Asiawoche, Teil VI: Der zweite Zwischengang

UnterwegsDer homo tokiensis ist im Allgemeinen kleiner und zierlicher als sein westliches Gegenstück. Er trägt bevorzugt Anzug, wenn er ein er ist und irgendwas anderes Adrettes, wenn er eine sie ist. Hauptsache die Absätze sind hoch, das Make-up ist üppig und das Haar sitzt. Gerne pflegt man auch einen Hauch Extravaganz. Das zweithäufigste Kleidungsstück neben dem Anzug ist der Mundschutz, den es in zahlreichen Spielarten gibt. Am gebräuchlichsten ist wohl das „Ein-bis-zwei-Mal-tragen-und-dann-entsorgen-Modell“, aber auch das Modell „Maulkorb“ scheint sich zielstrebig an die Spitze vorzukämpfen. Über die Gründe, warum dieser Mundschutz getragen wird, scheiden sich die Geister. Die einen sagen, die Leute wollen sich vor Krankheiten schützen (Als ich im Taxi einmal kurz wegen der trockenen Luft husten musste, hatte der Fahrer binnen Nanosekunden einen Mundschutz an.), die anderen unterstellen die deutlich altruistischere Motivation, den Rest der Welt vor der eigenen Verseuchtheit schützen zu wollen. Beide Ansätze sind angesichts der Hygienebesessenheit der Japaner zwar denkbar, meiner Ansicht nach aber schlichtweg falsch. Viel realistischer erscheint mir da doch der folgende Ansatz: Japan ist das Land des Fischs. Er kommt in allen Erscheinungsformen und Aggregatzuständen daher und ist des Japaners liebstes Lebensmittel. Allerdings kann man davon ausgehen, dass den Japanern vom übermäßigen Fischkonsum im Laufe der Zeit Fischlippen wachsen. Und weil genau das immer mehr Japanern passiert und Fischlippen bei Nichtfischen nun mal merkwürdig aussehen, tragen die betroffenen Japaner eben einen Mundschutz als Sichtschutz. [Das ist jetzt allerdings auch nur eine Theorie…]

Theorien wie diese entstehen beispielsweise, wenn ich an einer der Haupteinkaufstraßen (Omotesando) vor dem GAP sitzend auf meine Kollegin warte und die Menschen beobachte. Es gibt hier so viel zu sehen, am liebsten hätte ich noch  vier Augen um nichts zu verpassen. Da kommt von links ein hübsches Liebespaar. Beide tragen Mundschutz und halten Händchen. Mir kommt so viel Hygiene in der Welt der Liebe so deplatziert vor. Oder ist es sogar umgekehrt? Von rechts nähert sich eine Gruppe gutgekleideter Herren, die mit großen Zangen den Müll von der Straße aufsammeln. Auch das passt für mich nicht zusammen. Aber in seiner Andersartigkeit ist alles dann auf einmal doch wieder stimmig. Und sogar die Frauen im Kimono, die in ihren engen Röcken und den Zehensandalen nur zaghafte, etwas unrund anmutende Schritte machen können. Auch die sind ein Teil des Ganzen.

Make-a-wish

Die Kollegin bringt mich zum Meiji-Schrein und erklärt mir, dass hierhin die drei-, fünf- und siebenjährigen Kinder kommen, um sich segnen zu lassen. Es sind eine Menge dieser kleinen Leute unterwegs und sie sind mit farbenfrohen Kimonos herausgeputzt. An anderer Stelle im Schrein wird gerade eine Hochzeitsgesellschaft fotografiert. Die Braut versucht zu lächeln, ohne die Zähne dabei zu zeigen. Das ist auf solchen Bildern verpönt. Eine weitere Hochzeitsgesellschaft hat die Feierlichkeiten noch vor sich und schreitet in einer langen Prozession durch die Gänge des Schreins zur Tat. Wir spenden eine Münze, wünschen uns was und klatschen einmal kurz in die Hände. Und ehe ich mich versehe, stehe ich inmitten der Neonreklamen an der Shibuya Crossing und bin vom traditionellen Japan wieder viele Meilen entfernt.

Fürs-Familienalbum

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