Irgendsoein Gespräch – Die ungeschönte Wahrheit

Freitagnachmittag im Zug. Zwei ältere Damen fahren (im meinem [!] Abteil) in die Sommerfrische.
(Erste, leicht geschönte Fassung.)

Die Eine: „Das letzte Mal als wir hier vorbei gefahren sind, das muss damals gewesen sein, als der Hans die Nierensteine hatte, da hat es hier auch geregnet.“
Darauf die Andere: „Schau mal. Eine Kuh. Die frisst Gras.“

Darauf die Eine: „Ja, die frisst Gras. Egal ob es regnet.“
Dann die Andere:
„Ach. Da ist der Schaffner. Ein netter junger Mann.“
Darauf die Eine:
„Ich habe immer Probleme mit meinen Füßen. Besonders mit dem Rechten, oder war es der Linke? Nein, der Linke ist seit der Operation an der Hüfte eigentlich in Ordnung.“

Nun die Andere: „Wir waren neulich mit den Kindern wandern. Ich hatte die Bluse an, die die Helene auch hat. Meine war reduziert. Die Helene hat aber auch eine unmögliche Figur.“
Anschließend die Eine: „Sagen Sie Herr Schaffner, werden wir pünktlich in (…hier beliebigen Ort einsetzen…) sein? Mein Sohn wohnt da mit seiner Frau und den drei Kindern. Ein Junge und zwei Mädchen. Der Junge kam zuletzt. Sie können sich nicht vorstellen, wie mein Sohn sich über den Stammhalter gefreut hat. Mädchen sind ja eher schwierig.“
Die Andere (leicht resigniert): „Jesses. Diese jungen Leute.“
Die Eine: „Haben die Müllers eigentlich den Dackel noch? Den mit den kurzen Beinen. Den haben die schon Jahre und die Frau Müller lässt den sogar im Bett schlafen. Aber dir Ehe ist sowieso den Bach runter gegangen seit der Müller seine Arbeit bei der Stadt verloren hat…“
Die Andere: „Es regnet immer noch.“
Darauf die Eine: „Gestern gab es Sauerkraut. Ein ganzes Pfund. Frisch vom Metzger, nicht das Zeug aus der Dose.“
Darauf die Andere:
„Weißt Du noch, damals die dicke Regine? Die hatte doch was mit dem Heinrich. Das kannste mir doch nicht erzählen…“
Jetzt die Eine: „Der Heinrich ist ein Säufer. Sieht man … die haben da aber schöne Geranien. Sauerkraut. Mit Wacholderbeeren.“
Die Andere daraufhin (in eine andere Richtung sprechend): „Einen Kaffee bitte, mein Herr. Mit Sahne. Zweimal. Und Süßstoff… man muss schließlich auf die Figur achten. Höhöhö.“
Die Eine: „Wir hatten ja nichts nach dem Krieg. Hin und wieder ein Stück Brot für sieben Mann. Willst Du auch ein Stück Pflaumenkuchen?“
Die Andere: „Der Regen tut den Pflanzen gut. Die Bauern warten ja auch schon so lange auf Regen…“
Die Eine (neugierig): „Wart Ihr schon mal im Odenwald? Da kann man schön spazieren gehen. Hat meine Fußpflegerin gesagt.“
Die Andere: „Pflaumenkuchen aß meine Tante für ihr Leben gern. Odenwald sagst Du? Also der Cousin meiner Friseurin war ja neulich in Pisa. Ein solcher Blödmann ist der. Und frisst wie ein Scheunendrescher.“
Im Anschluss die Eine: „Ich wasche ja jetzt immer alles auf links. Das ist das Beste. Und immer nur mit Dasch. Der Herr da hinten (mit dem Fingern zeigend) der hat genau so eine schiefe Nase wie dieser Boxer, na der, der seine Frau umgebracht hat…“
Die Andere (empört): „Diese Politiker sind doch sowieso alle Verbrecher. Und wer muss für deren Schandtaten bezahlen? Der kleine Mann!“
Die Eine: „Nein, es waren Gallensteine, keine Nierensteine. Ich verwechsle das immer!“
Die Andere: „Für die Töpfe mit den Spezialdeckeln habe ich übrigens nur 100 Euro bezahlt. Die Kartoffeln schmecken da raus viel besser.“
Darauf die Eine: „Ich gehe mir mal die Hände waschen…*kicher*.“
In der Zwischenzeit die Andere (zu einem beliebigen Sitznachbarn): „In der Frau im Spiegel stand neulich, dass der Albert von Monaco… Der hat ja so gar nichts von seinem Vater – ach da bist Du ja wieder!“
Die Eine: „Die Seife war leer. Ist auf den Zugtoiletten immer so. Ich schließe auch nie ab. Zu gefährlich. Man hört ja so viel!“
Die Andere: „Du, ich hab mir überlegt, mal wieder einen Schweinebraten zu machen. Mit Salzkartoffeln und Rotkohl.“
Die Eine kontert: „Die Tochter von der Anneliese ist ja jetzt Vegetarierin. Aber Fisch isst die. Die hat auch jetzt Abitur. Die wählt bestimmt die Grünen, so wie die aussieht.“
Die Andere: „Eine 38 habe ich früher getragen. Und alle Männer haben mir hinterher geschaut. Aber ich hatte nur Augen für den Willi.“
Die Eine: „Dass die sich heute alle einen Ring durch die Nase ziehen lassen. Das hat der Vater früher beim Vieh gemacht.“
Die Andere : „Das Meissener, das wir zur Verlobung bekommen haben hole ich nur für gut raus.“
Die Eine: „Früher hatten wir es auch nicht leicht, sage ich immer zu Hans.“
Die Andere: : „Der Albert von Monaco – niemals hätte der eine wie die Grace Kelly abbekommen.“
Darauf die Eine: „Bei Lidl ist gerade der Chicoree im Angebot. Letzte Woche war es die Rote Beete, aber das kriegt man so schlecht von den Fingern ab. Die kleine Ausländerin, die da an der Kasse sitzt sah auch schlecht aus.“

Vier durchredete Stunden später.

Die Andere: „Ach wir sind da. Nächstes Mal suchen wir uns einen Platz im Ruheabteil. Bei dem ständigen Geklappere auf dem Computer kommt man ja überhaupt nicht zur Ruhe.“
Ich : Grmpf.

Kommentare (16) Schreibe einen Kommentar

  1. Mellcolm

    Ok, ok – ich gebe es zu: Das Ganze ist erstunken und erlogen. Auf meiner Zugfahrt am Freitag saßen zwei ältere Schweizerinnen gleich nebenan, die vier Stunden lang in einem durch geredet haben. Ich schnappte nur Gesprächsfetzen auf, aber die reichten mir um zu begreifen, dass dort geredet wurde um des Redens Willen. Das inspirierte mich zu dem kleinen Dialog, der mir mit seiner Sinnentleertheit am Ende selbst gar nicht mehr so unrealistisch erschien…

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  2. Kenne ich – ehrlich. Aus Zügen in die und aus der Provinz. Aber am Laptop mitzuschneiden ist genial. Aber das nächste Mal bitte einen etwas sanfteren Tastenanschlag. So geht das ja nicht, dass man älteren Frauen auf der Bahnfahrt belästigt.

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  3. da sieht mans mal wieder: zugfahren bildet!
    immer wieder unterschätzt.
    wunderbar !
    (bin schon gestpannt auf die berichte aus dem sonderzug-fan-abteil!)

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  4. da merk ich´s wieder: ich fahr zu selten bahn… wie nennt man das denn, wenn die bahn sonderzüge zu ausgewählten sportlichen veranstaltungen entsendet und man danach gaaanz viel blogcontent hat?

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  5. Ka: Jane Christo schafft es ein um das andere Mal, mir Wonneschauer über den Rücken laufen zu lassen. Nicht, weil die Geschichte voller erotischer Momente ist, sondern weil Jane Christo Sätze zu formulieren weiß, die ich mehr als einmal lesen muss, weil sie mir einfach so gut gefallen.

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