Und plötzlich herrscht Stille

froschallein1Dieses Blogpost stand nicht auf meinem inneren Redaktionsplan. Es hat mich ereilt, sich mir aufgedrängt. Und das auf so eindrückliche Art und Weise, dass ich gar nicht anders kann, als es zu schreiben. Das Thema heißt „plötzlicher Kindstod“ – auch als SIDS (Sudden Infant Death Syndrome) bekannt. Um es vorweg zu nehmen: Dem Baby ist nichts passiert, es geht ihm gut. Aber als ich vor knapp zwei Wochen mitten in der Nacht von jetzt auf gleich kein Lebenszeichen mehr vernehmen konnte und der Zwerg auch beim Hochheben wie ein nasser Sack in meinen Armen hing, da habe ich einen (viel zu langen) Moment lang gedacht, dass er nicht mehr lebt. Und das war das bescheidenste Gefühl, das ich überhaupt je gefühlt habe. Ich hatte mich glücklicherweise geirrt – nach ein paar bangen Sekunden hatte ich ihn zurück. Was genau in diesen Sekunden passiert ist, werde ich wohl nie erfahren. Aber ich habe in dieser und der darauffolgenden Nacht kein Auge mehr zugemacht. Und kann auch jetzt nur schlafen, weil ein Monitor nachts die Herz- und Atemfrequenz des kleinen Herrn überwacht und Alarm schlägt, wenn irgendwas nicht in Ordnung sein sollte.

Auch wenn die Sache für uns glimpflich ausgegangen ist, möchte ich so etwas nicht noch einmal erleben. Und wünsche das auch niemand anderem. Daher an dieser Stelle auch noch mal meine zwei Cent zum Thema SIDS:

Auch wenn absolut nicht so viele Babys am plötzlichen Kindstod sterben, ist er die häufigste Todesursache im ersten Lebensjahr (nach der Neugeborenenphase). Jungs sind statistisch mit 60% häufiger betroffen. Die meisten Vorfälle passieren in den Wintermonaten. Das kann man genauer an allen möglichen Orten nachlesen. Da man bis heute nicht weiß, was die genauen Ursachen von SIDS sind, versucht man zur Prävention potenzielle Risikofaktoren auszuschließen. Natürlich haben unsere Eltern das alles nicht beachtet und wir leben trotzdem noch. Und weil es damals das Internet noch nicht gab, hat man vielleicht auch nicht viel über solche Fälle erfahren, die es natürlich auch damals und weitaus häufiger als heute gegeben hat. Seit damals wurde jedenfalls zu dem Thema eine Menge geforscht, statistisiert und fleißig ausgewertet. Und aus den Ergebnissen wurden ein paar einfache „Regeln“ abgeleitet, deren Befolgung zwar keine Garantie für irgendwas ist, mit deren Nichtbefolgung jedoch – jedenfalls statistisch – ein höheres Risiko einhergeht.

Prävention (sollte ich was wichtiges vergessen haben, bitte ich um Hinweise!)

  • Im Babybett sollte nur das Baby schlafen und keine Kuschelfreunde, seien sie auch noch so klein.
  • Eine atmungsaktive, nicht zu weiche Matratze ist gut, auf Nässeschutzeinlagen sollte man verzichten.
  • Auch wenn sie hübsch aussehen, sollte man auch auf Nestchen und Himmel verzichten – damit kann man noch früh genug anfangen.
  • Die optimale Temperatur für das Zimmer, in dem das Baby schläft liegt zwischen 16 und 18 Grad, die Heizung bleibt am besten aus.
  • Das Baby darf kuschelig warm gekleidet sein, sollte aber nicht schwitzen. Keine Mütze!
  • Das Baby gehört in einen Schlafsack.
  • So lange das möglich ist, sollte das Baby auf dem Rücken schlafen. Wenn es sich irgendwann selbst rumdreht, dann ist das eben so.
  • In der Gegenwart des Babys sollte nicht geraucht werden. Aber auch kalter Rauch in den Kleidern und Haaren der Eltern birgt gefahren. Kinder von Rauchern sind statistisch öfter von SIDS betroffen.
  • Stillt um Euer Leben! Gestillte Kinder werden statistisch seltener von SIDS heimgesucht.

Überwachung

  • Verschiedene Firmen bieten Sensormatten an, die unter die Matratze gelegt werden und Bewegungen des Babys (einschließlich Atembewegungen) messen sollen. Bekanntester Vertreter ist hier wohl das Angelcare, weniger bekannt, dafür aber kabellos sind z.B. Babysense-Matten. Sie geben nach 15 Sekunden einen Voralarm, nach 20 Sekunden einen Hauptalarm.
  • Einen anderen Ansatz fahren die Snuza Halo/Hero Babymonitore. Sie werden an die Windel geknipst und messen die Atembewegung am Bauch. Wird 15 Sekunden lang nichts gemessen, vibriert das Gerät, um dem Baby einen Impuls zum Atmen zu geben. Nach 20 Sekunden gibt es einen Alarm.
  • Das treffsicherste Überwachungsinstrument ist natürlich ein medizinischer Monitor, aber der steht in der Regeln kaum jemandem zur Verfügung, der nicht zu einer besonderen Risikogruppe zählt (z.B. Früh- und Neugeborene nach Intensivtherapie, Kinder aus Familien mit SIDS-Fällen, etc.). Der Monitor misst Herz- und Atemfrequenz mittels Elektroden, die im Brust-/Bauchbereich aufgeklebt werden. Einen solchen Monitor kann man jedoch auch als Privatperson ohne ärztliche Verordnung mieten, z.B. bei der Firma Schulte-Elektronik. Alarm geben die Geräte entweder, wenn die Herzfrequenz unter einen bestimmten Schwellenwert fällt oder wenn 20 Sekunden keine Atmung gemessen werden kann.

Glaubt man den zahlreichen Bewertungen der beiden erstgenannten Systeme (z.B. bei Amazon), so sind deren Verwender sehr zufrieden und die Fehlalarme, die man den Geräten nachsagt, halten sich in Grenzen. Ich selbst habe einen Arzt gefragt, was er von den Geräten hält und er schüttelte gleich den Kopf – wohl aber auch, weil er sie immer mit seinem medizinischen Monitor vergleicht. Und auch der produziert leider hin und wieder einen Fehlalarm. Hätte ich nicht erstmal den medizinischen Monitor, so hätte ich sicher eines der beiden anderen Geräte oder sogar beide zusammen – so viel steht fest. Aber: Das alles sind nur Alarmsysteme, die einem vielleicht – wenn es gut läuft – Zeit verschaffen, sie retten per se niemandem das Leben. Ich würde daher auch mit Überwachungstool niemals (mehr) leichtfertig werden. Und man sollte sich auch klar darüber sein, dass es Fehlalarme geben kann, die einen möglicherweise am Ende stärker beunruhigen als die Angst selbst.

Handeln!

Ich habe mit der Übergabe des Monitors in der Klinik eine Einweisung für die Reanimation bekommen, die ich nun griffbereit habe. Außerdem habe ich beschlossen, einen Erste-Hilfe-Kurs für Babys und Kleinkinder zu besuchen, die gibt es eigentlich in jeder Stadt und sie schaden sicher nicht.

(Weitere hilfreiche Informationen rund um das Thema findet Ihr übrigens bei der Gemeinsame(n) Initiative Plötzlicher Säuglingstod Deutschland e.V.)

Aus vielen Gesprächen mit frischgebackenen Müttern weiß ich, dass die Meinungen zum Thema SIDS-Prävention sehr stark auseinander gehen. Ich war immer eher vorsichtig, bin aber durch den Vorfall noch um einiges vorsichtiger geworden. Es würde mich jedoch sehr interessieren, was Ihr darüber denkt und wie Ihr mit einem solchen Vorfall umgehen würdet.

Kommentare (15) Schreibe einen Kommentar

  1. Oh Gott mir ist grade erstmal das Herz stehengeblieben.
    Das Thema SIDS war für mich die größte Angst seit ich Mutter bin. Die erste Zeit schlief ich fast gar nicht, weil ich gucken musste dass sie atmet. Ich glaube es dauerte ein halbes Jahr bis ich nicht mehr ständig Panik hatte. Mittlerweile kann ich den ganzen Abend entspannt auf dem Sofa sitzen ohne ins Schlafzimmer zu rennen und ihren Atem zu kontrollieren. Nachts mache ich es aber automatisch sobald ich kurz die Augen aufmache.

    An die Vorgaben zur Vorbeugung haben wir uns weitestgehend immer gehalten. Vor allem der Mann war da sehr penibel.

    Ich hoffe deinem Baby geht es nun gut und du hast dich von diesem Schock einigermaßen erholt.

    Antworten

    • Mellcolm

      Nachdem ich wirklich immer alles beachtet habe, hielt sich meine Panik anfangs in Grenzen. Ich bin hin und wieder gucken gegangen und habe auch nachts, wenn ich aufwachte, immer den „Schnelltest“ gemacht, aber ich war nie ernsthaft besorgt. Das ist nun leider anders.

      Dennoch: Dem Baby geht es gut und das ist das allerwichtigste!

      Antworten

  2. Erst einmal: gut, dass dem Baby nichts passiert ist. Uff. Das muss schrecklich gewesen sein. Tut mir sehr leid :-(.

    Ich hatte bei beiden Kindern große Angst vor SIDS. Deswegen habe ich das erste Lebensjahr selbst Monitor gespielt. Sprich, die Babys haben anfangs auf, dann bei mir geschlafen. Nur so fühlte ich mich sicher. Und heute noch ist es mir am liebsten, wenn wir alle vier in einem Bett schlafen, im Urlaub zum
    Beispiel.
    Ich weiß, es gibt Studien, die das Familienbett für gefährlich halten. Ich aber glaube lieber denen, die sagen, dass Cosleeping SIDS vorbeugt. Mein Gefühl sagt mir einfach, dass ich mein Baby im Schlaf bei mir haben und bewachen will.

    Alles Liebe
    Anette

    Antworten

    • Mellcolm

      In der Nacht, in der sich der Vorfall ereignete, lag der kleine Herr keine fünf Zentimeter von mir entfernt in meinem Bett. Er lag nicht unter meiner Decke und nicht auf dem Bauch, sondern in seinem Schlafsack, ein bisschen zur Seite geneigt. Als ich wach wurde, es war so gegen 3:30 Uhr, da schlummerte er selig und atmete ganz normal. Erst einige Minuten später kam es zu dem furchtbaren Zwischenfall und ich fürchte, dass ich davon nicht wach geworden wäre. Ob das nun eine mütterliche Vorahnung war, die mich hat erwachen lassen oder wirklich nur ein glücklicher Zufall – ich werde es nie erfahren. Aber nach diesem Zwischenfall reicht mir die bloße Hoffnung, dass „ich schon merken werde, wenn was ist“ einfach nicht mehr aus.

      Antworten

  3. Nach dem ersten Schrecken beim lesen deines Beitrages bin ich unendlich froh, das dem Zwerg nichts passiert ist! Ich möchte mir nicht mal im entferntesten vorstellen, was du in den Sekunden durchgemacht hast!

    Ich wollte auch eins von diesen Geräten, habe nun dann aber ein normales Babyphone und später eine normale Kamera gekauft (weil unser Zwerg sich für die Bauchlage entschied, sobald er sich drehen konnte – und das nachdem er diese tagsüber und sonst immer vehement ablehnte). Diese Kamera möchte ich aber nicht mehr missen!

    Zum Thema – ich bin beim stöbern nach einer guten Puckhilfe mal auf einen Shop gestoßen, der eine Studie mit einem Pilz als Ursache für SIDS unterstützt und muss sagen, dass dies für mich die plausibelste Erklärung ist…
    http://shop.ideen-rund-ums-kind.de/sids-ploetzlicher-kindstod/
    oder auch
    http://www.ploetzlicher-kindstod.org/index.php?ursache

    Ich drücke euch für die nächsten Monate ganz fest die Daumen und wünsche euch alles Gute!
    Sandy

    Antworten

    • Mellcolm

      Darüber bin ich auch schon gestolpert und muss zugeben, dass ich mich nicht en detail damit befasst habe. Aber auf den ersten Blick sah es für mich aus, als wolle man mit der Angst der Eltern Geld machen. Kann aber natürlich sein, dass ich mich da total irre. Werde es mir nach Deinem Hinweis jedenfalls noch mal genauer ansehen!

      Antworten

  4. Oh nein – da überkam mich aber für einen kurzen Moment eine fiese Gänsehaut und ein dicker Kloß im Hals..!! Ihr Armen, das ist echt ein fürchterliches Erlebnis… :-(( Zum Glück ist der kleine Mann wohlauf!! Das Thema hat mich gerade heute morgen noch beschäftigt, als ich wach lag und darüber nachdachte, wie wunderbar es zum Einen ist, dass unserer jetzt endlich durchschläft und wie paradox es ist, sich zu wünschen, dass er sich doch ab und an mal meldet, damit man weiß, dass alles ok ist…

    Einen dicken Drücker von Luis an Luis!

    Antworten

    • Mellcolm

      Ich weiß genau, was Du meinst. Ich bin auch ständig hin und her gerissen, zwischen dem Wunsch, dass er endlich durchschlafen möge und dem Wunsch, dass er sich nachts möglichst oft „meldet“, damit ich weiß, dass alles gut ist. Wahrscheinlich wird das auch noch eine Weile so weiter gehen, aber ich hoffe doch, dass wir uns irgendwann wieder etwas entspannen können.

      Antworten

  5. hi,

    laut einigern studie sind auch verhältnismäßig viele kinder betroffen, die auf gebrauchten matrazen (der geschwister oder vorbeesitzer eines bettchens) nächtigen. (auf die schnelle nur den link hier gefunden, aber für den inhalt bzw die quellen reicht es: http://shop.ideen-rund-ums-kind.de/sids-ploetzlicher-kindstod/ )
    für meine nerven gibts / gabs hier in dem zusammenhang- matrazen-encasings , die ich alle 3monate abziehe und wasche.

    ich selbst ja ganz klar verfechter des familienbetts für babys, näher als nah kann man sie nicht haben, aber da gibt es ja auch das 2.lager welches das als fahrlässig betrachtet; von daher-schwierig,

    wie lange dürft/müsst ihr das überwachungsdings denn behalten?

    alles gute!

    Antworten

    • Mellcolm

      Nachdem Du nun schon die Zweite bist, die diese Überzüge erwähnt, werde ich sie mir tatsächlich mal näher ansehen. Zum Familienbett: Genau da ist es ja passiert und es war wirklich Zufall, dass ich gerade wach war. Ob der Vorfall was mit dem Bett zu tun hat, kann ich allerdings nicht sagen – jetzt schläft der Zwerg jedoch wieder in seinem Bett, das immer noch wie ein Beistellbett direkt neben meinem steht. Geplant ist, dass wir den Monitor zunächst mal für 6 Wochen haben, weil die Untersuchungen keine besonderen Risiken ergeben haben. Mal sehen, wie wir uns dann fühlen – vielleicht können wir auch noch mal verlängern.

      Antworten

  6. Hallo Melanie,
    ach herrje. Welch ein Segen, dass es dem kleinen Herren gut geht und dieser Schreck vorbei ist. Es tut mir wirklich schrecklich leid, was Ihr da durchgemacht habt bzw. wahrscheinlich immer noch durchmacht.
    Der Plötzliche Kindstod ist so ein Mysterium und ich erlebe dasselbe wie Du – sehr gespaltene Meinungen. Von Geldmacherei bis zu wirklichen Hilfen – es ist sehr schwierig, sich für das „Richtige“ zu entscheiden. Ich denke auch, dass Dir sicher die mütterlichen Sensoren im richtigen Moment geholfen haben, dennoch kann und möchte man sich ja nun auch nicht einzig darauf verlassen.
    Unsere Maßnahmen sind weitgehend die, die Du oben genannt hast: Schlafsack, Nichtraucher, kühles Zimmer, immer noch Beistellbett an meinem Bett). Allerdings verzichten wir nicht auf ein Nestchen, da sich unser Mini mit dem Kopf dagegen drückt, wenn er einschläft. Das AngelCare haben wir, die Sensormatte funktioniert allerdings nicht einwandfrei im Beistellbett, da das bei uns irgendwie mit dem Elternbett zusammentrifft. Davon bin ich allerdings sowieso nicht überzweugt, denn, wie Du sagst: was ist mit erster Hilfe!?
    Einen Kurs werde ich auch belegen. Falls Du einen in München empfehlen kannst, gib gerne Bescheid.
    Ich wünsche Euch von Herzen, dass die Sorgen nicht Euer Glück überlagern und dass es dem kleinen Herren weiterhin gut geht!
    (Und entschuldige nochmals meinen etwas dämlichen Tweet heut Abend.)

    Antworten

    • Mellcolm

      Hallo Steffi. Ich hatte meinen Kurs beim Haus der Familie gebucht, da habe ich auch schon Babymassage, Rückbildung etc. gemacht und war bisher sehr zufrieden. Leider konnte ich meinen Kurs am vergangenen Samstag dann nicht besuchen, weil ich mal wieder – dank dem kleinen Herrn – flach lag. Ich werde das aber sicher an einem anderen Termin nachholen, gebucht habe ich aber bisher noch nichts neues. Liebe Grüße

      Antworten

  7. Uff! Und dann auch noch dieses Foto.

    Ich bin sehr sehr froh, dass die mütterliche Uhr richtig getickt hat. Das ist eine meiner schlimmen Vorstellungen, so etwas in meiner Umgebung einmal erleben zu müssen – und sei es „nur” in der Twitter-Timeline.

    Antworten

    • Mellcolm

      Ich bin auch sehr froh und habe dennoch Nacht für Nacht Angst, dass ich mal nicht rechtzeitig kommen könnte.

      Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


− 4 = 0