Zurück in Zuhausistan

„Zurück in Zuhausistan“ ist im Juni 2010 zuerst im stijlroyal Heimatmagazin erschienen, für das ich die Geschichte auch ursprünglich geschrieben hatte.

Wohntechnisch sind die ersten 18 eine einzige Aneinanderreihung von Kindergeburtstagen. So lange man die Füße unter den elterlichen Tisch stellt, muss man zwar nach der elterlichen Pfeife tanzen, man muss sich aber wenigstens nicht noch um die Beschaffung und Platzierung des besagten Möbelstückes kümmern. Kurz: Im Zuhausistan herrscht derjenige, der per definitionem dafür zuständig ist: Die Mamas und die Papas. Und etwaige andere Diktatoren.

Irgendwann ist der Spaß dann vorbei. Von einem Tag auf den anderen wird einem der  Koffer vor die Tür gestellt. Vertreibung aus dem Paradies. In die Arme der Schlange. Vielleicht mit ein bisschen treiben lassen. Vorbei ist es mit Toast Hawaii und gebügelten Handtüchern. Vorbei ist es mit Vorschriften und Regeln und dem Tisch, unter dem schon lange nicht mehr genügend Platz für all die Füße ist. Das ist  Emanzipation. Erwachsenwerden. Das große Tschüß. Mit Fanfaren und Knabenchor. Weiterlesen

Der Mai, der ein November sein wollte

„Wer maßt sich eigentlich an mir vorschreiben zu dürfen, dass immer ich für schönes Wetter und all den Quatsch zur sorgen habe?“

Sonnenschein, Blümelein, Vogelzwitschern – dem Mai war das Gute-Laune-Frühlingsidyll schon längst viel zu langweilig geworden. Er hatte es schlicht und einfach satt, immer nur Wonne und Glückseligkeit stiften zu dürfen, zumal er tief in seinem Herzen ein echter Rocker war, der es lieber mal ordentlich krachen lassen wollte. Dieses Weichspülerleben, das war nichts für ihn. Noch nie. Weiterlesen

Rache ist Blutwurst

Sie quietscht. Sie schreit. Sie kreischt. Sie gibt sogar Laute von sich, die zwar in keine der bereits genannten Lautkategorien passen, die aber nicht im Ansatz weniger geräuschvoll sind. Was genau ihr welche Art von Geräusch entlockt bleibt indes ihr Geheimnis. Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass es weder Schema noch Regelmäßigkeit dahinter gibt; dass das alles im Grunde nur vom Zufall mit geschickter Hand gesteuert wird.

Jetzt weint sie. Nicht dieses traurige, schmerzvolle Weinen, das an den Beschützerinstinkt  appelliert und so die Herzen aller Anwesenden automatisch wie im Sturm erobert. Eher ein drängelndes, quengelndes Weinen, ein Weinen, das im selben Moment in dem das Umweinte erreicht ist so schnell verschwindet wie es gekommen war. Weiterlesen

Von Kornkreisen, Apfelkraut und Analogfisch

Letzte Woche hatte ich eines dieser denkwürdigen Erlebnisse, an die man normalerweise im Umfeld von plötzlich vorhandenen Operationsnarben, rätselhaften Kornkreisen und überaus verwirrte Augenzeugen denkt: Ich stieg in mein kleines Raumschiff, um den Analogen einen Besuch abzustatten. Man hatte mich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, mit Familie, Geschenken und selbst gebackenem Kuchen.

Gekonnt mischte ich mich unter das übrige Volk, stets darauf bedacht, meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Ich plauderte über mein Heimatdorf, rheinische Gepflogenheiten, Apfelkraut, Reibekuchen und die Familie Land. So gut ich es eben vermochte, versuchte ich eine von ihnen zu sein. Weiterlesen

Von einer die auszog, den Winter das Fürchten zu lehren

Ich kann keinen Schnee mehr sehen. Keinen Pulverschnee. Keinen Feuchtschnee. Keinen Sulz. Und schon gar keinen Schneematsch.

Winter, Du alte Schneeschleuder, Du verlangst einem wirklich einiges ab. Ich meine – von mir aus kannst Du Dich gerne von Mitte November bis Mitte Februar in unseren Gefilden herumtreiben und dort wirklich alles geben. Aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Und zwar spätestens jetzt. Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder machen würde, was er will?

Du kannst einpacken, Väterchen Frost. Und Deinen Schnee nehmen. Und Deinen kalten Wind. Die fiesen Salzringe auf den Schuhen. Den verdammten Split, der bei jedem Schritt unter den Füßen knarrt und mit dem man wenn man nicht aufpasst oder von Natur aus bösartig ist noch jeden Parkettboden ruiniert hat. Und diese verdammten Dreckpfützen, die man überall hinterlässt. Weiterlesen

München-Berlin, 11. Dezember 2009: Ohne Netz und doppelten Boden

Seit einer Stunde bin ich mit dem Zug in Richtung Berlin unterwegs. Wie es so meine Art ist, habe ich tunlichst vermieden auf andere denkbare Verkehrsmittel auszuweichen. Insbesondere die fliegenden ignoriere ich, wann immer mir dies möglich ist. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass ich fliege … aber wem sag ich das?

Mit dem Zug dauert die Reise von München nach Berlin etwa sechs Stunden – Zeit, in der man bei vorhandener Netzverbindung so das ein oder andere lustige Dings mit dem Internet anstellen wollen würde. Surfen wäre da eine Variante. Sich einen Wolf googlen eine andere. Man könnte auch mal andere Tiere ausprobieren. Aber was auch immer man würde machen wollen, hätte man Netz, wird von der Abwesenheit ebenjenes Netzes noch vor der Geburt des Keimes erstickt.

Nun ist es glücklicherweise in diesem fortschrittlichen Land so, dass man sich nebst Doktortiteln und Frauen auch ein Stück vom Netz kaufen kann. Das Konzept gefiel mir ungemein und so legte ich mir unlängst solch ein Zauberstäbchen zu, dem man nachsagt, dass es die Macht besitzt Menschen auch unterwegs mit dem Netz in Verbindung zu bringen. Meine Freude ist empirestatebuildinggroß. Aber der mir zugewiesene Apfel (dessen Geburt definitiv an einem Montag stattgefunden haben muss) zeigt sich von derlei Enthusiasmus leider auch nach dem gefühlt fünfzigsten Konfigurationsversuch unbeeindruckt. Zwar behauptet er, er sei zusammen mit der ihm angedienten Software eine zarte Liaison mit dem Netze eingegangen, doch der Feuerfuchs und seine Brüder weigern sich wie hintergangene Väter, die Verbindung von der sie nicht wussten noch ahnten anzuerkennen.

Und wenn man dann also von höheren Mächten gezwungen wird, sechs Stunden lang entnetzt und entrechtet leise vor sich hin zu leiden, dann fragt man sich in einem unbeobachteten Moment mit zittriger Stimme: Ist das diese Apokalypse, von der sie alle sprechen?

Bild: arne.list / Flickr

Trama

In der Straßenbahn saß die Woche einer von diesen Quasslern – Sie wissen schon, einer von denen die lautstark vor sich hin schimpfen, ohne erkennbaren Grund, ohne Adressat, ohne Unterlass. Die Leute nervt das einen kurzen Moment, sie nehmen es aber bald nur noch als kleines Requisit inmitten der gesamten Geräuschkulisse wahr. In der Stadt lernt man das Weghören ebenso schnell wie das Wegsehen. Ein Mann, der schon am frühen morgen mit einer Flasche Bier in der U-Bahn steht? Nein – ich glaube da war keiner.

Aber der Quassler, der war ganz sicher da. Ein zufällig mitreisender Verkehrsbetriebsmitarbeiter hämmerte diese Erkenntnis recht lautstark in die Köpfe aller Anwesenden. Zunächst forderte er den Quassler einigermaßen freundlich auf, den Mund zu halten. Was dieser natürlich nicht tat, weil es gegen seine Natur wäre. Das reizte den selbst erkorenen Ohrenschützer bis aufs Blut – sein Stimme wurde lauter, seine Beschwörungen wurden zu Beschimpfungen. Er solle den Schnabel halten und aufhören, die Leute zu belästigen. Der Quassler riet ihm im Gegenzug freundlich, ihn in Ruhe zu lassen und sich um seine Angelegenheiten zu kümmern. 0:1. Das genau SEI seine Angelegenheit, entgegnete der MVVler wutschnaubend. 1:1.

Das Trampublikum schmunzelte in sich hinein – ganz leise, ganz unauffällig. Niemand wollte sich die Blöße geben, sich für das Gezänke der beiden Streithähne zu interessieren. Doch die vielsagenden Blicke, die kreuz und quer durch die Bahn schossen, liessen auch die beste Tarnung auffliegen. Während die Leute ihre Nasen immer tiefer in ihre Bücher steckten oder angestrengt aus dem Fenster starrten, rhabarberte der Quassler munter weiter und weiter und weiter. 1:2.

Sein Widersacher wurde sich bewusst, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, das Spiel noch herum zu reissen. Und dazu musste ihm jedes Mittel recht sein. Er entschied sich für ein klares Foul. Er sei doch krank im Kopf, raunzte er den Quassler an. 2:2. Das Publikum jubelte schweigend. Wenigstens ein unentschieden hatte er noch rauspielen können!

Dann war das Spiel aus. Die  Tram hielt und kippte ihr Innenleben in die Haltebucht. Der wütende Oberaufseher spurtete an mir vorbei und wie von der Tarantel gestochen die Treppe zur U-Bahn hinunter. Hinter mir vernahm ich die Stimme des Quasslers, der den Schlusspfiff wohl nicht vernommen hatte. Er nuschelte dem Gegner hinterher: „Einen schönen Abend noch,“ (nun gut, es war nicht mal 9 Uhr am Morgen) und dann noch etwas leiser: „Ich hab es doch gar nicht so gemeint…“  2:3.

Wies’nphobie

Als sich eines kälteklirrenden Spätwintertages der mir in die Gene geklöppelte vorauseilende Gehorsam mit einem dahergelaufenen Anflug geistiger Umnachtung hier in München auf eine Tasse Tee traf, wurde heimlich, still und leise Schicksal gespielt. Denn nach diesem heiteren Teekränzchen machte sich in meinem (infinitesimalen!) Kleiderschrank so ein bayerisches Dingsbums breit und trällert mir seither ein deftiges „Servus“ zu, wann immer ich die Tür auch nur einen Spalt breit öffne. Diese Schufte hatten sich tatsächlich nicht entblödet, mir ein Dirndl an den Hals zu hexen! Wo ich doch an einer schlimmen Traditionsunverträglichkeit leide, die mich gelegentlich aufs Heftigste tourettisiert. Himmearschundzwian.

Aber das Dirndl war nur der erste Teil des hinterhältigen Plans. Ein ganzes Leben lang habe ich mich erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt, Pobacke an Pobacke mit alkoholisierten Fremdlingen große Massen Mengen kalorien- und hopfenreicher Flüssigkeiten zu mir zu nehmen. Und dann erklärt mir dieses hochnäsige München rotzfrech, dass das hier zum guten Ton und sowieso zum „savoir-vivre“ gehöre. Ordentlich-auf-die-Kacke-hauen als Lebensphilosophie, die am Abend schnell mit einem Veuve Clicquot runtergespült wird. Bevor man es nicht mehr zur Toilette schafft.

Ich muss an dieser Stelle nicht erwähnen, dass man mit den Holzvorräten vor meiner Hütt’n allenfalls ein kleines Freudenfeuer entfachen könnte. Und auch nicht, dass ich allenfalls die Hell’s Angels zur Not noch in Lederhosen ertragen könnte.  Kurz: Ich will nicht, ich will nicht, ich WILL NICHT.

Es ist nicht mal Juli und ich wache schon jede Nacht schweißgebadet auf, weil in meinen Träumen immer wieder einer „O’zapft is“ schreit. Und ich merke, wie ein mächtiger Zapfhahn einem Pflocke gleich mitten in mein Rheinländerinnenherz getrieben wird.

Süllt

Was kostet die Welt?

Die Herren kommen in farbenfrohen Pullovern daher (pink, grün, orange – allesamt von namhaften Designern persönlich aus dem Brustflaum der tibetanischen Zimtziege geklöppelt). Das Haar tragen sie länglich und zurückgegelt. Die Füße stecken in teuren italienischen Slippern. Um den Bauch schlängeln sich exklusive Gürtel, deren auffällige Schnalle nicht selten auf den Namen „H“ hört.

Die Damen schmücken sich nach allen Regeln der Kunst mit Lederprodukten aus dem Hause Louis Vuitton. Die Lippen sind aufgespritzt, die Falten glattgebotoxed, die Brüste voll praller Unnatürlichkeit, das extendierte Haupthaar (tatsächlich immer noch vorzugsweise) blond. Die braunen, durchmanikürten Füße stecken in Machwerken von Christian Louboutin und Jimmy Choo oder in den guten alten Tod’s.

Während die Eltern in ihren pompösen Reetdachvillen rauschende Feste geben, finden sich die zahlreichen Kinder aus reichem Hause Nacht für Nacht in den Clubs „Rotes Kliff“ oder „Pony“ ein. Hier wird dann die elterliche Platincard gezückt, um sich und den gesamten Freundeskreis mit Veuve Clicquot, Roederer oder deren höherprozentigen Kollegen abzuschiessen.

Die noch nicht clubtaugliche jüngere Nachkommenschaft sowie die vierbeinigen Kinderersatzmodelle werden oft schon im Welpenalter auf das Leben im Jet Set eingestimmt. Kleinkinder, die wie Weihnachtsbäume mit Chopard Schmuck behangen sind, werden ebenso häufig erblickt wie Hunde, die mit großen Augen aus ihrer höchsteigenen Tasche der bereits genannten französischen Kofferfabrik glotzen.

Willkommen auf Sylt!

Ah, jetzt ja, eine Insel!

Ein Spaziergang zum Strand, an dem rauhe Nordseewellen tosen. Vielleicht mit einer kleinen Rast in einem der vielen Strandkörbe. Eine Radtour von Wenningstedt nach List, vorbei an der „Uwe Düne“ und dem „Ellenbogen“, vorbei an hübschen Reetdachhäusern, die die Sylter Örtchen wie Partnerstädte von Schlumpfhausen erscheinen lassen. Vielleicht ein Stück Rhabarberkuchen und einen Pott Milchkaffee in der „Kupferkanne“. Ein Blick auf ein Meer von Heide. Eine Wanderung übers Watt in knallbunten Gummistiefeln- immer wieder die steife Brise um die Nase. Und dann vielleicht ein Krabbenbrötchen bei Gosch (dieser Teil ist mangels Fischliebe imaginiert). Und wenn dann noch die Sonne von einem wolkenlosen Himmel strahlt! Dann geht einem plötzlich das Herz auf.  Und die wahren Klischees können einem den Buckel runter rutschen.