Asiawoche, Teil XI: Süßer Gruß aus der Küche

Das-große-FressenNachdem ich meine sieben Sachen wieder beisammen hatte, war ich bereit die schützenden Mauern des Flughafens hinter mir zu lassen und mich in die Welt der Andersartigkeit zu stürzen. Draußen wartete im Pulk der Empfangskomitees bereits meine chinesische Kollegin mit einem Schild das meinen Namen trug. Sie hatte mir bereits vorab ein Foto des Schildes zugeschickt, damit ich es am Flughafen wiedererkennen würde. Wir schnappten uns ein Taxi – eines der zwölf englischen Cabs, die es in Beijing gibt – und ließen uns auf direktem Wege zum Hotel chauffieren. Die Fahrt dauerte eine gute halbe Stunde und kostete keine 9 €. So teuer, wie mir Japan erschienen war, so lächerlich nahmen sich die chinesischen Preise daneben aus.

Das “Hotel G” war mindestens eine so große Überraschung wie der Flughafen: Ein Designhotel im europäischen Stil – absolut durchgestylt und dennoch bezahlbar. Außerdem war es ein Tummelplatz der italienischen Modegrößen, wie ich mir hatte sagen lassen. Also genau das richtige Umfeld für mich. Das Zimmer war sehr dunkel eingerichtet, mit vielen Lampen und allerlei Designschnickschnack.  AsiaMeine Tokioter Schlafzelle hätte etwa viermal in den Saal hinein gepasst, den man mir hier anbot. Funky. Weiterlesen

Asiawoche, Teil X: Der zweite Hauptgang (Peking-Ente)

der-zweite-hauptgang1Liebe Flughafendurchsagensprecher, Flugkapitäne und Stewardessen: Es gibt übrigens Informationen, die der gemeine Flugängstling nicht unbedingt haben möchte! Dazu gehören sowohl die Aufforderung, vor dem Flug noch einmal die Toilette aufzusuchen, da dies während des Fluges möglicherweise nicht durchführbar sein wird sowie auch die Ansage, dass man aus ähnlich erschütternden Gründen den Snack vorsichtshalber vor dem Abflug bereits auf dem Boden servieren wird. In die Reihe passt übrigens auch der Hinweis, dass sich der Abflug wegen technischer Schwierigkeiten bis auf Weiteres verzögern werde.

Natürlich wurde mein Flug von Tokio nach Beijing von einer solchen Ansage eingeleitet, die bedrohlich durch die Flughafenlautsprecher schallte. Gemeint waren zwar die Passagiere eines Fluges nach Shanghai, aber da Shanghai nun auch irgendwie in China liegt, fühlte ich mich gleich mit angesprochen und leerte prophylaktisch –sicher ist sicher– eine halbe Flasche meiner geliebten Notfalltropfen. Meiner daraus resultierenden Fahne nach zu urteilen mussten mich die Stewardessen bereits beim Betreten des Flugzeuges für im höchsten Maße alkoholkrank halten –es war ja nicht mal 10:00 Uhr morgens- aber zurückhaltend und höflich wie die Japaner sind, ließen sie sich nichts anmerken. Stattdessen hätschelten und tätschelten sie mich.

Während ich den Start noch als „piece of cake“ einstufen würde, verlief der restliche Flug ganz und gar nicht nach meinen Vorstellungen: Wir wackelten uns von Tokio nach Beijing. Wie üblich verlieh ich meiner Unzufriedenheit mit dieser Situation durch eine konsequente Verweigerung jedweder Nahrungsaufnahme Ausdruck. Die Stewardessen schauten höflich besorgt oder umgekehrt und fragten in 5-Minuten-Abständen bei mir nach, ob sie mir nicht doch langsam mein Essen servieren dürften. Irgendwann zwang ich mich, einen trockenen Muffin und ein Glas Wasser anzunehmen – ich bin ja schließlich kein Unmensch.

Um mich zu beruhigen starrte ich während des gesamten Fluges wie gebannt aus dem Fenster. Kann man eigentlich mit der minutiösen Observation verschiedener Wolkenformationen von oben ein Zubrot verdienen? Irgendwann waren die Wolken dann weg und zu meiner großen Freude konnte ich die chinesische Mauer von oben sehen. Erstaunlicherweise verläuft sie mitten durch Korea, wie mich das kleine Flugzeug auf dem großen Bildschirm vor mir lehrte. Ich kann mir gut vorstellen, dass die einstiegen Bauherrn im ekstatischen Eifer des Gefechtes einfach über das Ziel hinaus geschossen waren und bei den nordkoreanischen Freunden weitergebaut hatten. So etwas kommt doch in den besten Kommunismen vor!

Irgendwann hatte das Gewackel ein Ende. Es muss wohl im Moment der Landung gewesen sein. Ich war ganz schön aufgeregt, als ich in Beijing dem Flugzeug entstieg – das war mein erstes Mal im Land der begrenzten Möglichkeiten und ich hatte keine Ahnung, wie sich das alles wohl am Ende für mich anfühlen würde. Erstaunlicherweise fühlte sich schon der erste Schritt auf pekinesischem Boden weniger fremd an, als dies in Tokio der Fall gewesen war. Der Flughafen entpuppte sich als ein modernes, helles Gebäude mit viel Glas und Stahl und ich schämte mich ein wenig, dass ich wohl eher eine morsche Holzhütte erwartet hatte. Die chinesischen Grenzer und Zöllner waren nicht merkwürdiger als ihre japanischen Kollegen und alles in allem verlief der Einlass in das Land, über das ich eigentlich gar nichts wusste, sehr sanft und ohne besondere Vorkommnisse. Auch die Toiletten waren Toiletten, waren Toiletten, waren Toiletten….

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Bild: Nocturne / Flickr

Asiawoche, Teil IX: Das feuchte Tuch zwischendurch

das-feuchte-tuch-fur-zwischendurch1Am nächsten Tag setzte ich mich bereits in aller Herrgottsfrühe in Richtung Flughafen in Bewegung. Genauer genommen ließ ich mich in Bewegung setzen. In einem Land, in dem man nicht mal erahnen kann, welche Bedeutung die Worte haben, lernt man sehr schnell, wildfremden Menschen zu vertrauen. Nicht, dass man eine wirkliche Wahl hätte… Ich vertraute also dem freundlich lächelnden Hotelpagen, dass er dem nicht minder freundlich lächelnden Taxifahrer verständlich gemacht hatte, wohin er mich zu verfrachten habe. Als dieser mich dann im Irgend- oder Nirgendwo vor einer verschlossene Türe absetzte machten sich erste Zweifel an der Fruchtbarkeit dieser Kommunikation breit. Zweite und dritte kamen schnell dazu, denn der Eingang zum Monorail-Bahnhof wollte sich partout nicht blicken lassen. Der große Weiße, der irgendeine seltene Art von Treppenphobie hatte ließ sich von mir einmal rund um das Gebäude schleppen. Ganz offensichtlich hatte er in den letzten Tagen zu allem Überfluss einige Pfunde zugelegt. Verdenken konnte ich es nicht wirklich, denn der Arme musste ja wie es für Koffer nun mal leider üblich ist, tagelang mutterseelenallein im Hotelzimmer rum liegen.

Der richtige Eingang zum Bahnhof lag lustigerweise genau an der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs. [Ich meine dieses andere lustig, das sich einem frühestens beim zweiten oder dritten Blick erschließt. Gelegentlich auch gar nicht.] Ich kaufte uns eine Fahrkarte und stellte mich anschließend brav in die lange Schlange der auf den nächsten Zug Wartenden. Auf dem Boden war eigens dafür eine Linie eingezeichnet, so dass wir beim Warten nahezu umfassend vor etwaigen Fehltritten geschützt waren. Der Zug fuhr ein und die Schlange setzte sich in Bewegung. Wie so häufig in Tokio passte weitaus mehr Mensch in den Zug als man zunächst für möglich gehalten hätte. Und auch viel mehr, als ich für angebracht hielt. Am Ende war der Zug zum Bersten voll und draußen hatte sich bereits brav eine neue Schlange aufgereiht. Während ich draußen noch allenfalls von vorne und hinten eingekesselt worden war, kam es im Zug aus allen Richtungen – begleitet von einer nicht wegzuleugnenden Knoblauchseligkeit.

Hinter mir stand einer, der offensichtlich das erste Mal in seinem Leben eine Stadt gesehen hat. Er fotografierte vom Zug aus aufgeregt mal in diese mal in jene Richtung, nicht ohne mir bei jeder Drehung seinen überdimensionalen Rucksack ins Kreuz zu hauen. Ein anderer Mitreisender, der die Attacken auf mein Kreuz mitbekommen hatte, versuchte, mich vor diesem ungehobelten Rempler zu retten – leider ohne jeden Erfolg. Der Landjapaner fotografierte und rempelte munter weiter. Wider Erwarten erreichten wir irgendwann den Flughafen, wo der Zug uns alle auf einmal mit Schwung ausspuckte. Als ich mich Richtung Ausgang bewegte und die Ausgangsschleusen erblicke fiel mir ganz schlagartig ein, dass ich meine Fahrkarte zwar in der Eingangsschleuse versenkt, sie aber vor lauter Irritation dort hatte stecken lassen. Und nun stand ich da: Keine Fahrkarte, kein japanisches Wort der Erklärung auf den Lippen. Ich schnappte mir den nächsten verfügbaren Aufseher und berichtete ihm auf Englisch von meinem Malheur. Er verstand kein Wort, ahnte aber aus naheliegenden Gründen, dass mein Problem irgendwas mit Zugfahren und Fahrkarten zu tun haben musste.

Im Nachhinein glaube ich, dass er mehr Angst vor mir hatte als ich vor ihm. Denn hätte er mit mir schimpfen, mich ermahnen, mich des Landes verweisen oder mich was-auch-immer-in-solchen-Situationen-in-Japan-üblich-ist wollen, so hätte er das auf Englisch tun müssen. So entschied er sich, mich durchzuwinken und schnell so zu tun, als sei ich ihm nie begegnet. Check-In, Lounge-In und Board-In(g) verliefen ohne weitere Vorkommnisse. Ich kehrte Japan den Rücken, um in China einzufallen.

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Bild: iMorpheus / Flickr