Mellcolm im Wanderland, Teil II: Von Kandersteg (über New York, Leukerbad & Tokio) nach Kandersteg

Am zweiten Tage der Wanderei stand der große Familienwandertag mit Kind, Kegel, Hund und allem was sonst noch nicht niet- und nagelfest war auf dem Programm. Es sollte um Punkt 9:00 Uhr losgehen. Vorher, so der Plan, wollten der muntere Wandergefährte und ich uns noch an dem freundlicherweise von Herrn Bates im Zimmermietpreis inkludierten oppulenten Frühstücksbuffet laben.

Um 8:20 Uhr, wir hatten uns gerade erst in die Wanderkluft geschwungen, klingelte das Handy und eine Stimme bedeutete uns, aus dem Fenster zu schauen. Wir taten wie uns geheißen wurde und siehe da: Draussen stand bereits der versammelte Rest der munteren Wandergesellschaft. Einen ganz kurzen Moment sahen wir das deliziöse 5-Gänge-Frühstücksbuffet in weite Ferne rücken. Doch dann gelang es uns, den kleinen Wanderclub davon zu überzeugen, dass es alles andere als ein Kindergeburtstag werden würde, uns Beide mit leeren Mägen zum Wandern zu nötigen. Das Frühstück war also gesichert, entpuppte sich allerdings als weniger 5-gängig als zunächst angenommen. Wir aßen dennoch diverse Stullen mit Marmelade und anderen Belägen und fühlten uns schließlich ausreichend gestärkt, um den sich vor uns aufbäumenden Berg zu bezwingen.

Schweizer Statik

Der Berg gab sich von Anfang an steil – er hatte keineswegs vor, sich von ein paar daher gewanderten Gesellen in Windeseile einnehmen zu lassen. Einige von uns erklommen ihn dennoch mit der Leichtigkeit einer tibetanischen Bergziege, bei anderen (*die Autorin räuspert sich an dieser Stelle kurz*) fühlte man sich wohl eher an eine in die Jahre gekommene Meeresschildkröte beim Landgang erinnert. Und während die Speerspitze des kleinen Wanderclubs bereits lange an der ersten Hütte angekommen war und sich dort seit Stunden abwechselnd an getrockneten Tabak- und Fleischwaren labte, zelebrierte die Nachhut jeden einzelnen erklommenen Höhenmeter mit einer kurzen Gehpause und gelangte so erst mit einiger Verspätung zur ersten Rast.

Kandersteg von oben

Frisch gestärkt vom gemeinsamem Trockenfleisch und Fotoshooting konnte die nächste Etappe angegangen werden. Freundlicherweise kam diese etwas weniger steil daher. Lange führte der Weg über eine Art Hochplateau, das – aufgrund seiner leicht zu bezwingenden Flachheit – verglichen zu den einsamen Wanderwegen die wir vorher erobert hatten, seltsam bevölkert daher kam. Die vielen Menschen wollten wie es sich in der Schweiz nunmal gehört jeweils freundlich und in epischer Breite begrüßt werden. Schnell verstand ich, dass ich es hier oben mit einem der berühmt berüchtigten „Grüeziberge“ zu tun hatte. Selbst die zahlreichen Bergraupen, die einem dort oben begegneten, schienen stets einen freundlichen Gruß auf den Lippen zu tragen.

Hochplateau

Mehr vom Grüßen denn vom Wandern erschöpft erreichte das Grüppchen nahezu gleichzeitig das Berghotel Schwarenbach in 2060 m Höhe. Hier wollte man sich einer kurzen Rast mit erfrischenden Kaltgetränken aus der Berghotelschänke hingeben. Essen wollte man hier natürlich nichts, denn die Rucksäcke waren prallvoll mit Köstlichkeiten, die sich danach sehnten endlich verzehrt zu werden. Der Plan war klar und eindeutig, bis wie aus dem Nichts auf einmal das Wort „Nussgipfel“ (=Croissant mit Nussfüllung) um unsere Köpfe kreiste. Streng genommen, ist ja so ein „Nussgipfel“ auch nicht wirklich eine Mahlzeit und von daher beschloss man, dass „nichts essen“ und „Nussgipfel“ in keinem Widerspruch zueinander standen. Auch dann nicht, wenn bei der ein oder anderen Wanderin der „Nussgipfel“ in Form eines Pflaumenkuchens daher kam.

Nach der kurzen Trinkpause ging es munter weiter, bis zur Spitze des Gemmipasses lagen noch etwa 300 Höhenmeter vor uns. Und vorher mussten wir ja schließlich auch endlich mal was gegen unseren beißenden Hunger tun. Dazu kam uns der Daubensee auf 2206 m gerade recht. Endlich konnten wir uns gegenseitig unsere diversen mitgebrachten Salamiwürste zeigen und an Brot und getrockneten Mangoscheiben knabbern. Es war ein richtiges Fress-Idyll. Und während die Herren sich zur Verdauung im Steineflitschen maßen, befreite ich meine inzwischen mehr als leicht schmerzenden Füße wenigstens für ein paar Minuten aus den Wanderschuhen.

Daubensee

Nach dieser ausgedehnten Pause waren die letzten 100 Höhenmeter ein Klacks und 80% der Wandergruppe freuten sich schon auf eine entspannende Seilbahnabfahrt auf der anderen Seite des Berges. Da sich aber die restlichen 20% aufgrund einer chronischen Höhenangst mit Händen und geschundenen Füßen gegen alles wehrte, was mehr als 3 m über dem Boden stattfinden sollte, entschloss man sich schließlich zähneknirschend, die 900 Höhenmeter Abstieg nach Leukerbad zu Fuß zu bewältigen. Während sich beim Aufstieg die 1100 Höhenmeter nahezu gemütlich auf rund 16 km Wegstrecke breit gemacht hatten, tummelten sich die hinabzusteigenden Höhenmeter auf vielleicht gerade mal vier Kilometern. Will sagen: Es war steil as hell und damit auch nur stellenweise wirklich lustiger als die verschmähte Seilbahnfahrt.

Leukerbad

Ich machte mich dünn wie ein Blatt Papier (80g) und klebte mich wie ein Tausendfüssler an die Bergseite der schmalen Wanderwege, an deren Außenseite der sichere Tod in Form einer steil abfallenden Felswand schon auf mich lauerte. Die anderen ignorierten die Gefahr einfach und wanderten weiter, als sei nichts gewesen. Aber ich hatte den Berg durchschaut! Wenn man aber mit ohnehin fertigen Füßen, 900 Höhenmeter steil nach unten muss und dabei jederzeit um sein Leben fürchten muss (*ähem*), dann kann es passieren, dass man einfach nur noch unten ankommen will. Und obwohl das ferne Ziel auf den ersten Blick so nah erschien und man fast das Gefühl hatte, man könne bereits an der nächsten Ecke zum Kopfsprung ins Leukerbader Schwimmbad ansetzen, dauerte der mühsame Abstieg dummerweise viel länger, als man es in dieser Situation für angemessen hielt. Ganz unerwartet war es aber dann doch irgendwann geschafft aber statt sich nun am Fuße des Killerberges in Ruhe selbst zu feiern war schon wieder Eile geboten, denn man wollte den sich mit großen Reifen nähernden Postbus nicht verpassen.

Nach einem kurzen, landschaftlich wunderschönen Abstecher zur falschen Bushaltestelle traf der etwas geschaffte Wanderclub schließlich kurz vor knapp am Leukerbader Busbahnhof ein und erreichte dort noch den bereits in den Startlöchern stehenden Bus. Beim Gedanken an „Busfahrt“ umgab mich ein schützendes Gefühl von Nestwärme, das mir doch schnell wieder ausgetrieben wurden, denn ich hatte die Rechnung ohne die walliser Topographie gemacht. Und so hoffte ich auf der kurvenreichen Fahrt nach Leuk inständig, dass der Busfahrer heute nicht seinen ersten Tag auf der Strecke oder einfach nur schlechte Laune hatte. In Leuk angekommen schwangen wir uns kollektiv in den Zug nach Gampel, wo wir den Bus nach Koppenstein noch im letzten Moment erreichen. Von dort aus ging es schließlich per Zug durch den zuvor erklommenen Berg hindurch zum Ausgangsort Kandersteg zurück.

Roesti

Da waren wir also mehr als sechs Stunden, 1100 Höhenmeter und 20 km Strecke gewandert, um am Ende wieder genau dort zu sein, wo wir am Morgen angefangen hatten. Und standen vor genau demselben Problem wie am Vorabend: Wo essen? Im Gegensatz zum ersten Abend hatten wir dieses Mal bei der Wahl des Lokals deutlich mehr Glück. Statt Nepper-Schlepper-Bauernfängermenüs gab es in dieser Beiz (=Gaststätte) die allerfeinsten Schweizer Speisen mit viel Liebe und Käse. Mit einer deftigen Walliser-Rösti gelang es mir, die rund 3000 kcal die mich der Wandertag gekostet hatte im Handumdrehen wieder reinzuholen. Nach dem Essen verabschiedete sich der am Morgen dazu gestoßene Teil des Wanderclübchens und mein bezaubernder Wandergefährte und ich kehrten wieder bei Norman ein. Bereits lange vor 21:00 Uhr hörte man aus unserer Suite nicht mehr als ein zufriedenes, zweistimmiges Schnarchen.

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Super geschrieben soeben nach diesem Bericht durchschaute auch ich diesen Berg nochmals
    Danke lustig geschrieben lisa

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  2. Das Lesen hat Spaß gemacht! Und war weniger anstrengend. :-) Aber wenn ich die Bilder so sehe, war’s bestimmt auch eine tolle Tour.

    Ich werde wohl dranbleiben …

    Grüße aus dem dicken B.
    Rainer

    Antworten

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