Von Kornkreisen, Apfelkraut und Analogfisch

Letzte Woche hatte ich eines dieser denkwürdigen Erlebnisse, an die man normalerweise im Umfeld von plötzlich vorhandenen Operationsnarben, rätselhaften Kornkreisen und überaus verwirrte Augenzeugen denkt: Ich stieg in mein kleines Raumschiff, um den Analogen einen Besuch abzustatten. Man hatte mich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, mit Familie, Geschenken und selbst gebackenem Kuchen.

Gekonnt mischte ich mich unter das übrige Volk, stets darauf bedacht, meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Ich plauderte über mein Heimatdorf, rheinische Gepflogenheiten, Apfelkraut, Reibekuchen und die Familie Land. So gut ich es eben vermochte, versuchte ich eine von ihnen zu sein.Kleines Raumschiff

Und weil ich mir so viel Mühe gab, schaffte ich es sogar, meine Pizza mit Messer und Gabel zu essen und beim Proseccotrinken den kleinen Finger abzuspreizen. Ich hatte das sehr lang vor dem Spiegel geübt und nun, da ich mein kleines Theaterstück erfolgreich vor  einem durchaus dankbaren Publikum aufführen konnte, machte mich das sogar ein bisschen in mich selbst verliebt. Sie hatten nicht den Funken einer Ahnung!

Und so konnte ich dieses wirklich schöne Fest zweitverwerten, um mein geheimes Verhaltensforschungsprojekt an den Analogen voran zu treiben. Zunächst stellte ich fest, dass entweder keiner der übrigen Anwesenden über ein Smartphone verfügte oder aber dieses vor der Gesellschaft geheim zu halten pflegte. Während des ganzen Abends wurde nur ein einziges Mobiltelefon gezückt, um damit -man halte sich fest! – eine erhaltene Kurznachricht (=SMS) unbeantwortet zu lassen.

Es gab vier facebook-Accounts, von denen einer im Prinzip noch nicht bestellt wurde. Zwei der vier Accounts wurden nahezu ausschließlich dazu verwendet, mit der Familie Bilder auszutauschen. Es war (außer mir) nicht ein Twitterer anwesend. Und – so schlussfolgerte ich messerscharf aus dem Nichtvorhandensein von iPhones und deren Geschwistern – keine Forsquarer, Gowallas oder Qyper. Kurz: Ich war in ein Biotop von Analogen eingefallen, wie es in Lehrbüchern nicht besser hätte beschrieben sein können. Vorsichtig schmunzelte ich in mich hinein, denn mit einem Mal bekam ich Einblicke in eine vergangene Zeit, von der unter Unseresgleichen schon lange niemand mehr sprach.

Ein Prosecco ergab den nächsten. Ich beobachte, legte im Geiste Notizen an, analysierte und mischte mit. Und wägte mich in Sicherheit. Als sich die gesellige Runde aber anschickte, die neuen Medien und deren Gefahrenpotenziale kurz durchzudiskutieren, wurde ich unvorsichtig und meldet mich zu Wort. Es war, als habe man mir hinterrücks meine Tarnkappe geklaut und mich im Clownskostüm vor die neugierige Meute gestellt.

Was ich da so mache, in diesem Internet, fragte es um mich herum. Und wozu Twitter eigentlich gut sei. Ob ich keine Angst davor habe, dass alle Welt alles über mich wisse. Und wie viel Zeit ich so vor dem Rechner verbringe. Brav beantwortet ich die Fragen, so gut ich es in diesem Kontext vermochte. Ich merkte, dass es alles andere als einfach war,  nahezu analog lebenden Menschen meine digitale Welt zu erklären. „Die richtigen Followings bei Twitter findet man indem man tiefer in Timelines einsteigt und herausfindet, wer wem @-Replies schickt oder in dem man sich beispielweise die Favs der Followings bei Favstar anzeigen lässt. Ein guter Indikator sind auch Re-Tweets.“ Eine Mauer des Unverständnisses baute sich vor mir auf.

Die Besucher

Irgendwie schnell aus der Nummer herauszukommen und wieder in den Hintergrund zu verschwinden musste die Devise lauten. Aber es war wie ein Teufelskreis, in dem sich aus meinen Antworten automatisch neue Fragen generierten. Und so begann ich zu erzählen während die Augen um mich herum größer und größer wurden. Bisweilen war es war schwer zu unterscheiden, ob die Zuhörenden Sympathie oder Mitleid für mein Treiben empfanden. Wahrscheinlich aber war es eine Mischung aus Beidem. Es war merkwürdig zu erkennen, dass das was für mich inzwischen total normal und absolut unspektakulär war, für andere wie ein Science Fiction Roman klingen musste.

Irgendwann war die Neugier gestillt und spätestens beim Kuchen hatten wir alle den Schock überwunden. Als ich jedoch etwas später wieder in mein kleines Raumschiff stieg, um in meine ferne Welt zu fliegen, erkannte ich, dass ich es war, die an diesem Abend erforscht wurde.

Bilder: pasukaru76/flickr

Kommentare (15) Schreibe einen Kommentar

  1. Ähnliche Erlebnisse hatte ich auch schon. Leider nicht immer mit einem so positivem Ende. Meist haben die Fragenden auch schon nach kurzer Zeit das Interesse an mit verloren. Was davon zeugte, dass sie verstehen wollten. Finde ich immer wieder schade, aber man will sich ja niemanden aufdringen.

    (Müsste es nicht “Sympathie oder Antiphatie” heißen? Empathie wäre wünschenswert.)

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    • Mellcolm

      Danke für Dein Feedback. Antipathie war nicht gemeint – ich glaube, sie fanden mich deswegen nicht grundblöd. Eher Mitleid, aber Du hast Recht, dass Empathie (=Mitgefühl) das nicht richtig ausdrückt. Habe es angepasst. Merci!

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  2. Das ist super beschrieben und dabei nett verpackt. Ich kann mir denken, dass Viele schon Ähnliches erlebt haben, wie auch Luca sagt. Selbst ich, die sich nun nicht als die technisch begabteste Inet-nutzerin schlechthin bezeichnet, aber durchaus eine gewisse Inet-affinität besitzt, kenn die Blicke und Reaktionen.

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    • Mellcolm

      Schlimm ist eigentlich, dass ich mir so lange gar keine Gedanken mehr darüber gemacht habe, wie Menschen leben, die eben nicht so leben wie ich.

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  3. Grossartig, das muss ich gleich in meiner Timeline weiterverteilen. Mir gehts an jedem Kindergeburtstag so (wo ich zwangsläufig jedes 10. Mal hinmuss, damit nicht alle meinen meine Beziehung sei kaputt).

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    • Mellcolm

      Danke fürs Verteilen. So lange man -wie ich- meistens unter Seinesgleichen verkehrt, ist das Ganze ja nur halb so schlimm. Komisch wird es eben erst dann, wenn da nur “die anderen” sind.

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  4. Charmant ge- und beschrieben, wie immer.

    Ich verbringe meine Arbeitstage in so einem konservativen analogen Biotop, hüte mich aber davor mich zu outen.

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  5. Mellcolm

    Das ist vermutlich auch besser so. Sie fangen sonst an, Dich streicheln und füttern zu wollen.

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  6. Pingback: Digital native? Ja wie? « just another weblog

    • Mellcolm

      Danke für die “Blumen” & auch danke für die nette Erwähnung in Deinem Blogpost. Schöner Beitrag!

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  7. Pingback: Dentaku » Von Kornkreisen, Apfelkraut und Analogfisch

  8. Ach, auch in der Heimat von Apfelkraut und Reibekuchen, dem Bergischen Land, wird man immer so komisch angeguckt, wenn Mann sich als Twitterer outet. Scheint bei den RU40s (rund um 40) auch noch eher exotisch zu sein. Kann ich dir gut nachfühlen. Bin wieder gespannt auf meinen nächsten Kindergeburtstag, als Gast, wo die alles mit iPhone spielen wollen “was issn Twitter”, “aber weiss dann icht jeder alles?” aber haben “Nein, wofür denn? Das brauch ich nicht!” – “Ich auch nicht, Spielkram, aber ich steht dazu”. Herrlich, diese doofen Gesichter dann immer ;) Jaja, ich sag dann immer “TV ist ja mittlerweile auch in bunt, oder?”

    Schönes Blog und klasse Schreibe, so erfrischend, werde mal alles lesen, jetzt …

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