Mugs & Moritz: Teil IXX

Unser WölkchenFalls Sie bisher der Ansicht waren, im deutschen Oberschrank herrsche noch Zucht und Ordnung, so muss ich Sie heute leider bitter enttäuschen. Es ist ein Sündepfuhl – ein Sodom, ein Gomorrha was hinter den verschlossenen Türen allerschränken vorzufinden ist.

Die Kaffeemühle will den kleinen Böhnchen an den Kragen, um sie ohne mit dem Messer zu zucken zu Staub zu zermahlen. Der vermutlich mehrfach vorbestrafte Kaffeelöffel vertickt in einer dunklen Ecke ein undefinierbares braunes Pulver an die French Press. In einer anderen Ecke steckt die Espressotasse einer fremden Untertasse heimlich ein Zuckerstück zu. Eine besonders verwahrloste Tasse ist schon am frühen morgen völllig blau. Und um sie herum steigen dicke weiße Rauchwolken auf.Da weiß man doch gleich, was da gespielt wird!

Aber wenn die Tür aufgeht, tun sie alle ganz harmlos. So als können sie kein Wässerschen trüben. Die Kaffeemühle lädt die Bohnen zu einer lustigen Karusselfahrt ein. Der Kaffeelöffel kümmert sich rührend um zwei Tassen Milchkaffee. Und die Blaue setzt ihr strahlendstes Schönwettertassenlächeln auf. Pah!

Wie gut, dass Sie sich nun von denen nicht mehr täuschen lassen müssen!

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Mugs & Moritz: Teile XVII & XVIII

ImitassionSie sind die Königinnen des Oberschranks und die Zicken vom Dienst. Die Tussentassen lassen sich von nichts und niemandem den Zucker aus dem Kaffee stehlen. Im Schrank werden sie von allen bewundert.  Sie wollen ihren großen Auftritt, sie bekommen ihn. Sie sind jung, sie sind unzertrennlich und sie sind zu schön, um leer zu sein.

Ein Stammplatz in der ersten Schrankreihe ist ihnen sicher. Und immer wenn die Tür sich öffnet, halten sie selbstbewusst und stolz ihre teuren Designerhenkel ins glitzernde Lampenlicht. Eine großartige Show, von der am nächsten Tag sogar in der Küchenzeile gegenüber gesprochen wird.

Die Beiden sind ein porzellangewordener Traum, nach dem sich die Kaffeelöffel hoffnungsvoll verzehren. Jeder Einzelne von ihnen liegt nachts in seinem Schubladenfach und träumt davon, einmal einen cremigen Milchkaffee bei einer der beiden Schönheiten umrühren zu dürfen. Selbst die Kuchengabeln würden für einen kurzen Glücksmoment ihre Natur verleugnen. Und die Untertassen würden sie auf Händen tragen.

Doch das Werben aus der Besteckschrank perlt an den Diven ab wie überschüssiges Spülwasser. Nicht im Traum kämen sie auf die Idee, sich mit einfachem Handwerkszeug abzugeben! Zumal es ohnehin nur eine Frage der Zeit ist, bis sie den Porzellanplebs, die zweite Wahl, die Welt der Macken und Kitsche hinter sich lassen! Nein. Sie wollen hoch hinaus!

Eines Tages ist es dann soweit. Statt sie nach Dusche und Sauna wieder an ihren angestammten Platz zu stellen, schiebt man sie auf das höchstgelegene Bord im Schrank. Welch‘ unbändiges Glück, welch‘ endlose Freude! Sie haben es geschafft – sind ganz oben angekommen – the sky is the limit.

Und da stehen sie nun zwischen Blumenvasen und Tupperdosen, zwischen Thermoskannen und Küchenreiben, zwischen Dosensuppen und Spülmaschinentabs und niemand, wirklich niemand hier oben ahnt, dass die beiden kleinen Becher noch vor Kurzem große Stars waren.

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Mugs & Moritz: Teil XVI

PausenclownEigentlich habe ich heute über meine Nummer sechzehn schreiben wollen, aber nach fünfzehn Tassengeschichten brauche ich eine kleine Pause. Glücklicherweise wohnt in meinem Tassenschrank eine Tasse, die das Potenzial hat, von der fehlenden Tassengeschichte ein bisschen abzulenken.

Besagte Tasse träumte nämlich schon als kleines Tässchen von einer Karriere beim Zirkus. Zunächst wollte sie Seiltänzerin werden, aber da sie keine Suppentasse war und daher nur einen Henkel hatte, verlor sie auf dem Seil immer das Gleichgewicht. Dann liebäugelte sie damit, Elefefantendompteuse zu werden. Als sie jedoch eine Freundin im Porzellanladen besuchte und dabei ganz zufällig miterleben musste,  wie unflätig sich die Rüsselträger außerhalb der Manege gegenüber ihresgleichen benahmen, verwarf sie auch diese Idee schnell wieder. Kurz probierte sie es auch mit der Jonglage, aber zum einen wurde ihr von dem Herumgeschleudere immer übel und zum anderen hatte sie Angst, an der Aufgabe zu zerbrechen. Einen passenden Job beim Zirkus für sie zu finden schien aussichtslos, die Tasse drohte zu verzweifeln.

Doch in einer einzigen Nacht änderte sich ihr ganzes Leben. Sie war mit den anderen Tassen zur Schublade spaziert, um die Gabeln zu besuchen, da fiel ihr Blick auf eine rote Clownsnase, die dort arglos herum lag. Sie setzte sie sich auf den Henkel – die Clownsnase passte wie angegossen! Und plötzlich wusste die Tasse, dass ihr Traum vom Zirkusleben nun wahr werden würde.

Ja, heute arbeitet die Tasse schon einige Jahre als Clowntasse beim hiesigen Zirkus. Und da ich – wie bereits erwähnt – heute gerne eine Tassengeschichtenschreibepause einlegen würde, überlasse ich den Unterhaltungsteil gerne ihr. Manege frei!

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Mugs & Moritz: Teil XV

Die SchüchterneMeine Nummer fünfzehn: Die schüchterne Helvetia

Am liebsten hält sie sich aus Allem raus. Sie mag es überhaupt nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Im Tassenschrank versteckt sie sich immer ganz hinten in der Ecke. Besonders dann, wenn die Tür aufgeht und die anderen aufdringlicheren (dütschen!) Schrankbewohner sich vorne drängeln und bei jeder Öffnung aufs Neue betteln: „Nimm mich, ich will heute den Milchkaffee übernehmen.“ „Nein mich, ich liege viel besser in der Hand als dieser unförmige Kaffeepott.“ Nein, das käme ihr nicht in den Sinn. Davon mal abgesehen mag sie ohnehin nur Schümlikaffee, aber den gibt es in diesen Breiten ja so gut wie nie.

Selbstverständlich wird sie wider ihren Willen hier festgehalten. Ein deutscher Tassenschrank! Und das ihr, einer stolzen Eidgenössin! Das ist Freiheitsberaubung, Rufmord, kommte einer Kriegserklärung gleich! Die Schweizer Armee sollte einschreiten und sie hier raus holen…. Richtig in Rage reden kann sie sich, wenn sie einen schlechten Tag hat. Meistens schweigt sie aber.

Wie sie hier hin gekommen ist, weiss sie nicht mehr so genau. (Wäre das für eine Tasse nicht pietätslos – gerade im Hinblick auf das Schicksal ihrer eigenen Grosi väterlicherseits – , würde „bruchstückhaft“ ihre Erinnerung wohl am treffendsten beschreiben). Eines Tages riss man sie jedenfalls aus dem appenzeller Souvenirladenregal, in dem sie bis dato mit ihre Familie gelebt hatte. Man steckte sie in ein Säckli, dann wurde es noch dunkler. Schließlich kam der Monsun und das nächste, an das sie sich erinnern konnte war, wie sie völlig erschöpft in diesem Schrank aufwachte.

Das ist nun schon viele Monate her. Genügsam, wie sie als echte Schweizerin von Natur aus ist, hat sie sich inzwischen mit der Situation arrangiert. Was sollte sie auch dagegen tun? Aber wenn sie dann hin und wieder doch aus dem Schrank geholt wird und einer vielleicht sogar ein Gipfeli oder ein paar Guetsli neben ihr drapiert, dann fühlt sie sich ganz manchmal sogar fast wie zuhause.

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Mugs & Moritz: Teile XII, XIII & XIV

Wüstes GelageDie Nummer zwölf bis vierzehn: Tassen & anderes Gerät im Freizeitstress

Wenn der Kaffeetrinker schläft, beginnt in der Küche das wahre Leben. Die Suppenteller verabreden sich mit den kleineren Topfdeckeln aus der Nachbarschaft zum Frisbee-Spielen, die Gabeln übernehmen zusammen mit den Kaffeelöffeln und der alten Schere die Pflege des Kräutergartens. Die Messer sind wie immer schlecht gelaunt und schneiden die anderen. Küchenreibe und Kochlöffel sorgen für Musik, die Gläser kümmern sich um die Verpflegung und stechen den Pizzateig aus. Alle haben was zu tun, alle sind emsig. Alle bis auf die (zweieiigen!) Tässler-Drillinge. Die haben mal wieder nichts anderes als Herumlungern im Sinn. Fein den Henkel von sich gestreckt liegen sie auf dem Geschirrtuch herum und lassen sich die Lampe auf die Lasur scheinen. Es ist wirklich immer dasselbe mit diesen Faulbechern!

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Mugs & Moritz: Teil XI

TassenfahrtDie Nummern elf (die sind alle eineiig): Die Tassenfahrt der 5 a

Die Fünftklässler sind in heller Aufregung: heute geht es auf Tassenfahrt! Die Lehrerin, eine alte Kaffeekanne mit abgeschlagenen Ecken, ist vom Versuch die Horde zu bändigen schon leicht angegilbt. Die kleinen Henkeljungs und -mädels sind ganz aus dem Schränkchen. Ein kleines Tässchen, mit einem wunderbaren Porzellan-Teint ist beim Versuch als Erste in den Bus zu klettern hingefallen und hat sich eine Ecke ausgehauen. Nun sitzt sie auf dem Boden und weint bitterlich. Die Lehrerin muss heute die Augen wirklich überall haben! Sie schnappt sich die kleine und trocknet mit dem Tassentuch ihre Tränen.

Endlich sind alle im Bus verstaut und die Fahrt kann los gehen. Ab geht’s in die Meissener Porzellanmanufaktur. Ein bisschen Ahnenforschung, ein bisschen Sozialkunde – passend zum derzeitigen Unterrichtsstoff. Zuerst wartet eine Führung durch die Fabrikation auf die Tassenfahrer. Danach besuchen sie einen Vortrag über  „Die Rolle des Henkels im Familienleben der chinesischen Sammeltasse“. Zum krönenden Abschluss gibt es dann im Betriebskantinenschrank etwas Muckefuck mit einem Schuss frischer Landmilch. Glücklich und müde treten die Pennäler am Abend die Heimreise an. Und jeder und jede Einzelne freut sich schon darauf, am Abend den Tellern und Gläsern, den Schüsseln und Schälchen und vor allem den Eltern von diesem fantasstischen Tag zu erzählen.

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Mugs & Moritz: Teile IX & X

Die LiebendenNummer neun und zehn: Das Leben ist keine Kaffeefahrt

Warum hatte er ihr dies nur angetan, nach all den Jahren, den schönen Jahren? Sie waren sich doch immer einig gewesen, dass sie ihr ganzes Leben zusammen verbringen wollten. Nur deswegen hatten sie vor einem Jahr geheiratet, waren von Bern nach München gegangen & waren dort gemeinsam in einen Neubauküchenoberschrank gezogen. Sollte das alles auf einmal nichts mehr bedeuten? Dabei waren sie ein perfektes Paar und passten auch optisch vom Fuß bis zum Rand hervorragend zusammen.

Die kleinen Meinungsverschiedenenheiten, die es in jeder Beziehung gibt, waren für sie nie ein Grund zur Sorge, sie waren ihr Salz in der Suppe, ihr Zucker im Kaffee. Er mochte seinen lieber schwarz. Sie mochte am liebsten die rote Unterasse, er zeigte sich lieber mit der gelben. Sie trug den Henkel lieber links, er rechts. Kleine, feine Unterschiede, aber sicher kein Grund für einen Eklat! Und dann zog diese Dame im Schrank nebenan ein.

Taza war groß und schlank und liess jeden der wollte tief in ihr Innerstes blicken. Keinen Anstand hatte sie, dieses verdammte Glasstück. Binnen Sekunden liess der dumme Kerl sich von Taza den Kopf verdrehen. Er schenkte ihr goldene Löffel, Kandiszucker und sogar seine gelbe Untertasse. Und sie, die betrogene Ehefrau, musste auch noch machtlos dabei zusehen!

Doch damit war nun Schluss. Sie stellte ihn zur Rede. Doch er lachte nur und schüttete sich genüßlich einen Kaffee ein. Da wurde es ihr schließlich zu bunt und sie knallte ihm seinen blöden Ring vor die Füße.

Und erst als die Scherben ihrer Liebe vor ihm lagen, begriff auch er, dass es sie für immer verloren hatte.

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Mugs & Moritz: Teil VIII

Der gute PottMeine Nummer acht: Der gute Pott

Außer bei mir finden Sie dieses Exemplar vornehmlich unter Brücken, in Bahnhöfen mit und ohne U oder S, auf öffentlichen Plätzen, in Parks, in Obdachlosenwohnheimen, in Bahnhofsmissionen, Plattenbausiedlungen, im Osten, bei älteren Leuten und bei Plus.

Ich kann doch nicht ständig rührselige (!) Geschichten über Tassen schreiben, also echt … Jetzt macht aber mal ‚nen Punkt. Vielleicht morgen wieder. Also gut. Ganz bestimmt morgen wieder. Versprochen. Und jetzt RUHE. Bitte. BITTE! Danke.

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Mugs & Moritz: Teil VII

Tasse auf SafariMeine Nummer sieben: Die Reisetasse

Im Tassenschrank klafft eine Lücke: die Reisetasse ist mal wieder ausgeflogen. Ständig ist sie unterwegs, bereit die Welt aus der Porzellanperspektive zu entdecken. Ihre Reisen brachten sie u.a. schon nach Caratass in Mexico, nach Tass Vegas in den USA & nach Tassmanien. Diesmal ist sie in Indien, auf dem Weg zum Tass Mahal. Gerade heute hat sie ein Bild geschickt.

Früher machte sie auch gerne Kaffeefahrten. Auf einer dieser Fahrten hat sie ihren ständigen Begleiter Untertasso kennengelernt. Zwar ist er ein aalglatter, etwas flacher Typ ohne Ecken und Kanten, aber die Beiden passen hervorragend zusammen & lieben es, gemeinsam die Welt einzudecken.

Einen Haken hat die Sache mit der Reiserei allerdings: Die Reisetasse ist chronisch leer.

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