gerade die Lektüre der Wahl ist. Wenn sie es ja wenigstens nur vorgelesen hätte – nein, jeder Satz wurde paraphrasiert. Dasselbe praktizierte sie übrigens auch mit dem Telefonat der Dame mit dem Begriffsstutzigen, so dass ich es letztlich im Original und in der Interpretation hören durfte…. Haben die denn alle kein Schamgefühl? Und keine Pietät?

Einen kleinen Moment habe ich überlegt, mir die Hände auf die Ohren zu pressen und ganz laut Kinderlieder zu singen.

Ge(p)flogenheiten und Zugzwänge

“Habe ich das jetzt richtig verstanden, Du bist mit dem ZUHUUG angereist?”

Ich kann die Frage nicht mehr ertragen. Ganz zu schweigen vom zwischen Verständnislosigkeit und Mitleid schwankenden Gesichtsausdruck, der sie begleitet. Was gibt es denn daran nicht zu verstehen? Mein Name ist Melanie und ich fahre Zug. So einfach ist das. Ich leide nicht an schwerem Alkoholismus und habe mein Studium auch nicht mit Drogendeals finanziert. Ich fahre Zug. Das ist alles. Sollen die anderen doch bei jeder Gelegenheit abheben. Ich bleibe hübsch am Boden.