Köln-München, 4. Oktober 2009: Rollenspiel mir das Lied vom Tod

Schon als Teenie bin ich vor denen mit den Schwarzen Augen stets auf der Hut gewesen. Ich mutmaßte, dass die mit Bhagwan sympathisieren. Beweisen konnte ich das nie, aber hey – die hatten zwanzigseitige Würfel. Das liegt doch auf der Hand, dass da was nicht stimmte.

Nee. Rollenspiele gehen gar nicht. So gar nicht wie Fantasyromane. Wobei – eigentlich noch viel gar nichter. Ich bin zu dröge für so was. Und viel zu fantasielos. Die einzigen Fantasiewesen, an die ich überhaupt glaube sind die, die immer meinen Schrank durcheinander bringen. Aber die sind unbewaffnet und leben in der Gegenwart. In München.

Und dann so was. Und das mir! Sitze ich vor ein paar Tagen mal wieder nichtsahnend und niemandem die Pest an den Hals wünschend im Zug von A nach B als in C zwei merkwürdige Gevatterinnen zusteigen. Es handelt sich um Weibsvolk der Gattung Rollenspielerin, wie ich binnen Sekunden auf die ganz grausame Art lernen muss. Heiderdaus, was sträubten sich mir die Nackenhaare im Verlauf des Erkenntnisprozesses! Ausgestattet mit Schwert und Gitarre, mit Flügelstecken (der terminus technicus ist mir nicht bekannt) und Fellumhängen rückten sie ein und schreckten erstmal das gesamte Abteil mit ihrem Rumpumpeln auf.

Die beiden Liebenden suchten im vollbesetzten Zug einen Platz. Für sich und ihr Gerümpel. Während die eine – eher wonneproppere Walburga als grazile Griseldis – mit dünnem Stimmchen um Gnade winselte, teilte die andere – eine Mischung aus Rambo und Charlize Theron in Monster – mit ihrer finsteren Rollenspielrumpumpelstimme verbale Tiefschläge aus. Die Versuchung lag nahe, das Spiel zeitlich irgendwo in der Nähe der Eiszeit zu verorten. (Walburgas langes Rastahaar hätte das Geschleiftwerden über den Zugmittelgang locker weggesteckt.)

Nach gefühlten Stunden des lautstarken Platzsuchens erschien der Moment der Platzfindung mir und den anderen Reisenden zunächst wie eine Erlösung. Wir ahnten ja nicht, dass die beiden einmal sitzend das gesamte Rollenspiel des zurückliegenden Wochenendes noch mal in epischer Breite durcharbeiten mussten. Grmpf. Sie hatten geliebt, gelitten und geträumt. Und waren gegen ihre Feinde in den Kampf gezogen. Und als Siegerinnen daraus hervor gegangen. Vielleicht hatten sie aber auch nur zu viele von den falschen Pilzen gegessen.

Während sie mich befremdeten, fühlten sie sich selbst in ihrer Welt ganz offensichtlich pudelwohl. Weil sie dort die Heldinnnen sein konnten, die das echte Leben sie nie würde sein lassen. Niedlich.

Erwähnte ich schon, dass ich Rollenspiele albern finde? Doch für die kuschelige Geborgenheit eines Fellumhangs in überklimatisierten Bahnabteilen würden ich zur Not sogar ein Halblingsmädchen mimen.

Bild: Bifford The Youngest / Flickr

Kommentare (8) Schreibe einen Kommentar

  1. Mein lieber Scholli, was du immer alles erlebst. Schwarze Augen sind mir auch ein Gräuel, sie erinnern immer so an das „Teuflische“. Ich mag mehr die Reinheit und das Klare, drum Blau oder braune Augen, sie strahlen sehr viel Wärme aus. Rollenspiele, à la Psychotherapie „Versetzen sie sich in die Lage des Anderen“, ups, Gott bewahre, nicht für Mellcolm. :)

    Antworten

  2. Ui ui ui. Aber sei froh, spätestens wenn eine der Damen ihr Leberwurstbrötchen ausgepackt hätte, wäre es noch schlimmer gewesen. Beziehungsweise halt eine Hammelkeule. Man weiss es ja nicht.

    Antworten

  3. Rollenspiele sind ganz was gruseliges!
    Ich bekomme Angst vor Leuten, die sich der dunklen Macht der Spiele verschworen haben! Sie tauchen in die vermeintlich surreale Welt außerhalb des Rollenspiels auf, um dort die Leute zu verwirren.

    P.S. Oh, noch jemand mit Sempffass unter den geistigen Ergüssen

    Antworten

  4. Zuviel gezockt, was? Seit wann fahren denn IN WoW Züge? Oder waren die beiden aus der Matrix entstiegen?
    Na, möge die Nacht mit Dir sein…

    Antworten

  5. @marijana: In WOW fahren Züge, einer von ironforge nach stormwind und in ulduar gibts sogar ne Schwebebahn. ;)

    Antworten

  6. Ich hingegen als Rollenspieler fühle mich schwer missverstanden; seit langem mal wieder Zeit, mich im Netz umzutun, und dann sowas bei der verehrten Frau Mellcolm. Andererseits empfinde ich oft genauso, wenn ich Leute sehe, die sich über etwas austauschen, dass ich nicht verstehe und für uninteressant halte. Fußball, Schuhe, Börseninformationen.
    Dass du dann auch noch Liverollenspieler für Rollenspieler hältst… zwar spielen viele Liverollenspieler auch Rollenspiele, aber umgekehrt weit weniger… Ach, Gott, seis drum. Viel Spaß in Tokyo. ;-) @unreality

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


6 × 3 =