Gestern in der Tram

Es ist nicht erlaubt, ohne gültige Fahrkarte ein öffentliches Verkehrsmittel zu nutzen. Einverstanden. Schwarzfahren ist kein Kavaliersdelikt und im Grunde ein Diebstahl – mit dem Unterschied, dass hier eine Dienstleistung gestohlen wird. Auch einverstanden. Schwarzfahren wird geahndet, mit einer Geldstrafe von rund 40 €. Soweit alles fein.

Fahrkarte
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Im Biergartenparadies

Biergärten gibt es in München wie Sand am Meer. Ein Meer gibt es in München hingegen nicht. Deshalb entscheidet man sich stattdessen immer für den Biergartenbesuch. Aber auch unter den Biergärten gibt es so’ne und solche und ähnlich wie bei der Suche nach dem richtigen Sand am richtigen Meer verhält es sich in Städten wie dieser bei der Suche nach dem richtigen Biergarten.

Dumm ist, dass es den einen, den allein glückselig machenden Biergarten gar nicht gibt. Es kommt nämlich immer auf den Einzelfall an. Und die Umstände spielen selbstverständlich auch eine nicht kleinzuredende Rolle. Ein Biergarten, der einen an einem Tag wie der (Bier)garten Eden höchst persönlich vorkommen mag, kann schon am nächsten Tag den Kampf um die Gunst des Biergartengängers an seinen hässlichen Stiefbruder verlieren. Ein tägliches Vabanquespiel, bei dem es stets nur einen Gewinner gibt. Weiterlesen

Wiesn 2009

Das zur Verfügung stehende Holz sorgsam vor der Hütten aufgeschichtet, die Schleife lasziv links gebunden, der Unterrock neugierig unter dem Saum hervorlugend – Oktoberfest, ich komme!

Der erste Schock sucht mich dann schon auf dem kurzen Fußweg zur Wiesn heim: Am hellichten Tage begegnen mir unzählige Menschen, die neben Muttersprache und Anstand auch die versammelte aufgenommene Nahrung des Tages bereits mehrfach verloren haben. Aber das sind Details. Und Australier.

Einmal durch die Menschenpampe auf der Hackerbrücke durch- und an den zahlreichen Polizisten vorbeigewuselt gerät man gleich in den Sog der Masse, die sich eilig in Richtung Wiesn schiebt. Es dirndlt und krachledert aller Orten. Mit und ohne Geschmack.

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Aufbauarbeiten

Kriiiiiiihhhhhhhheiiiiiiiiiiirrrrrrsch.

Es ist sieben Uhr. Mein Freund der Polier hat das Spiel angepfiffen. Die Kreissäge flötet mir ein fröhliches Wecklied. Welch ein bezaubernder Start in den Tag! Ich springe aus dem Bett und unter die Dusche. Der klanglich frisch dazu drapierte Presslufthammer gibt mit den Einseifrhythmus vor.

Bububububububbb.

Ein wenig schmerzhaft ist es schon. Und auf Dauer gibt es blaue Flecken.

Frisch geduscht und behämmert geht es im Bademantel Richtung Küche. Das künstliche Erdbeben ist angeschaltet und ich bin mit dem PowerPlate-Workout schon durch bevor ich den Kühlschrank erreiche. Ganz ohne eigene Anstrengung – herrlich ist das! Weiterlesen

Trama

In der Straßenbahn saß die Woche einer von diesen Quasslern – Sie wissen schon, einer von denen die lautstark vor sich hin schimpfen, ohne erkennbaren Grund, ohne Adressat, ohne Unterlass. Die Leute nervt das einen kurzen Moment, sie nehmen es aber bald nur noch als kleines Requisit inmitten der gesamten Geräuschkulisse wahr. In der Stadt lernt man das Weghören ebenso schnell wie das Wegsehen. Ein Mann, der schon am frühen morgen mit einer Flasche Bier in der U-Bahn steht? Nein – ich glaube da war keiner.

Aber der Quassler, der war ganz sicher da. Ein zufällig mitreisender Verkehrsbetriebsmitarbeiter hämmerte diese Erkenntnis recht lautstark in die Köpfe aller Anwesenden. Zunächst forderte er den Quassler einigermaßen freundlich auf, den Mund zu halten. Was dieser natürlich nicht tat, weil es gegen seine Natur wäre. Das reizte den selbst erkorenen Ohrenschützer bis aufs Blut – sein Stimme wurde lauter, seine Beschwörungen wurden zu Beschimpfungen. Er solle den Schnabel halten und aufhören, die Leute zu belästigen. Der Quassler riet ihm im Gegenzug freundlich, ihn in Ruhe zu lassen und sich um seine Angelegenheiten zu kümmern. 0:1. Das genau SEI seine Angelegenheit, entgegnete der MVVler wutschnaubend. 1:1.

Das Trampublikum schmunzelte in sich hinein – ganz leise, ganz unauffällig. Niemand wollte sich die Blöße geben, sich für das Gezänke der beiden Streithähne zu interessieren. Doch die vielsagenden Blicke, die kreuz und quer durch die Bahn schossen, liessen auch die beste Tarnung auffliegen. Während die Leute ihre Nasen immer tiefer in ihre Bücher steckten oder angestrengt aus dem Fenster starrten, rhabarberte der Quassler munter weiter und weiter und weiter. 1:2.

Sein Widersacher wurde sich bewusst, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, das Spiel noch herum zu reissen. Und dazu musste ihm jedes Mittel recht sein. Er entschied sich für ein klares Foul. Er sei doch krank im Kopf, raunzte er den Quassler an. 2:2. Das Publikum jubelte schweigend. Wenigstens ein unentschieden hatte er noch rauspielen können!

Dann war das Spiel aus. Die  Tram hielt und kippte ihr Innenleben in die Haltebucht. Der wütende Oberaufseher spurtete an mir vorbei und wie von der Tarantel gestochen die Treppe zur U-Bahn hinunter. Hinter mir vernahm ich die Stimme des Quasslers, der den Schlusspfiff wohl nicht vernommen hatte. Er nuschelte dem Gegner hinterher: „Einen schönen Abend noch,“ (nun gut, es war nicht mal 9 Uhr am Morgen) und dann noch etwas leiser: „Ich hab es doch gar nicht so gemeint…“  2:3.

Wies’nphobie

Als sich eines kälteklirrenden Spätwintertages der mir in die Gene geklöppelte vorauseilende Gehorsam mit einem dahergelaufenen Anflug geistiger Umnachtung hier in München auf eine Tasse Tee traf, wurde heimlich, still und leise Schicksal gespielt. Denn nach diesem heiteren Teekränzchen machte sich in meinem (infinitesimalen!) Kleiderschrank so ein bayerisches Dingsbums breit und trällert mir seither ein deftiges „Servus“ zu, wann immer ich die Tür auch nur einen Spalt breit öffne. Diese Schufte hatten sich tatsächlich nicht entblödet, mir ein Dirndl an den Hals zu hexen! Wo ich doch an einer schlimmen Traditionsunverträglichkeit leide, die mich gelegentlich aufs Heftigste tourettisiert. Himmearschundzwian.

Aber das Dirndl war nur der erste Teil des hinterhältigen Plans. Ein ganzes Leben lang habe ich mich erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt, Pobacke an Pobacke mit alkoholisierten Fremdlingen große Massen Mengen kalorien- und hopfenreicher Flüssigkeiten zu mir zu nehmen. Und dann erklärt mir dieses hochnäsige München rotzfrech, dass das hier zum guten Ton und sowieso zum „savoir-vivre“ gehöre. Ordentlich-auf-die-Kacke-hauen als Lebensphilosophie, die am Abend schnell mit einem Veuve Clicquot runtergespült wird. Bevor man es nicht mehr zur Toilette schafft.

Ich muss an dieser Stelle nicht erwähnen, dass man mit den Holzvorräten vor meiner Hütt’n allenfalls ein kleines Freudenfeuer entfachen könnte. Und auch nicht, dass ich allenfalls die Hell’s Angels zur Not noch in Lederhosen ertragen könnte.  Kurz: Ich will nicht, ich will nicht, ich WILL NICHT.

Es ist nicht mal Juli und ich wache schon jede Nacht schweißgebadet auf, weil in meinen Träumen immer wieder einer „O’zapft is“ schreit. Und ich merke, wie ein mächtiger Zapfhahn einem Pflocke gleich mitten in mein Rheinländerinnenherz getrieben wird.

Lieber Herr Dr. med. Eckart von Hirschhausen,

gerade finden Sie mich ziemlich überrascht auf meinem Sofa vor. Bis vor etwa einer Stunde haben Sie mir Glück gebracht. Nicht wie ein Schornsteinfeger oder eine Hasenpfote freilich. Weniger subtil. Und ohne dass ich vorher daran hätte glauben müssen. Zwar habe ich schon das ein oder andere Mal über Sie geschmunzelt oder gar gelacht, wenn ich Sie zufällig im Fernsehen gesehen habe. Aber – ich bin da ehrlich – von Unterhaltern, die man zu oft im Fernsehen sieht, erwartet man, erwarte ich keine Überraschungen.

Warum ich dennoch zwei Karten gekauft habe? Man schmückt sich gerne mit ein bisschen Kulturprogramm &  wie erwähnt – ich fand Sie durchaus lustig. Kurz: diese Dernière im Circus Krone schien mir eine willkommene Abwechslung vom schnöden Einerlei zu sein. Und genau da setzte die Überraschung ein. Statt nur sichere Lacher am Fließband zu produzieren  (Und auch das könnten Sie, Herr Doktor, keine Frage!), haben Sie mich ganz hervorragend unterhalten. Und mich von herzhaften Lachen bis hin zum Glücksweinen navigiert.

Um Ihre Frage also zu beantworten: ich habe eine Menge mitgenommen. Viel mehr, als ich erwartet habe. Dopamin. Ob Sie heute mein Leben verändert haben, wird mein Pinguin Ihrem Pinguin vielleicht irgendwann beim Schwimmen erzählen.

Zum Glück

Mando Wow

1. Mando Diao haben nicht bei DSDS gewonnen.

Aber wer wird an dieser Stelle kleinlich sein? Schliesslich bestand ein Fünkchen Hoffnung, dass in Schweden auch ohne Bohlen & Co. echte Stars gemacht werden. Genug Hoffnung also, zwei Karten für das Münchner Konzert zu erstehen.

2. Mando Diao sind nicht Thomas Godoj.

Klingt plausibel. Ist es auch. Beeindruckend ist aber, dass man das schon bei der Parkplatzsuche merkt. Während man bei Thomas “Ich-krieg-keinen-graden-Satz-heraus-habe-aber-eine-geile-Stimme”-Godoj hübsch vor der Eingangstür parken konnte, musste man sich den Weg nach Schweden nass latschend erarbeiten.

3. Es fällt nicht auf, wenn man den Text nicht kennt.

Ehrlich gestanden kannte ich bis gestern (wissentlich) nur ein einziges Lied von Mando Diao. Trotzdem hat mein Bedürfnis bei allen Liedern lautstark mitzugröhlen niemanden gestört. Vermutlich kannten die anderen die Texte auch nicht.

4. Tiefergelegte Mando Diaoisten.

Ich vertrete hiermit öffentlich die These, dass Menschen mit kurzen Gliedmaßen unterhalb der Gürtellinie in ihrer Grundgesamtheit eine bemerkenswerte Affinität zu schwedischer Rockmusik haben. Ich kann das nicht beweisen, bin aber durch nichts und niemanden von dieser Idee abzubringen. Lange Stelzen wie die meinen sind bei solchen Anlässen absolut unangemessen. Insbesondere dann, wenn sie in Jeans und Stiefeletten stecken.

5. Dem Styling den Kampf angesagt.

Wer Rockmusik mag und was auf sich hält, pfeifft auf hübsche Outfits. Das war schon so, als wir uns als Teenager bei Rock am Ring im Schlamm suhlten. Das heisst aber nicht, dass man einfach irgendwas anziehen sollte. Auch jenseits der Hochglanzbroschüren gibt es einen Stylekodex, dem man sich tunlichst unterwerfen sollte. Beim gestrigen Anlass wurde dieser wie folgt gelebt: Die Damenwelt trug Sackhemdkleid (z.B. im Marinelook), türkise Wollmützen mit Strickblumen & Stiefel im Chinesischer-Faltenhund-Stil. Die Herren der Schöpfung waren mit sich nach untern verjüngenden Jeanshosen, Chucks & Fanshirts perfekt gekleidet.

6. Was sonst noch wichtig war.

Die Toiletten- und Bierbarschlangen haben weder gebissen noch gewürgt. Lediglich die Garderobenschlangen, die nach dem Konzert plötzlich aus ihren Löchern gekrochen kamen, können als mindestens gemeingefährlich bezeichnet werden.

7. Ach ja – das Konzert!

(Die Vorgruppe “The View” habe ich schon jetzt wieder aus meinem Gedächtnis geschubst. Das war nix. Deswegen gehe ich auch nur in hellgrau & innerhalb von Klammern überhaupt darauf ein.)

Aber Mando Diao: das war absolut und ohne Einschränkungen ganz großes Schwedentennis. Der Björn Borg unter den Konzerten.