Lackäffchen in Salzkruste (Quattro)

Nach dem obligatorischen Saunaabenteuer führte mich mein Weg wieder in die Folterkammer. Diesmal sollten mir bei lebendigen Leibe die Nägel gestutzt und blutrot lackiert werden. Stoisch ließ ich die schaurige Prozedur über mich ergehen – schließlich gefiel ich mir in der Heldinnenrolle auch irgendwie. Auch teeren und federn hätte ich in diesem Moment überstanden, ohne Mühe! Nach vollbrachter Lackierung führte ich einen tibetanischen Trocknungstanz auf, der zwar den Trockenvorgang nicht wesentlich beschleunigte, dafür aber das Interesse der bebademantelten Passanten auf mich zog. Ich begann mich in der Schublade des Argwohns pudelwohl zu fühlen. Sollten sie nur nachts einen Stuhl unter die Türklinke schieben…

Der erste Lackschaden ließ – selbstredend – keine fünf Minuten auf sich warten. Bad Lack, wie mir schien. Da eine solche Maniküre kein wirklich günstiges Unterfangen ist, trachtete ich nach Schadensbegrenzung. Die Foltermagd zeigte Herz. Und so wurde ich wieder abgeklebt und aufgebockt, um nach allen Regeln der Kunst ein zweites Mal lackiert zu werden. Ich nahm mir vor das Gesamtkunstwerk wie meinen Augapfel zu hüten. Ein längst überfälliger Toilettenbesuch machte mir einen erneuten Strich durch die Rechnung. Auch wenn ich bei Wetten dass … ? dieses Jeans Hoch- und Runtergetanze sehr aufmerksam studiert hatte, gab ich nach drei Versuchen und leichten Schmerzen in der Hüftgegend auf und erledigte die Dinge auf die herkömmliche Weise. Meine Blase machte Luftsprünge, meine Fingernägel schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Ich resignierte.

Dem Nagelgemetzel sollte ein Ganzkörperpeeling mit einer anschließenden (Ein-)Packung folgen. Das Ganze war für etwa zwei Stunden angesetzt und ich labte mich noch ein letztes Mal an den herumstehenden ayurvedischen Tees, da ich eine lange Durststrecke auf mich zukommen sah.

Kennen Sie eigentlich diese lustigen Slips, die man zu den Wellnessbehandlungen tragen darf? Zum Schießen! Wie selbstbeherrscht diese Mass(akr)eusen sein müssen, nicht jedes Mal laut los zu lachen, wenn sich ihre Opfer so „aufreizend“ zurecht gemacht auf die Massageliege schwingen. Die Höschen sind unisex und ich verbot mir jeden weiteren Gedanken an die Massagesitzungen der schweizerischen Seniorengruppe.

In den Hauch von nichts gehüllt wurde mir zunächst mit einer brennenden Salzundnochwasmatsche Stück für Stück die Haut vom Leib geschmirgelt, um gleich anschließend eine Art Brandbeschleunigungscreme aufzutragen. Hin- und hergerissen zwischen Frohlocken und Bestürzung ließ ich erneut alles über mich ergehen. Und was soll ich sagen? Auch diese Tortur überlebte ich und durfte die Salzundnochwasmatsche abduschen, was sich ob der Hartnäckigkeit dieses Zeugs als recht langwierig herausstellte. Eine geduschte halbe Stunde später war ich endlich wieder salzfrei und bekam zur Feier dieses bemerkenswerten Zustands gleich ein neues Exemplar aus der Brechreizwäschekollektion. Die im Raum befindliche Dusche duschte derweil ohne mich weiter. Sie stelle sich irgendwann von selbst aus, hieß es.

Wieder bahrte ich mich auf und ließ mich ein weiteres Mal mit frischem Obst und Gemüse beschmieren. Anschließend wurde ein kleines Päckchen aus mir geschnürt, dessen Bestimmung es nun sein sollte, eine gute halbe Stunde einsam und verlassen auf den Paketdienst zu warten. Die Dusche duschte derweil weiter. Mal plätscherte sie laut, mal etwas leiser, aber zu keinem Zeitpunkt machte sie einen Hehl daraus, dass sie keineswegs vorhatte, von selbst auszugehen. Ist ja auch ihr gutes Recht, so zu handeln. Dumm ist nur, dass sie sich ausgerechnet dann zur Rebellion entschließt, wenn ich eingeschnürt und mit teegefüllter Blase daneben liege und dem Geplätscher nicht entkommen kann… Das war die längste (und stressigste) halbe Stunde meines Lebens. Schließlich entband mich die Zuckerbrot- und Peitschenfrau von meiner vielschichtigen Qualen und ich konnte im wirklich letzten Moment das schlimmste abwenden. Dieses Wellness machte mich fix und alle.

Nur das rote Pappherz, das meinen Namen trug und an meiner Zimmertür schon auf mich wartete vermochte mich ein wenig zu trösten. Plötzlich wusste ich: Man hatte hier ein Herz für mich, konnte es aber vielleicht einfach nicht so zeigen. Mit diesem wohligen Gefühl im Bauch und weiteren sieben köstlichen Köstlichkeiten ließ ich das Abenteuer in Well Ness ausklingen. Und noch beim Einschlafen musste ich mir in Gedanken an den Kalauer des Abends aus Sonnenhof’s Abendpost heftigst auf die Schenkel klopfen….

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: ittybittiesforyou / Flickr

Verschwitzt und zugeschnarcht (Tre)

In dieser Nacht schlief ich den Schlaf der Gequetschten. Ganze zehn Stunden vergingen zwischen meinem persönlichen Sonnenunter- und –aufgang. Und wäre da nicht ein Frühstücksbuffet gewesen, das mit leichtem Kaffeeduft nach mir geschrien hätte, so wäre ich einfach liegen geblieben.

Das Frühstücksbuffet war rubenesk üppig und mit viel Angabe hingerichtet worden. Ich aß bis ich zu platzen drohte und rollte mich dann gerade noch im richtigen Moment wieder ins Zimmer. Hier musste ich erst mal einen Weile zufrieden kontemplieren. Die fehlende Hektik, der abwesende Druck, das zurückgelassene Genörgel – trotz prallgefülltem Wanst fühlte ich eine wohlige Leere in mir aufsteigen.

Um mein Gewissen vor dem nachmittäglichen Kuchenbuffet noch einmal auf Vordermann zu polieren, entschied ich mich, einen Abstecher in den Fitnessraum zu machen. 45 Minuten auf dem Crosstrainer und ich konnte die morgentlichen Frühstückssünden mit dem Handtuch von meiner Stirn abtupfen. Ich war beschwingt. Beschwipst. Und bereit, mich in den bisher gemiedenen Saunabereich vorzuwagen.

Saunen und ich – wir haben ein schwieriges Verhältnis zueinander. Zum einen ist dieses kollektive Nackt nicht so mein Ding – ich bin Ästhet und die wenigsten Saunagänger sind bradpittesk. Zum anderen ist es in diesen Saunen immer so fürchterlich heiß. Ist doch kein Wunder, dass da alle immer gleich ins Schwitzen geraten. Da aber nun für den ganzen Zauber eine Menge Geld den Besitzer wechseln würde, fühlte ich mich verpflichtet zumindest meinen guten Willen zu zeigen und schaltete in den Brathuhnmodus um. Zunächst drapierte ich mich für sechs Minuten im Dampfgarer, um mich dann anschließend noch kurz in der Kräuterkruste weiterdünsten zu lassen. Kurz bevor ich in den finnischen Hochofen geschoben werden sollte, gelang mir die Flucht.

Im Ruheraum angekommen suchte ich mir eine kuschelige Koje in der mich der kellenschwingende Aufgießer nicht finden würde. Im Ruheraum war man nach dem kollektiven Strip gleichsam einträchtig relaxt. Und zwar so was von. Die herumlungernde Entspannung aller Anwesenden kulminierte in einem zufriedenen Schnarchen, das wie ein Bienenschwarm Koje für Koje bestäubte. Ich wünschte mir heimlich Ohropax und Insektenvertilgungsmittel.

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: Invmsy / Flickr

Frisch gequetscht und schief gewickelt (Due)

Bereits kurz nach meiner Ankunft war das erste Highlight für mich eingeplant worden: Ich sollte mich mit frischem Obst- und Gemüsebrei bewerfen lassen und dabei die Contenance bewahren. Da ich ahnte, dass ich aus der Nummer nicht mehr herauskommen würde, legte ich mich todesmutig auf das dafür eigens präparierte Gestühl. Die nette Kosmetikerin trug in ihrer Nase eines jener Abfallprodukte, die ansonsten in Taschentüchern verenden und drohte mir implizit damit, es auf mich herabregnen zu lassen, würde ich nicht parieren. Also parierte ich wie keine Zweite und ließ Papayapampe und Gurkenmus ohne mit der frisch gefärbten Wimper zu zucken über mich ergehen.

Zucken musste ich allerdings, als sie mir ans Eingemachte wollte. Sie quetschte und drückte, schob und piekste und ich war jederzeit kurz davor, mich körperlich zur Wehr zu setzen. Und als ob das der Malträtei nicht genug gewesen sei, riss sie mir dann noch bei lebendigem Leibe ein Augenbrauenhärchen nach dem nächsten aus. Barbaren, diese Norditaliener! Verbeult aber glücklich suchte ich mein Zimmer auf, wo ich mich nach Kräften bemühte, die Kampfspuren unsichtbar zu machen.

Im geschmackvoll eingerichteten Speisesaal hatte die Restaurantchefin mit einen hübschen Katzentisch reserviert. Ich nahm Platz und begann sogleich mit der Lektüre von Sonnenhof’s Abendpost [sic!], die neben ein paar Werbemaßnahmen vor allem auch den Kalauer des Tages enthielt. Ich las ihn, lachte höflich und legte das Faltblatt wieder weg. [Das schweizerische Seniorengrüppchen drei Tische weiter klopfte sich noch beim Dessert auf die Schenkel!]

Besonders die anwesenden Damen machte es nervös, dass mir auch noch nach zehn Minuten kein Herr an meinem Tischlein Gesellschaft leistete. Eine Allreisende war ihnen offensichtlich in ihrem ganzen Leben noch nicht untergekommen. Auch wenn ich mit dem Alleinreisen sonst wenig Probleme habe, im Speisesaal holte selbst mich das Alleinreisetrauma ein. [Wieso hatte ich den Zusatz ...& Family Resort eigentlich vorher nirgends gelesen?] So viele Gänge in so wenig Gesellschaft zu genießen – das behagte mir nicht. Zwischen einer ausgelassenen Foie gras und einer verschmähten Bouillabaisse holte ich mir schnell mein geliebtes Twitter an den Tisch – einfach um auch jemanden zum reden zu haben.

Aber obwohl auch der kleine Kellner mich ganz offensichtlich gleich ins Herz geschlossen hatte, galoppierte ich so schnell wie möglich durch die Menüfolge, um mich in die rettenden vier Wände meines Zimmers verflüchtigen zu können. Leider glich mein Kämmerchen einer Eisgrotte was wohl daran lag, dass die Heizungen nicht den Ansatz einer Leistung brachten. Ich lief wieder runter, klagte mein Leid und wurde kurze Zeit später vom Hausmeister mit Radiatoren, Heizlüftern, Verlängerungskabeln und warmen Worten versorgt. Mir hätte es ja auch gereicht, wenn er einfach meine Heizung angestellt hätte….

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: Dennis Wong / Flickr

Das Ungeheuer von Well Ness (Uno)

Manchmal hat man eben das Gefühl, irgendwie durch zu sein. Das kommt meistens nicht wie angeflogen, ist vielmehr ein schleichender Prozess, aber wenn es dann da ist, dieses Gefühl, dann muss man zusehen, dass man Land gewinnt. Am besten ein Eiland mit vielen Palmen drauf. Leider gehen beim Eilandlotto die weitaus Meisten leer aus und es ist daher durchaus sinnvoll so früh wie möglich nach einer Alternative Ausschau zu halten. Als ich entdeckte, dass ich durch bin, entschied ich mich daher für eine Reise nach Well Ness. Ein Ort, der sich irgendwo in Südtirol, ganz in der Nähe von Meran angesiedelt hat und an dem sich Durche aus ganz Europa (und aus der Schweiz) wieder herrichten lassen. Da ich „gar keine Auto abe“ buchte ich mir eine Zugfahrt nach Well Ness. Das Buchen steigerte meine Durchheit weiter, da sowohl der digitale als auch der analoge Buchungsbeamte des Buchens kaum mächtig waren. Aber am Ende gelang es dann wider Erwarten doch irgendwie.

Am Bahnhof wollte ich noch schnell etwas Geld holen. Man weiß ja nie, wie gut diese kleinen niemandsländischen Ortschaften infrastrukturell dastehen und ich wollte die bald frisch manikürten Hände nur äußerst ungern mit Spülen wieder ruinieren. Ich sprang also auf ein vorbeilaufendes Geldinstitut auf und hielt mich an dessen einarmigen Banditen schadlos. Da ich mich nicht auskannte, machte ich auf Anhieb alles falsch und verließ die Bank mit einem Koffer voll Geld, das mir nicht gehörte.

Natürlich war schon die Zugfahrt nicht ereignislos. Nachdem ich bis Innsbruck mein kleines Abteil mit zwei charmanten Südtirolerinnen teilen durfte, fiel dort dann lauthals eine Bande von Kofferschiebern in unser kleines Paradies ein. Im Abteil wurde alles zugekoffert und die wenigen leer gebliebenen Eckchen wurden im nächsten Schritt voll gequatscht. Die Südtirolerinnen ergriffen die Flucht, ich presste mich tiefer in den Sitz in der Hoffnung, die Invasoren würden mich vielleicht übersehen. Als sie sich dann anschickten, mich in ihre belanglosen „Schöne Gegend hier“- und „Unser Sohn, der Julian, der studiert in Rom“-Gespräche zu involvieren, zog ich kurzerhand alle Register und den iPod aus der Tasche. Eine Mischung aus Rage against the Machine und Irene Fischer half mir durch die nächsten Stunden.

In Bozen sollte ich von einem Hotelshuttle aufgelesen werden. Verzweifelt hielt ich nach dem angekündigten grünen Sharan Ausschau, der genau fünf Minuten nach meiner Ankunft mit weit geöffnetem Kofferraum und ausgerolltem roten Teppich vor dem Bahnhofseingang hätte erscheinen sollen. Ich wartete eine Viertelstunde und der junge Chauffeur hatte wohl außerdem vergessen, den roten Teppich aus der Reinigung zu holen.

Unsere Fahrt führte uns über Stock und Steine. Da wir im Auto saßen, brachen wir uns jedoch glücklicherweise nicht die Beine. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir Well Ness. Eine freundliche Frau mit einem großen Brustvolumen nahm mich in Empfang und zeigte mir ihre kleine Welt. Vom Stil her versuchte man in Well Ness wohl jedes denkbare Klientel zu bedienen. Man möbelte sich durch alle Stilrichtungen durch, ohne dabei die nicht vorhandene klare Linie zu verlieren. Bis zur ersten guten Nachricht sollte es nicht lange dauern: Das Nachmittagsbuffet war bereits anwesend und würde quasi bis zum Abendessen bleiben. Noch nicht einen Finger massiert bekommen und sich schon den Bauch vollschlagen können – das gefiel mir!

Nach dem Rundgang durchs Anwesen geleitete mich die Dame mit dem Oberwasser zu meinen Gemächern, die zwar eher klein aber dennoch durchaus ansprechend daher kamen. Sogar einen kleinen Balkon durfte ich mein Eigen nennen, auf dem ich mich hätte in den Schlaf rauchen können. Ich rauche nicht. Aber allein der bunte Strauss von Möglichkeiten vermochte mich glücklich zu stimmen.

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: krossbow / Flickr