Frisch gequetscht und schief gewickelt (Due)

Bereits kurz nach meiner Ankunft war das erste Highlight für mich eingeplant worden: Ich sollte mich mit frischem Obst- und Gemüsebrei bewerfen lassen und dabei die Contenance bewahren. Da ich ahnte, dass ich aus der Nummer nicht mehr herauskommen würde, legte ich mich todesmutig auf das dafür eigens präparierte Gestühl. Die nette Kosmetikerin trug in ihrer Nase eines jener Abfallprodukte, die ansonsten in Taschentüchern verenden und drohte mir implizit damit, es auf mich herabregnen zu lassen, würde ich nicht parieren. Also parierte ich wie keine Zweite und ließ Papayapampe und Gurkenmus ohne mit der frisch gefärbten Wimper zu zucken über mich ergehen.

Zucken musste ich allerdings, als sie mir ans Eingemachte wollte. Sie quetschte und drückte, schob und piekste und ich war jederzeit kurz davor, mich körperlich zur Wehr zu setzen. Und als ob das der Malträtei nicht genug gewesen sei, riss sie mir dann noch bei lebendigem Leibe ein Augenbrauenhärchen nach dem nächsten aus. Barbaren, diese Norditaliener! Verbeult aber glücklich suchte ich mein Zimmer auf, wo ich mich nach Kräften bemühte, die Kampfspuren unsichtbar zu machen.

Im geschmackvoll eingerichteten Speisesaal hatte die Restaurantchefin mit einen hübschen Katzentisch reserviert. Ich nahm Platz und begann sogleich mit der Lektüre von Sonnenhof’s Abendpost [sic!], die neben ein paar Werbemaßnahmen vor allem auch den Kalauer des Tages enthielt. Ich las ihn, lachte höflich und legte das Faltblatt wieder weg. [Das schweizerische Seniorengrüppchen drei Tische weiter klopfte sich noch beim Dessert auf die Schenkel!]

Besonders die anwesenden Damen machte es nervös, dass mir auch noch nach zehn Minuten kein Herr an meinem Tischlein Gesellschaft leistete. Eine Allreisende war ihnen offensichtlich in ihrem ganzen Leben noch nicht untergekommen. Auch wenn ich mit dem Alleinreisen sonst wenig Probleme habe, im Speisesaal holte selbst mich das Alleinreisetrauma ein. [Wieso hatte ich den Zusatz …& Family Resort eigentlich vorher nirgends gelesen?] So viele Gänge in so wenig Gesellschaft zu genießen – das behagte mir nicht. Zwischen einer ausgelassenen Foie gras und einer verschmähten Bouillabaisse holte ich mir schnell mein geliebtes Twitter an den Tisch – einfach um auch jemanden zum reden zu haben.

Aber obwohl auch der kleine Kellner mich ganz offensichtlich gleich ins Herz geschlossen hatte, galoppierte ich so schnell wie möglich durch die Menüfolge, um mich in die rettenden vier Wände meines Zimmers verflüchtigen zu können. Leider glich mein Kämmerchen einer Eisgrotte was wohl daran lag, dass die Heizungen nicht den Ansatz einer Leistung brachten. Ich lief wieder runter, klagte mein Leid und wurde kurze Zeit später vom Hausmeister mit Radiatoren, Heizlüftern, Verlängerungskabeln und warmen Worten versorgt. Mir hätte es ja auch gereicht, wenn er einfach meine Heizung angestellt hätte….

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: Dennis Wong / Flickr

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Köstlich, vor allem die Papayapampe. Bei uns waren es die älteren Herrschaften aus Berlin, die jedoch milde gestimmt waren, da ich ja den Gemahl dabei hatte.

    Zum Flüchten gibt es ja auch noch den ein oder anderen (Ski-)Lift!

    Wünsche fröhliches Knetenlassen.

    Antworten

    • Mellcolm

      Immerhin weiß ich nun aus erster Hand, was sich hinter dem Wort „Lustgreis“ verbirgt…

      Skifahren ist ja leider nicht so meines, aber ich habe andere heimelige Fluchtorte gefunden. Hatte ich erwähnt, dass mein Zimmer zu den gefühlten 5 Zimmer ohne WLAN gehörte?

      Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


× 7 = 21