Unter Zugzwang

Zwar war das Wellness-Wochenende nicht unbedingt erholsam für die Nerven, aber der geschundene Körper ist doch einigermaßen zu seinem Recht gekommen. Und stundenlange Schwätzchen mit lieben Menschen, die man leider viel zu selten sieht, sind im Grunde ja auch eine Form von Wellness. Umso toller, dass wir Beide unsere Rückfahrten in verschiedene Himmelsrichtungen so gelegt hatten, dass wir zumindest einen Teil der Strecke noch gemeinsam hinter uns bringen konnten.

Verglichen mit seinem Kollegen auf der Hinfahrt, den wir mit unserem Transferwunsch offensichtlich beim Telefonieren gestört hatten, war der Taxifahrer auf der Rückfahrt wirklich zahm – vielleicht auch, weil ich ihm überdeutlich sagte, dass es schwangeren Frauen bei kurvenreichen Strecken im Fond gelegentlich sehr plötzlich sehr übel wird. Und dass das in so einem Taxi natürlich verheerende Folgen haben könne.

Nachdem wir uns in einer Tankstelle noch mit etwas zuckerhaltigem Proviant eingedeckt hatten, bestiegen wir die bereits auf uns wartende und gut klimatisierte S-Bahn in Richtung Bodensee und beglückwünschten uns gegenseitig dazu, nach nur einmaligem Umsteigen schon bald im Direktzug Richtung Heimat zu sitzen.

Auch der Anschlusszug (von den Kollegen der SBB) war pünktlich, gut klimatisiert und nicht übervoll, so dass ich es mir und meinem Bauch ohne schlechtes Gewissen auf zwei Plätzen gemütlich machen konnte. Um 17:28 Uhr sollte der Zug in München ankommen und mit meinen daheimgebliebenen Jungs hatte ich bereits ein Pizzadate abgemacht. Nachdem ich zwei ganze Tage weg gewesen war, war ich nun doch froh, den Sonntagabend noch mit der Familie verbringen zu dürfen. Allzu oft war ich noch nicht alleine weg, seit der Nachwuchs auf der Welt ist.

Der Zug tuckerte friedlich in den Tag hinein und das Leben war gut zu mir. Nach kurzer Zeit setzte sich ein sehr freundliches chinesisches Ehepaar auf die Plätze gegenüber und ich geriet mit dem Herrn – der unglaublich gut Englisch sprach – sofort ins Plaudern. Sie waren aus einem Abteil geflüchtet, in dem die Klimaanlage ihren Geist aufgegeben hatte, was angesichts von Außentemperaturen über 30 Grad nun alles andere als angenehm war. Wir tuckerten dahin, plauderten, arbeiteten die deutsche Geschichte auf, handelten kurz auch noch die Schweiz und Österreich ab, kamen überein, dass sich weder Schweizer noch Österreicher selbst als Deutsche bezeichnen würden – was den netten chinesischen Herrn sehr in Erstaunen versetzte – und ließen die Minuten an unserem Zugfenster vorbeiziehen.

Kurz vor Aichstetten ließ die Stimme aus dem Off erstmals verlauten, dass es möglicherweise kleinere und nicht näher bekannte technische Probleme bei Memmingen gäbe. Zunächst mal kein Grund zur Beunruhigung, denn wer öfter Bahn fährt, weiß: Irgendwas ist immer. Der Zug fuhr in den Bahnhof Aichstetten ein und kam zum stehen. Und stand. Und stand. Und stand. Irgendwann kam dann die Durchsage, dass es in Memmingen ein Problem mit dem Stellwerk gäbe, näheres sei aktuell nicht bekannt, würde aber zeitnah durchgesagt. „Zeitnah“ ist übrigens genau so relativ wie „Direktzug“. Nach einer längeren Zeit der Rumsteherei – man hatte inzwischen die Türen geöffnet, befragte ich das Internet, nach der aktuellen Dauer der Verspätung: Wir lagen bei 30 Minuten. Die Stimme aus dem Off schwieg weiter. Während das Internet von 30 Minuten auf 60, dann auf 120 erhöhte, badete das Personal seine Hände weiterhin in Unschuld und Ahnungslosigkeit. Die Klimaanlage, die bislang tadellos funktioniert hatte, begann schließlich auch noch zu schwächeln. Ich suchte auf Twitter Rat.

Und die Bahn in ihrer grenzenlosen Hilfsbereitschaft, ließ mich auch nicht lange mit meinem Elend allein.

Ich sah ein, dass ich auf ein so nahe liegendes Konzept auch selbst hätte kommen können und schämte mich ein wenig, wegen meiner dümmlichen Nachfrage.

Da die Bahn ihr Personal offensichtlich informativ an der kurzen Leine hielt, machte ich mich bei den Chinesen und allen anderen in meinem Umfeld entweder beliebt oder unbeliebt, weil ich im Internet die neuesten Verspätungsstände ermitteln konnte. Ab etwa 17:30 Uhr war damit aber leider Schluss – das Internet hatte beschlossen, dass der EC 195 ja nun inzwischen planmäßig in München angekommen sein müsse.

Irgendwann meldete sich dann die Stumme aus dem Off mal wieder zu Wort. Man habe einen Plan, hieß es. Das war immerhin mehr, als man in den letzten Stunden hatte feststellen können. Die Lok solle vom Zuganfang ans Zugende gehängt werden und dann wolle man ein Stück zurück fahren und VERSUCHEN (!!!) auf anderem Wege nach München zu gelangen. Und außerdem würde man dann jetzt mal mit den Fahrgastrechteformularen die Runde machen – aus Gründen.

Tatsächlich fuhr der Zug irgendwann wieder, wenn auch in die falsche Richtung. Aber im Zug störte das mittlerweile niemanden mehr. Hauptsache wir waren in Bewegung und hatten das Gefühl, dem Ziel näher zu kommen. Der Chinese war weiterhin guter Stimmung, wir flachsten über deutsche Ingenieurskunst. Und schon wieder hatte die Stimme aus dem Off ein Update für uns.

Nähere Infos sollten folgen… Das war es also mit der kuscheligen Direktverbindung. Nicht nur, dass die Ankunftszeit inzwischen eine große Unbekannte war, nun wusste man plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch am selben Tag in München ankommen würde. Ich überraschte den Chinesen mit immer neuen Hiobsbotschaften, der blieb weiterhin fröhlich und freundlich. Es zahlt sich eben manchmal doch aus, wenn man sein Leben lang drangsaliert und gebeutelt wird: Man wird leidensfähig.

Ich realisierte, dass ich mir die Sache mit der Pizza in die Haare schmieren konnte und gab mich kurz einer gewissen Resignation hin.

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Selfie mit ausgewachsener Resignation

Auch die Aussicht auf eine Erstattung von 50% des Fahrpreises konnte mich nicht mehr aufheitern. Denn – unter uns – sind 50% eines halben Europa-Sparpreises kaum besser als in die hohle Hand geschissen, insbesondere wenn die einzige verfügbare Nahrung (Mini-Panettone und eine kleine Tüte Zweifel-Chips) im SBB-Bauchladen mit je 3,20 Euro dahergewuchert kommt. Aber hey, ich war schwanger, ich musste was essen. Insbesondere in schwierigen Situationen. Der Schweizer Snackverkäufer war von der Situation sichtlich überfordert: Schweizer Züge kommen nie zu spät. Das ist sowas wie ein ungeschriebenes Gesetz.

Unterdessen kam der Zug wieder kommentarlos zum Stehen, diesmal im schön Hergatz. Die Türen wurden geöffnet, die Zugbegleiter liefen von vorne nach hinten, bliesen gelegentlich und ohne Folgen ihre Trillerpfeife und wir warteten weiter. Der Chinese machte sich Sorgen, dass er ohne gutbürgerliche deutsche Küche ins Hotelbett würde sinken müssen. Ich konnte ihn leider nicht wirklich beruhigen. Der Zug fuhr weiter, die Stimme aus dem Off hatte bahnbrechende Neuigkeiten: Wir können in Kempten in einen Regionalzug nach Augsburg einsteigen. Und da dann weiterfahren nach München, irgendwie. Dass der EC 195 nahezu bis zum letzten Platz besetzt war und komplett in einem „normalen“ Regionalzug untergebracht werden solle – hey – wo ist das Problem? Die Stimme aus dem Off hatte jedenfalls nicht zu viel versprochen. Der Regionalzug stand in Kempten und war bereit, uns aufzunehmen, auch wenn der Schaffner von seinem Glück nichts wusste. Kommunikation untereinander scheint bei der Deutschen Bahn insgesamt keinen besonders hohen Stellenwert zu haben. Nach dem Massen von Menschen – unter ihnen übrigens zahlreiche Touristen aus fernen Ländern, die bereits längst ihren Rückflug in die Heimat verpasst haben – den Regionalzug stürmten, gab der Schaffner großzügig die 1. Klasse frei und es wurden weitere Waggons angehängt. Ich kuschelte mich mit ein paar anderen Mitleidenden in die Kinderspielecke. IMG_2799 Während die freundliche Stimme aus dem Off uns geraten hatte, in Augsburg umzusteigen, empfahl nun der Schaffner des Regionalzuges uns Buchloe. Als scheinbar einzige Passageuse mit Smartphone und partiellem Netzempfang hing das ganze Abteil an meinen Lippen. Ich testete online alle möglichen Optionen aus und hob schließlich auch den Daumen für Buchloe. Ich steckte meinem neuen chinesischen Freund, dass er mir in Buchloe unauffällig aus dem Zug folgen solle und rund 300 andere Fahrgäste taten es ihm gleich. Ich kam mir vor wie ihr Heiland – andauernd wurde ich gefragt, wie es nun weiter geht, wann der Zug kommt, wo er hält. Steve Jobs wäre stolz auf mich gewesen. In Buchloe stiegen wir dann in den nächsten verspäteten Zug ein, einen ALEX, wobei ich mich an diesem Punkt bereits nicht mehr für Vornamen interessierte. Auch dieser Zug war mit uns allen an Bord übervoll. Ich profitierte glücklicherweise vom Heiland- oder vom Bauchbonus, bekam einen Sitzplatz freigeschaufelt und den Koffer getragen. So eine Zugfahrt bringt die Menschen zusammen. Und bei den weiterhin hohen Außentemperaturen, tat der Schweißfilm auf der Haut ein Übriges. Gegen 23:00 Uhr – nur knappe 5,5 Stunden später als vorgesehen, kam ich am Münchner Hauptbahnhof an. Müde und voll Ehrfurcht vor dem tollen Issue-Management bei der Deutschen Bahn.

Kommentare (7) Schreibe einen Kommentar

  1. Genau deswegen werden wir bei der Hochzeit such mit dem Auto anreisen, um diese nicht zu verpassen :-D

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  2. Früher habe ich mir immer vorgestellt, dass die Bahn eine riesige Zentrale hat, die in etwa so aussieht wie die Kommandozentrale von NASA/ESA/???. 10-50 Mitarbeiter_innen sitzen vor jeweils mindestens drei Bildschirmen, wie jeweils Teilstücke des Streckennetzes angezeigt werden, und vor ihnen sind einige große Leinwände, auf denen das gesamte Netz sowie Meldungen der unterschiedlichen Züge in Echtzeit aufscheinen. Dazu gibt es mehre Einsatzteams, die sich bei Problemen darum kümmern eine Lösung zu finden. Aufgrund der Reservierungen können sie sehen, wohin die meisten Fahrgäste wollen und der Computer zeigt direkt Alternativrouten an.

    Seit ich aber selbst öfter Bahn fahre (ich halte die österreichische Bundesbahn übrigens für noch nachlässiger) und solche Berichte lese, habe ich das Gefühl, dass es maximal in den größeren Bahnhöfen kleine Kontrollzentren gibt und die primär dafür da sind, dass keine Züge zusammenstoßen. Sobald ein Zug aus dem eigenen Verantwortungsbereich raus ist, ist es nicht mehr das eigene Problem. Fahrgäste sind komplett unsichtbar. Für die sind die Reisezentren zuständig und die haben als einziges Tool auch nur die Auskunft, die es auch über das Smartphone gibt. Der Rest läuft informell zwischen Zugvorstehern ab.

    Ich bin froh, dass du zumindest am gleichen Tag angekommen bist und anscheinend angenehme Reisebekanntschaften hattest. Danke für den Abenteuerbericht.

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    • Mellcolm

      Ich habe wirklich ein paar spannende Leute kennengelernt und im Großen und Ganzen war die Stimmung trotz der widrigen Umstände gut und man hat aufeinander geschaut.

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  3. Zu Zeiten der Bundesbahn, als das also noch eine Behörde war, nannte man Fahrgäste noch Beförderungsfall. Manchmal merkt man das heute noch.

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