Mellcolms Sommerfrische, Teil III: Schneeflöckchen, Weißröckchen

Schnee im Mai

28. Mai 2011, Schatzerhütte – Palmschoss – Halslhütte – Schatzerhütte

30 cm Neuschnee, so einfach über Nacht und weit und breit keine Sonne, die diesem peinlichen Wetter-Fauxpas ein würdiges Ende hätte bereiten können.

Schnee im Mai
Zugegeben: Nur rund vier Monate zuvor wäre uns am selben Ort vor Freude über den Schnee das Herz übergegangen, aber im Sommerurlaub Ende Mai braucht so etwas kein Mensch. Und das schon gar nicht, wenn man in freudiger Erwartung des Südtiroler Hochsommers nur leichte Leibchen und dergleichen im Gepäck hat.

Dem Schnee war die Bredouille in der wir uns nun seinetwegen befanden natürlich völlig gleichgültig. Er lungerte weiter selbstzufrieden auf Tischen und Bänken, Wiesen und Bergspitzen, kurz – einfach überall – herum und lachte sich dabei ins kalte Fäustchen.

Während der Schnee sich seines Daseins erfreute, schlüpften mein Hüttenmitbewohner und ich nach überwundener Schockstarre in T-Shirt und Flip Flops, um beim gemeinsamen Frühstück mit den anderen Wandersleuten einen Plan zu schmieden. Das bisschen Schnee konnte uns doch nicht den Spaß verderben! Der üppig und liebevoll gedeckte Tisch tat ein Übriges, um uns schnell zu besänftigen. Nach dem Genuss der selbst gemachten Orangenmarmelade schnurrten wir schon wieder wie kleine braun-weiße Kätzchen, wenn man ihnen den Wanst krault.

Berge und Schnee
Wir packten also die Wanderkarte aus und beschlossen im Kollektiv zum Anwärmen und ob der widrigen Wetterverhältnisse am ersten Tag mit einer leichten Auf- und Abwanderung rund um die Hütte zu beginnen. Der heitere Hüttenwirt Franz versprach uns nach einem prüfenden Blick gen Horizont einen Fön, der binnen kürzester Zeit den Schnee zum Erschmelzen bringen würde. Die Aussichten auf den Tag hätten also besser nicht sein können.

Zum Schutz vor der Kälte in unser gesamtes Reisegepäck eingehüllt marschierten wir also munter los. Nur die Wanderkarte, auf der wir in mühevoller Kleinarbeit die Route zusammengestückelt hatten, war unserer Vermummungsaktion entkommen und blieb alleine in der Hütte zurück. Da wir jedoch Männer dabei hatten und diese bekanntlich dank ihres eingebauten GPS allesamt Großmeister der Orientierung sind, machten wir uns wegen der vergessenen Wanderkarte keine größeren Sorgen.

Den größten Teil der Strecke funktionierte das eingebaute GPS der Herren tatsächlich vorzüglich. Zwar blieb der versprochene Fön aus und wir mussten über weite Strecken durch Schnee und Schneematsch stapfen, aber dennoch erreichten wir nach angemessener Zeit und ohne größere Blessuren das heiß ersehnte Etappenziel unserer Wanderung: Die Beiz in Form der Halslhütte. Hier widerstanden wir unter heftigen seelischen Schmerzen dem inneren Trieb, von dem öffentlich zur Schau gestellten, selbst gemachten Apfelstrudel zu „schnausen“ (schweizerdeutsch für: „hemmungslos und ohne schlechtes Gewissen möglichst ungesunde Nahrungsmittel in sich hinein stopfen“).

Nach der kurzen Pause in der wir das innere GPS der Herren noch mal schnell gegen eine ordinäre Wanderkarte abglichen, ging es dann gut erholt weiter. Da wir gerade so gut in Fahrt waren hatten wir uns entschieden, statt des direkten Weges einen Umweg zurück zur Schatzerhütte zu wählen. Dieser Umweg führte uns durch knietiefen Matsch und jungfräulichen Schnee geradewegs zu einem reißenden Strom, den es zu überqueren galt.

Zwar war schon längst kein Wanderweg mehr zu sehen, aber der gut orientierte Anführer bestand drauf, dass das so schon richtig sei. Also überquerten wir den reißenden Strom mit Anlauf, nassen Füßen und einem Floß, um dann festzustellen, dass der verschwundene Wanderweg auch jenseits de Flusses nicht wieder auftauchte. Stattdessen gab es nur eingeschneite und unberührte Wiesen, auf denen unter der dichten Schneedecke irritierte Butterblumen genau wie wir auf den Fön warteten, der einfach nicht pusten wollte.

Da es nun vorwärts gar nicht weiter zu gehen schien, entschieden wir uns für Rückzug, was ein erneutes Überqueren des reißenden Stromes – diesmal aber aus der anderen Richtung und mit Dampfschiff, erneut nassen Füßen und Liane. Was gibt es Schöneres als ein erfrischendes Fußbad in den Bergen, wenn rundherum Schneematsch liegt und es nieselt?

Da wir die Fortsetzung des Wanderwegs partout nicht finden wollten entschlossen wir uns denselben Weg zurück zu gehen, den wir gekommen waren. Ich hatte – weil der Teufel ein Eichhörnchen ist und man ja bekanntlich nie weiß – vorsichtshalber auf dem Hinweg Brotkrumen gestreut, so dass der Rückweg zur Weggabelung abgesehen von den Matschlöchern kein größeres Problem darstellte. Über die vorher verschmähte Abkürzung gelangten wir schließlich nach gut 16 km und 5 Stunden Gewandere wieder zur Hütte, wo wir die überstandene Wanderung bei einem Apéro zelebrierten.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. „Da wir jedoch Männer dabei hatten und diese bekanntlich dank ihres eingebauten GPS allesamt Großmeister der Orientierung sind“

    Beinahe hätte ich meinen Kaffee über die Tastatur geprustet … Ich sollte Deine Blogeinträge nicht beim Frühstück lesen.

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    • Mellcolm

      Meinst Du, ich sollte irgendwo gut sichtbar einen Warnhinweis anbringen? Wären wir den USA würdest Du mich am Ende noch verklagen deswegen.

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