Ohrenbetäubendes kleines Leben

IMG_0045Um herauszufinden, dass das eigene Baby häufiger und exzessiver schreit als das unter Babys gemeinhin so üblich ist, muss man nicht vom Fach sein. Die Erkenntnis kommt wie von selbst, nur anzufangen weiß man damit leider nur wenig. Und erstaunlicherweise steht man zunächst mit dem Problem ziemlich alleine da. Dabei sind – je nach Studie – statistisch 16 bis 29% der Säuglinge in den ersten drei Monaten, 8% darüber hinaus von exzessivem Schreien betroffen, sind also so genannte „Schreibabys“. (Der Volksmund spricht wegen der Häufung in den ersten drei Monaten auch gerne von Dreimonatskoliken, was aber gleich in mehrerlei Hinsicht irreführend ist, denn Bauchweh ist nur ganz selten der Grund für das Schreien.)

Der kleine Herr war von Anfang an kein besonders ruhiger Vertreter. Bereits im Krankenhaus machte er lautstark auf seine Bedürfnisse aufmerksam. Wenn man gerade erst in die feindselige Welt geschleudert wurde und noch dazu recht unsanft, ist es ja nur recht und billig, seinem Unmut Luft zu machen und Forderungen zu stellen. Schließlich geht es für so einen kleinen Wurm ums nackte Überleben! In den ersten Wochen ließ sich sein Schreien jedoch klar mit Bedürfnissen in Verbindung bringen. Er hatte Hunger, war müde, schwitzte, fror oder hatte eine volle Windel. Alle diese Probleme ließen sich beseitigen, so dass die häusliche Ruhe meist schnell wiederhergestellt war und der kleine Herr zufrieden schlummerte.

Etwa ab der  vierten Woche änderte sich das: die Schreiphasen kamen häufiger, waren länger und all zu oft unstillbar. Natürlich spielten wir das Hunger-Bauchweh-Müdigkeit-volle-Windel-Spiel jeweils durch, aber selbst nachdem wir sichergestellt hatten, dass alle denkbaren Bedürfnisse gestillt waren, hörte das Weinen nicht auf.

Da der kleine Herr sich von Geburt überstreckte und sich dies in den Schreiphasen besonders bemerkbar machte, begaben wir uns – auf Anraten unserer Hebamme – in osteopathische Behandlung. Er war damals etwa sechs Wochen alt. Die Osteopathin diagnostizierte schnell verschiedenste Blockaden in Hals- und Brustwirbelsäule, aber auch in der Hüfte und den Füßen, die sehr wahrscheinlich von der Geburt herrührten und die ebenso wahrscheinlich die Ursache für sein Schreien waren. Die Osteopathiesitzungen sollten jeweils 60 Minuten dauern. Spätestens nach der Hälfte mussten wir jedoch zumeist abbrechen, weil der kleine Herr weinte und weinte und sich durch nichts und niemanden beruhigen ließ. Die kleineren Blockaden konnte die Osteopathin schnell lösen, aber vor allem die Blockade in der Halswirbelsäule erwies sich als hartnäckig und die Schreiattacken gingen weiter.

Und so hatten wir auf der einen Seite die Blockaden, die den kleinen Herrn vermutlich zu Schreien veranlassten und auf der anderen Seite eine so genannte frühkindliche Regulationsstörung, die dazu führt, dass er sich nicht selbst beruhigen kann, was  die meisten Babys instinktiv schon ganz gut hinbekommen.

Je mehr der kleine Herr schrie, desto weniger schlief er. Vielleicht war es auch umgekehrt. Interessanterweise setzte das exzessive Schreien in den Nächten aus. Zwar meldete er sich lautstark zu Wort, wenn er Hunger hatte, aber nach vollzogener Fütterung schlief er auch gleich wieder seelenruhig weiter. Ein bisschen Zeit zum Durchatmen, denn die Zeiträume von Flasche zu Flasche wurden schon bald länger.

Ganz anders verhielt es sich tagsüber. Um ihn zum Schlafen zu bringen, halfen nur ausgedehnte Spaziergänge. Der Kinderwagen beruhigte ihn offensichtlich. Doch die Angst davor, dass er unterwegs aufwachen und losschreien könnte, wurde mein ständiger Begleiter. Da ich nicht stillte, verließ ich das Haus niemals auch nur fünf Minuten, ohne mehrere Milchflaschen, Pulver und abgekochtes heißes und kaltes Wasser. Denn auch wenn das keine sichere Bank war, gab es Grund zur Hoffnung, dass ein leckeres Fläschchen im Notfall Schlimmeres verhindern konnte.

Da außerhalb des Kinderwagens tagsüber nicht ans Schlafen zu denken war und Nichtschlafen gleichbedeutend mit Schreien war, besorgten wir für den kleinen Herrn eine Federwiege von NONOMO und schaukelten ihn was das Zeug hielt, wenn wir merkten, dass er müde war und die Stimmung zu kippen drohte. Mithilfe der Federwiege konnten wir ihm wenigstens hin und wieder zu ein wenig Tagschlaf in unseren eigenen vier Wänden verhelfen. Das war für alle Beteiligten ein echter Segen und ich würde Eltern von exzessiv schreienden Babys die Anschaffung einer solchen Federwiege unbedingt empfehlen. (Man kann die NONOMO zunächst auch gegen Gebühr ausleihen, um zu sehen, ob sie hilft. Und es gibt auch Federwiegen anderer Hersteller, die ganz sicher genau so gut sind.)

Dass die Federwiege uns oft half, den kleinen Herrn zum Schlafen zu bringen, bedeutete leider nicht, dass nun großflächig Ruhe einkehrte. Dennoch war sie für uns ein bisschen mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sehr oft dauerten die Schlafphasen in der Federwiege zwar nur etwa 30 Minuten, aber da unsere Tage in der Regel gegen 7 Uhr begannen und nicht vor 22 Uhr aufhörten, war jede einzelne „ruhige“ Minute mir mehr als willkommen. Hinzu kam, dass die Stimmung nach den Schläfchen meist für eine kleine Weile verhältnismäßig gut war.

In den ersten Wochen und Monaten schickte ich meinen alten Freund Google wohl unzählige Male mit dem Wort „Schreibaby“ auf die Suche. Je länger das Schreien andauerte, desto schwieriger war die Situation für mich zu ertragen und desto verzweifelter suchte ich nach der ultimativen Lösung für unser Problem. Unweigerlich stolperte ich so auch über das Buch „Das glücklichste Baby der Welt: So beruhigt sich Ihr schreiendes Kind – so schläft es besser“ von Dr. Harvey Karp.  Zwar sträubten sich mir allein schon beim Titel alle Nackenhaare, aber ich war verzweifelt und das Buch bekam so viele gute Kritiken, dass ich es am Ende doch kaufte.

Harvey Karp ist der Überzeugung, dass sich mit fünf einfachen Maßnahmen („die fünf S„), die jeweils in einer festgelegten Reihenfolge durchgeführt werden, jedes noch so exzessiv schreiende Kind beruhigen lässt. Dem Ganzen liegt übrigens die nicht ganz unspannende Theorie zu Grunde, dass jedes Baby im Grunde ein Trimester zu früh geboren wurde (darauf führt man auch die Regulationsstörung zurück) und dass man es deshalb zur Beruhigung „künstlich“ in die Situation im Mutterleib zurückführen sollte. Um dies zu erreichen, soll das Baby 1. stramm eingewickelt (gepuckt) werden, dann 2. in die Seitenlage versetzt werden, anschließend 3. mit Sch-Lauten beruhigt, 4. rhythmisch geschaukelt und schließlich 5. zum Saugen animiert werden.

Um es vorweg zu nehmen: Wir sind bei den fünf „S“ gleich an mehreren Stellen gescheitert. Der kleine Herr mochte nicht gepuckt werden (und ich mochte ihn nicht zu seinem „Glück“ zwingen). Auf die Seitenlage habe ich aus meiner Furcht vor SIDS lieber verzichtet und mit meinen Sch-Lauten bin ich während einer Schreiattacke nicht mal annähernd zum kleinen Herrn durchgedrungen. (Später entdeckte ich dann eine White-Noise-App für’s iPhone, die im Zusammenarbeit mit der Federwiege doch zumindest kurzfristig Wirkung zeigte.) Rhythmisches Schaukeln und Saugen funktionierten ja bereits vorher – manchmal! Karps Tipps haben uns also nicht maßgeblich weitergebracht.

Wenn ein Baby über einen längeren Zeitraum exzessiv schreit, liegen selbst bei gut geerdeten Eltern irgendwann die Nerven blank. Die Belastung ist groß und für Außenstehende, die das Ganze nur punktuell oder vom Hörensagen mitbekommen kaum nachvollziehbar. Die oft gehörte und sicher gut gemeinte Aussage, dass schließlich jedes Baby schreie, hilft dann tatsächlich genau so wenig weiter wie der Hinweis, dass vielleicht die eigene Unsicherheit in der Situation schuld an der Situation sein könnte (Henne-Ei-Henne – Ihr kennt das) Ich geriet an meine Grenzen – in vielerlei Hinsicht. Und wusste dabei oft nicht so recht, wie ich mich sich selbst wieder in geordnete Bahnen bringen soll.

In den meisten Partnerschaften ist es in den ersten Monaten vor allem die Mutter, die sich intensiv Tag und Nacht mit dem Baby auseinandersetzt. Wenn der Vater nicht gerade mit den Vätermonaten in die Elternzeit einsteigt, wird er in der Regel wenige Wochen nach der Geburt wieder arbeiten gehen, um den Unterhalt für seine kleine Familie zu sichern. So war es auch bei uns, was bedeutete, dass ich den größten Teil der Zeit mit dem kleinen Herren und seinem großen Kummer alleine war. Jeden Tag habe ich herbeigesehnt, dass der Papa von der Arbeit nach Hause kommt und mir hilft, mich rettet. Viele Stunden saß ich in einen abgedunkelten Raum ohne Hintergrundgeräusche („bloß keine Reizüberflutung!“), hielt ein schreiendes Baby im Arm und wartete darauf, dass es vor Erschöpfung in meinen Armen einschlief. Tage zäh wie Kaugummi!  Abends riss sich des kleinen Herren Papa ein Bein aus, um mich zu entlasten und meinen Tag zumindest schön ausklingen zu lassen. Aber gegen das weiterhin andauernde Geschrei des Zwergs kannte auch er kein Patentrezept – denn in Wirklichkeit gab es dieses nicht. Man stellt sich in den zehn Monaten, die man auf die Ankunft des neuen Mitbewohners wartet, vieles vor, das meiste hat mit übermenschlich großem Glück zu tun. Aber auf eine solche Situation hatten wir Beide uns nicht gefasst gemacht.

Ursprünglich hatte ich geplant, mit dem kleinen Herrn verschiedene Kurse zu besuchen (Babymassage, PEKiP, Rückbildung mit Baby), weil ich wollte, dass er es bei seinem Start ins Leben so schön wie möglich hat und auch früh mit anderen Babys in Kontakt kommt. Aber es stellte sich sehr schnell heraus, dass eine gemeinsame Kursteilnahme so gut wie unmöglich war. Den Babymassagekurs verließ ich nach der zweiten Sitzung, PEKiP und Rückbildung mit Baby trat ich gar nicht erst an. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass niemandem damit geholfen sei, wenn mein Baby und ich an einem solchen Kurs teilnehmen. Dem kleinen Herrn nicht, weil er in seinem Schreigefängnis meist ohnehin der Welt entrückt war und die gut gemeinten Aktivitäten ihn eher weiter überreizten. Mir nicht, weil ich mich statt um meine Übungen um die Beruhigung des kleinen Herrn kümmern musste und es mir peinlich (ja, peinlich!) war, wenn ich ihn am Ende einfach nicht beruhigen konnte. Mal ganz davon abgesehen, dass öffentliche Verkehrsmittel die mich zu den verschiedenen Schauplätzen hätten bringen sollen, für mich mit dem kleinen Herren immer der blanke Horror waren. Ich mag es, in der Anonymität der Menge unterzugehen: Mit einem Schreibaby funktioniert das nicht.

Statt Kurse zu besuchen, versuchte ich mich mit Freundinnen zu verabreden, die auch gerade Mutter geworden waren. Die Hälfte dieser Verabredungen musste ich kurzfristig absagen, da der kleine Herr sich entweder schon beim Anziehen rettungslos in Rage schrie oder spätestens nach den ersten Metern im Kinderwagen. Ich konnte nicht da drüber stehen und ich konnte ihn auch nicht einfach schreien lassen und an meinem Plan festhalten. Hin und wieder klappte es aber doch, dass ich mal eine Freundin zuhause besuchte oder mich zum Wagenschieben verabredete. Das tat unglaublich gut, aber ich hatte dennoch immer den Gedanken an die „tickende Zeitbombe“ im Nacken. Und ich hatte gelegentlich diese schale Gefühl, den anderen mit unserem Problem zur Last zu fallen. Quatsch natürlich, aber man steigert sich da so rein.

Gerne hätte ich den kleinen Herrn manchmal für ein paar Stunden abgegeben, um selbst zur Ruhe zu kommen. Da wir jedoch keine Großeltern in der Nähe haben, ließ sich das nicht einfach so einrichten. Und Freunden oder Babysittern wollte ich das, was selbst für mich irgendwann unerträglich wurde, einfach nicht zumuten. Wäre nicht in einer Nacht- und Nebelaktion meine liebe Tante eingeflogen, um mir für zwei Wochen unter die Arme zu greifen, ich weiß nicht, wo das für mich noch geendet hätte.

Zum Glück gibt es für Mütter und Väter in meiner Situation professionelle Hilfe in Form von Schreibabyberatungen und -ambulanzen. Man sollte keine falsche Scheu davor haben, diese als betroffene Eltern in Anspruch zu nehmen. Es ist nämlich ein Irrglaube, dass man sich irgendwann an das Schreien gewöhnt. Wenn man großes Glück hat, schafft man es vielleicht, sich irgendwie durch die ersten drei Monate zu hangeln, aber spätestens wenn das Schreien nach den drei Monaten nicht „schlagartig“ aufhört kann die Verzweiflung ins Unermessliche wachsen.

Der kleine Herr hörte nach drei Monaten nicht auf zu schreien und auch nicht nach vier. Zwar spürte ich nie die unmittelbare Gefahr, dass ich ihm aus Verzweiflung etwas antun könnte, aber ich merkte doch, wie meine Geduld nachließ und ich gelegentlich eher unfreundlich mit ihm umging. Und wie ich immer häufiger in Tränen ausbrach und mich fragte, wie ich das alles überstehen soll. In der Münchner Schreibabyambulanz nahm man sich Zeit und hörte mir zu. Und bestätigte mich darin, dass alles, was ich tat genau richtig war – denn natürlich fängt man an, an sich selbst zu zweifeln, wenn das Baby nicht aufhören will zu weinen. Zwar schnippte dort niemand mit dem Finger und der kleine Herr hörte stante pede mit dem Schreien auf, aber es half zu wissen, dass ich nicht allein war mit meinem Problem und dass ich nicht einfach nur auf ein normal schreiendes Baby überreagiere. Der kleine Herr war tatsächlich ein „Schreibaby“ und während sein Papa das (schwierige) Wort nur sehr ungern in den Mund nahm, schob ich es vor mir her wie ein Schutzschild, was mir irgendwie half, mit der Situation besser fertig zu werden.

Wenn Ihr den Text bis hier hin aufmerksam gelesen habt, werdet Ihr feststellen, dass ich im Zusammenhang mit dem kleinen Herrn in dieser Zeit vor allem von „Problem“ und „Belastung“ geschrieben habe. Und dass ich das ganz oft wirklich so empfunden habe, ist für mich immer noch das Schlimmste an der ganzen Situation. Mein kleiner Sohn hat mich über mehrere Monate hinweg jeden Tag mehrere Stunden lang angeschrien und das ist einer gesunden Mutter-Kind-Beziehung leider nicht unbedingt zuträglich. Insbesondere dann nicht, wenn all meine Bemühungen ihm zu helfen, damit er nicht mehr schreien muss, nicht zu ihm durchdringen konnten. Das Wissen, dass der Kleine nichts Böses im Sinn hat und seinen – wie auch immer gearteten – Kummer einfach nicht anders artikulieren kann, schützt einen leider nicht unbedingt davor, das Schreien irgendwann persönlich zu nehmen. Mag er mich nicht? Bin ich ihm keine gute Mutter? Habe ich etwas falsch gemacht? Fragen über Fragen, die einem niemand zufriedenstellend beantworten kann. Kein einfacher Start für eine große Liebe.

Heute ist der kleine Herr neun Monate alt. Seit etwa drei Monaten ist er den größten Teil der Zeit stabil. Je mehr er kann (umdrehen, sitzen, krabbeln), desto besser kann er sich auch selbst regulieren. Wenn er heute merkt, dass er im Begriff ist, sich fürchterlich aufzuregen, schiebt er sich manchmal gerade noch rechtzeitig selbst den Schnuller in den Mund. Das ist so unglaublich niedlich, dass mir jedes Mal das Herz aufgeht! Das exzessive Schreien hat beim kleinen Herrn nicht schlagartig aufgehört, aber es ist immer seltener geworden und er lässt sich heute (in 95% der Fälle) auch viel leichter beruhigen. Mit den restlichen 5% kann ich, können wir nach unserer Erfahrung aus den ersten sechs Monaten einigermaßen umgehen. Und jetzt nutzen wir jede einzelne Minute aus, die Nähe, die uns das Schreien nehmen wollte, in vollen Zügen auszukosten.

Liebe Eltern künftiger Schreibabygenerationen, 

lasst Euch helfen und bittet Freunde, Verwandte oder professionelle Einrichtungen um Unterstützung. Ihr seid nicht schuld daran, dass Euer Baby nicht aufhören will zu weinen. Und Ihr müsst Euch für sein Weinen bei niemandem entschuldigen. Ihr tut, was in Eurer Macht steht und zwar instinktiv und Eurer Baby weiß das. Passt gut auf Euch auf und nehmt Eure eigenen Bedürfnisse ernst. Und setzt Euch bloß nicht unter Druck, weil ihr vielleicht ein wenig „aus der Reihe“ fallt. Verzichtet auf Aktivitäten, die Euch schon im Vorhinein Schweißperlen auf die Stirn treiben, auch wenn Ihr glaubt, dass von Euch etwas anderes erwartet wird. Es ist ok, wenn Euch die Situation überfordert und es ist auch ok, unglücklich darüber zu sein und zu weinen. Es wird eine Zeit kommen, da habt Ihr es überstanden – das kann schnell gehen oder etwas länger dauern – aber es wird passieren, so viel ist sicher. 

Kopf hoch!
Eure Melanie

P.S.  Wenn Ihr in derselben Situation seid oder jemanden kennt, der in einer ähnlichen Situation ist – meldet Euch. Ich kann das Schreien nicht abstellen, aber vielleicht hilft es ja, mit jemandem darüber zu sprechen, der genau weiß, worum es geht. MIR hat das geholfen. 

 

Baby(un)sitter

Tassenfahrt

bern_grandprix_20133Wir hatten die Wahnsinnsidee, rund neun Monate nach der Geburt unseres kleinen Herrn, mal einen Abend zu zweit zu verbringen – Bruce Springsteen sollte dabei sein, live im Olympiastadion. Da wir nun beide Zuagroaste sind, verfügen wir vor Ort nicht über Sippe, die sich spontan herbei bestellen ließe. Unsere Freunde wollten wir damit nicht behelligen, also dachten wir uns: „Ein Babysitter muss her!“ Babysitter sind eine tolle Sache, dachten wir uns und wenn man ein mal eine vertrauenswürdige und umgängliche Betreuungsperson gefunden hätte, könnte man ja sogar öfter als einmal alle neun Monate mal wieder ein bisschen Zweisamkeit genießen. So der Plan! Aber wie kommt man an einen Babysitter?

Der kleine Herr ist seit seinem 7. Lebensmonat in der Krippe und so dachten wir uns, dass man uns dort vielleicht jemanden empfehlen könne. Konnte man auch. Aus (verständlichem) Prinzip werden zwar keine Betreuerinnen aus der Krippe selbst vermittelt (was natürlich sehr praktisch wäre), aber in Erzieherinnen- und Kinderpflegerinnenkreisen kennt man sich ja und so hatten wir schnell die Nummer einer Kinderpflegerin in der Hand, die wir auch stante pede anriefen. Klang alles super und es wurde ein Kennenlerntermin an einem Freitagnachmittag um 17:30 Uhr vereinbart. Um 17:30 Uhr schickte die Dame eine SMS, dass sie doch nicht kommen könne. Wir könnten ihr aber schon mal die gewünschten Sitting-Termine durchgeben (sage und schreibe zwei Abende!), an denen sie dann aber sowieso nicht konnte. Aber wir dürften uns gerne wieder melden. Schönen Dank!

Der nächste Versuch war eine Empfehlung aus dem Freundeskreis, ein junger Mann, selbst Kinderpfleger von Beruf. Da wir zwei Wochen vor dem Springsteen-Konzert noch eine Geburtstagseinladung hatten, hielten wir das für einen guten Testballon und fragten den jungen Mann vorher, ob er an dem Abend denn frei habe. Er habe, sagte er. Also vereinbarten wir den obligatorischen Kennenlerntermin, zu dem er auch pünktlich erschien. Leider  stellte sich heraus, dass er bisher wenig Erfahrung mit so kleinen Babys hatte (und man merkte ihm den Respekt vor der Herausforderung an) und irgendwie konnten wir uns den netten jungen Herrn auch nicht so richtig im Umgang mit dem kleinen Herrn vorstellen. Jedenfalls nicht solange er ein so kleiner, kleiner Herr ist. Schade, aber wieder nix.

Da das Hörensagen-Freundes-und-Bekanntenkreis-Empfehlen nicht so richtig fruchten wollte, entschlossen wir uns also, uns des Themas „professionell“ anzunehmen und unser Glück auf babysitter.de zu suchen. Man bezahlt hier ein bisschen was, bekommt aber durchaus auch eine ganze Menge Resonanz und im Großen und Ganzen war niemand dabei, der/die auf den ersten Blick gar nicht gegangen wäre. Da der kleine Herr eben noch sehr klein und aus diesem und jenem Grund auch irgendwie „speziell“ ist, suchten wir uns zwei Bewerberinnen aus, die sowohl über eine passende Ausbildung als auch über entsprechende Erfahrung verfügten. Nummer eins meldete sich auf unsere Interessenbekundung nicht mehr (- nein, ich habe ihr nichts unflätiges geschrieben -), Nummer zwei zeigte sich sehr erfreut und wir vereinbarten auch gleich den Kennenlerntermin. Den sie am Vorabend des vereinbarten Tages wegen Krippe (sic!) absagen musste. Sie wollte sich aber nach ihrer Gesundung wieder melden. Bisher haben wir nichts mehr von ihr gehört.

Es vergingen wieder ein paar Tage, der Tag des Konzertes rückte näher und wir hatten bereits mit Bruce abgeschlossen. Da kam über babysitter.de eine neue, sehr interessant und nett klingende Bewerbung rein und wir schöpften wieder Hoffnung. Die Bewerberin gibt an, am Sonntagabend Zeit zu haben. Der Kennenlerntermin dann am vergangenen Freitag: Ich öffne die Tür und denke – „ja“. Die junge Dame ist studierte Sozialpädagogin, sittet schon seit mehreren Jahren Babys (auch kleine) und Luis und ich finden sie gleich dufte. Und sie sagt erneut, dass sie Sonntag noch nichts vor hat! BOSS, ICH KOMME! Ich gebe ihr gleich grünes Licht und frage sie, ob sie sich das mit uns auch vorstellen könne. Sie bejaht. Wir vereinbaren aber, am nächsten Tag noch mal zu telefonieren, wenn wir alle noch mal eine Nacht darüber geschlafen haben. Ich muss darüber nicht schlafen und der Mann traut meinem Urteil, aber ich willige ein. Samstagmittag lasse ich sie per SMS wissen, dass wir uns freuen würden, wenn sie sich um Luis kümmern würde. Guess what? Sie schreibt zurück, dass es zwar alles sehr gut klang, sie aber Sonntag nun doch nicht schaffen würde. Wtf?

Das Ende vom Lied: Der Mann ist alleine (mit Freunden) beim Konzert und ich bin zweisam mit dem kleinen Herrn, was für sich genommen zwar nicht schlecht ist, aber irgendwie nicht so ganz dem eigentlich Plan entsprach. Zudem bin ich enorm frustriert über die Münchner Babysitter, die in meiner kleinen Empirie allesamt sprunghaft und unzuverlässig sind. Wie sind denn Eure Erfahrungen?

Wenn Mamas Milchbar geschlossen bleibt

flaschen„Warum stillst Du nicht?“ – Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft mir diese Frage in den letzten sieben Monaten gestellt wurde. Jedes einzelne Mal habe ich den unterschwelligen Vorwurf gespürt und mich immer wieder -widerwillig- brav erklärt. „Ich wollte ja, aber….“ Und so war es ja auch. Ich wollte stillen, aber irgendwie ist es dann eben anders gekommen.  Und ich hatte es ziemlich schnell satt, mich deswegen schlecht zu fühlen. Und genau darauf hat es die Stillpolizei angelegt. Denn wenn Du als junge Mutter nicht blank sondern Plaste ziehst, dann hast Du Dir das Recht am Muttersein gleich von Anfang an verwirkt.

Natürlich gibt es auch viele stillende Frauen, denen schnuppe ist, was andere Mütter machen und die einen Teufel tun würden, sich da einzumischen. Aber es ist dennoch erstaunlich, wie viele junge Müttern sich allein durch ihr Stillen zur Botschafterin berufen fühlen.

„Jede Frau kann stillen“.

Auch so ein Satz, den man nicht in seinem Herzen bewegen, sondern gleich in die Tonne klopfen sollte. Als ginge es bei einer Stillbeziehung einzig und allein um die „technische Möglichkeit.“ Es gibt Babys, die schreien die Brust ihrer Mutter an, statt sie zu liebkosen. Und Mütter, die ihre Kinder überhaupt nur unter Schmerzen stillen können. Und dann gibt es auch diejenigen Mütter, die es sich einfach nicht vorstellen können, ihr Kind an der Brust zu ernähren. Auch das ist legitim, wie ich finde. Warum eine Frau ihr Baby nicht stillt, geht wirklich niemanden außer der Frau etwas an. Ende. Aus. Mickey Mouse.

Auch wenn Stillen für das Baby und die Mutter außerordentlich gesund ist, – das wissen übrigens auch die Frauen, die es dennoch nicht tun – ist Nichtstillen nicht automatisch versuchter Totschlag. Die Säuglingsmilch aus der Konserve ist heute so gut wie sie als Kunstprodukt eben nur sein kann. Sie wird niemals „the real shit“ sein, aber sie ist doch verdammt nah dran und kein Grund für schlaflose Nächte und 20 gebetete Rosenkränze.

Bitte versteht mich nicht falsch: Ich finde das Stillen wirklich super und habe überhaupt keine Einwände dagegen, wenn eine Mutter sich dafür entscheidet. Und sollte ich noch mal ein Kind bekommen, werde ich es auch wieder versuchen. Aber nicht um jeden Preis – so viel steht fest.

Dennoch bleibt es in meinen Augen eine bodenlose Frechheit, dass mich das Nichtstillen offensichtlich zum Freiwild macht, in dessen Privatleben und in dessen ganz persönliche Entscheidungen sich jeder einfach so einmischen zu dürfen glaubt. Ich verbitte mir das. Jetzt und in Zukunft.

Bäm.

In der Nido gab es zu dem Thema kürzlich auch einen interessanten Artikel.