Kollektives Sitzenbleiben

Um zur Arbeit und von dort wieder nach Hause zu gelangen, bin ich täglich bis zu einer Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Das ist bisweilen wegen der Geräusch- und Geruchskulisse nicht unbedingt angenehm, aber für mich gegenüber dem Autofahren immer noch die bessere, kosten-, CO2- und zeitsparendere Alternative. Jedenfalls war das so, bis ich schwanger wurde. Weiterlesen

Berlin-München, 12. Dezember 2009: Im Semmelexpress

Bis vier an einem Ende der Stadt zu feiern und um neun schon wieder gesäubert und gekleidet am anderen Ende der Stadt in einem Zug zu sitzen, den man natürlich auch erst in letzter Sekunde und im Schweiße seines Angesichts erreicht hat, das ist schon eine Glanzleistung für die man sich mit Fug und Recht mindestens bis Leipzig auf die Schulter klopfen sollte.

Das Dumme an diesem straffen Zeitmanagement ist allerdings, dass es einem das beiläufige Schrippenabgreifen gänzlich verunmöglicht. Ein Glück, dass die Deutsche Bahn tief im Innern ihrer Pannenzüge kleine französische Frühstückscafés beherbergt. Das hätte ich selbst nicht besser aushecken können! Dem Bordbistro hatte ich mich schon ein um das andere Mal in eindeutiger Absicht genähert (- Nic Nac’s, Sie wissen schon -), aber das Bordrestaurant hatte ich bis dato aus oralästhetischen Motiven gemieden. Dieses Mal waren mein feinfühliger Gaumen und ich bereit eine Ausnahme zu machen. Nachdem ich mein Badehandtuch reservatorisch auf dem mir zugesprochenen Sitzplatz ausgebreitet und mein Gepäck in die dafür vorgesehene Vorrichtung gewuppt hatte, drapierte ich mich also hungrig, adrett und mit koketter Miene auf der kuschelige Chaiselongue des schienengeführten Gourmettempels. Weiterlesen

Köln-München, 4. Oktober 2009: Rollenspiel mir das Lied vom Tod

Schon als Teenie bin ich vor denen mit den Schwarzen Augen stets auf der Hut gewesen. Ich mutmaßte, dass die mit Bhagwan sympathisieren. Beweisen konnte ich das nie, aber hey – die hatten zwanzigseitige Würfel. Das liegt doch auf der Hand, dass da was nicht stimmte.

Nee. Rollenspiele gehen gar nicht. So gar nicht wie Fantasyromane. Wobei – eigentlich noch viel gar nichter. Ich bin zu dröge für so was. Und viel zu fantasielos. Die einzigen Fantasiewesen, an die ich überhaupt glaube sind die, die immer meinen Schrank durcheinander bringen. Aber die sind unbewaffnet und leben in der Gegenwart. In München.

Und dann so was. Und das mir! Sitze ich vor ein paar Tagen mal wieder nichtsahnend und niemandem die Pest an den Hals wünschend im Zug von A nach B als in C zwei merkwürdige Gevatterinnen zusteigen. Es handelt sich um Weibsvolk der Gattung Rollenspielerin, wie ich binnen Sekunden auf die ganz grausame Art lernen muss. Heiderdaus, was sträubten sich mir die Nackenhaare im Verlauf des Erkenntnisprozesses! Ausgestattet mit Schwert und Gitarre, mit Flügelstecken (der terminus technicus ist mir nicht bekannt) und Fellumhängen rückten sie ein und schreckten erstmal das gesamte Abteil mit ihrem Rumpumpeln auf.

Die beiden Liebenden suchten im vollbesetzten Zug einen Platz. Für sich und ihr Gerümpel. Während die eine – eher wonneproppere Walburga als grazile Griseldis – mit dünnem Stimmchen um Gnade winselte, teilte die andere – eine Mischung aus Rambo und Charlize Theron in Monster – mit ihrer finsteren Rollenspielrumpumpelstimme verbale Tiefschläge aus. Die Versuchung lag nahe, das Spiel zeitlich irgendwo in der Nähe der Eiszeit zu verorten. (Walburgas langes Rastahaar hätte das Geschleiftwerden über den Zugmittelgang locker weggesteckt.)

Nach gefühlten Stunden des lautstarken Platzsuchens erschien der Moment der Platzfindung mir und den anderen Reisenden zunächst wie eine Erlösung. Wir ahnten ja nicht, dass die beiden einmal sitzend das gesamte Rollenspiel des zurückliegenden Wochenendes noch mal in epischer Breite durcharbeiten mussten. Grmpf. Sie hatten geliebt, gelitten und geträumt. Und waren gegen ihre Feinde in den Kampf gezogen. Und als Siegerinnen daraus hervor gegangen. Vielleicht hatten sie aber auch nur zu viele von den falschen Pilzen gegessen.

Während sie mich befremdeten, fühlten sie sich selbst in ihrer Welt ganz offensichtlich pudelwohl. Weil sie dort die Heldinnnen sein konnten, die das echte Leben sie nie würde sein lassen. Niedlich.

Erwähnte ich schon, dass ich Rollenspiele albern finde? Doch für die kuschelige Geborgenheit eines Fellumhangs in überklimatisierten Bahnabteilen würden ich zur Not sogar ein Halblingsmädchen mimen.

Bild: Bifford The Youngest / Flickr