Verschwitzt und zugeschnarcht (Tre)

In dieser Nacht schlief ich den Schlaf der Gequetschten. Ganze zehn Stunden vergingen zwischen meinem persönlichen Sonnenunter- und –aufgang. Und wäre da nicht ein Frühstücksbuffet gewesen, das mit leichtem Kaffeeduft nach mir geschrien hätte, so wäre ich einfach liegen geblieben.

Das Frühstücksbuffet war rubenesk üppig und mit viel Angabe hingerichtet worden. Ich aß bis ich zu platzen drohte und rollte mich dann gerade noch im richtigen Moment wieder ins Zimmer. Hier musste ich erst mal einen Weile zufrieden kontemplieren. Die fehlende Hektik, der abwesende Druck, das zurückgelassene Genörgel – trotz prallgefülltem Wanst fühlte ich eine wohlige Leere in mir aufsteigen.

Um mein Gewissen vor dem nachmittäglichen Kuchenbuffet noch einmal auf Vordermann zu polieren, entschied ich mich, einen Abstecher in den Fitnessraum zu machen. 45 Minuten auf dem Crosstrainer und ich konnte die morgentlichen Frühstückssünden mit dem Handtuch von meiner Stirn abtupfen. Ich war beschwingt. Beschwipst. Und bereit, mich in den bisher gemiedenen Saunabereich vorzuwagen.

Saunen und ich – wir haben ein schwieriges Verhältnis zueinander. Zum einen ist dieses kollektive Nackt nicht so mein Ding – ich bin Ästhet und die wenigsten Saunagänger sind bradpittesk. Zum anderen ist es in diesen Saunen immer so fürchterlich heiß. Ist doch kein Wunder, dass da alle immer gleich ins Schwitzen geraten. Da aber nun für den ganzen Zauber eine Menge Geld den Besitzer wechseln würde, fühlte ich mich verpflichtet zumindest meinen guten Willen zu zeigen und schaltete in den Brathuhnmodus um. Zunächst drapierte ich mich für sechs Minuten im Dampfgarer, um mich dann anschließend noch kurz in der Kräuterkruste weiterdünsten zu lassen. Kurz bevor ich in den finnischen Hochofen geschoben werden sollte, gelang mir die Flucht.

Im Ruheraum angekommen suchte ich mir eine kuschelige Koje in der mich der kellenschwingende Aufgießer nicht finden würde. Im Ruheraum war man nach dem kollektiven Strip gleichsam einträchtig relaxt. Und zwar so was von. Die herumlungernde Entspannung aller Anwesenden kulminierte in einem zufriedenen Schnarchen, das wie ein Bienenschwarm Koje für Koje bestäubte. Ich wünschte mir heimlich Ohropax und Insektenvertilgungsmittel.

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: Invmsy / Flickr

Frisch gequetscht und schief gewickelt (Due)

Bereits kurz nach meiner Ankunft war das erste Highlight für mich eingeplant worden: Ich sollte mich mit frischem Obst- und Gemüsebrei bewerfen lassen und dabei die Contenance bewahren. Da ich ahnte, dass ich aus der Nummer nicht mehr herauskommen würde, legte ich mich todesmutig auf das dafür eigens präparierte Gestühl. Die nette Kosmetikerin trug in ihrer Nase eines jener Abfallprodukte, die ansonsten in Taschentüchern verenden und drohte mir implizit damit, es auf mich herabregnen zu lassen, würde ich nicht parieren. Also parierte ich wie keine Zweite und ließ Papayapampe und Gurkenmus ohne mit der frisch gefärbten Wimper zu zucken über mich ergehen.

Zucken musste ich allerdings, als sie mir ans Eingemachte wollte. Sie quetschte und drückte, schob und piekste und ich war jederzeit kurz davor, mich körperlich zur Wehr zu setzen. Und als ob das der Malträtei nicht genug gewesen sei, riss sie mir dann noch bei lebendigem Leibe ein Augenbrauenhärchen nach dem nächsten aus. Barbaren, diese Norditaliener! Verbeult aber glücklich suchte ich mein Zimmer auf, wo ich mich nach Kräften bemühte, die Kampfspuren unsichtbar zu machen.

Im geschmackvoll eingerichteten Speisesaal hatte die Restaurantchefin mit einen hübschen Katzentisch reserviert. Ich nahm Platz und begann sogleich mit der Lektüre von Sonnenhof’s Abendpost [sic!], die neben ein paar Werbemaßnahmen vor allem auch den Kalauer des Tages enthielt. Ich las ihn, lachte höflich und legte das Faltblatt wieder weg. [Das schweizerische Seniorengrüppchen drei Tische weiter klopfte sich noch beim Dessert auf die Schenkel!]

Besonders die anwesenden Damen machte es nervös, dass mir auch noch nach zehn Minuten kein Herr an meinem Tischlein Gesellschaft leistete. Eine Allreisende war ihnen offensichtlich in ihrem ganzen Leben noch nicht untergekommen. Auch wenn ich mit dem Alleinreisen sonst wenig Probleme habe, im Speisesaal holte selbst mich das Alleinreisetrauma ein. [Wieso hatte ich den Zusatz ...& Family Resort eigentlich vorher nirgends gelesen?] So viele Gänge in so wenig Gesellschaft zu genießen – das behagte mir nicht. Zwischen einer ausgelassenen Foie gras und einer verschmähten Bouillabaisse holte ich mir schnell mein geliebtes Twitter an den Tisch – einfach um auch jemanden zum reden zu haben.

Aber obwohl auch der kleine Kellner mich ganz offensichtlich gleich ins Herz geschlossen hatte, galoppierte ich so schnell wie möglich durch die Menüfolge, um mich in die rettenden vier Wände meines Zimmers verflüchtigen zu können. Leider glich mein Kämmerchen einer Eisgrotte was wohl daran lag, dass die Heizungen nicht den Ansatz einer Leistung brachten. Ich lief wieder runter, klagte mein Leid und wurde kurze Zeit später vom Hausmeister mit Radiatoren, Heizlüftern, Verlängerungskabeln und warmen Worten versorgt. Mir hätte es ja auch gereicht, wenn er einfach meine Heizung angestellt hätte….

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: Dennis Wong / Flickr

Das Ungeheuer von Well Ness (Uno)

Manchmal hat man eben das Gefühl, irgendwie durch zu sein. Das kommt meistens nicht wie angeflogen, ist vielmehr ein schleichender Prozess, aber wenn es dann da ist, dieses Gefühl, dann muss man zusehen, dass man Land gewinnt. Am besten ein Eiland mit vielen Palmen drauf. Leider gehen beim Eilandlotto die weitaus Meisten leer aus und es ist daher durchaus sinnvoll so früh wie möglich nach einer Alternative Ausschau zu halten. Als ich entdeckte, dass ich durch bin, entschied ich mich daher für eine Reise nach Well Ness. Ein Ort, der sich irgendwo in Südtirol, ganz in der Nähe von Meran angesiedelt hat und an dem sich Durche aus ganz Europa (und aus der Schweiz) wieder herrichten lassen. Da ich „gar keine Auto abe“ buchte ich mir eine Zugfahrt nach Well Ness. Das Buchen steigerte meine Durchheit weiter, da sowohl der digitale als auch der analoge Buchungsbeamte des Buchens kaum mächtig waren. Aber am Ende gelang es dann wider Erwarten doch irgendwie.

Am Bahnhof wollte ich noch schnell etwas Geld holen. Man weiß ja nie, wie gut diese kleinen niemandsländischen Ortschaften infrastrukturell dastehen und ich wollte die bald frisch manikürten Hände nur äußerst ungern mit Spülen wieder ruinieren. Ich sprang also auf ein vorbeilaufendes Geldinstitut auf und hielt mich an dessen einarmigen Banditen schadlos. Da ich mich nicht auskannte, machte ich auf Anhieb alles falsch und verließ die Bank mit einem Koffer voll Geld, das mir nicht gehörte.

Natürlich war schon die Zugfahrt nicht ereignislos. Nachdem ich bis Innsbruck mein kleines Abteil mit zwei charmanten Südtirolerinnen teilen durfte, fiel dort dann lauthals eine Bande von Kofferschiebern in unser kleines Paradies ein. Im Abteil wurde alles zugekoffert und die wenigen leer gebliebenen Eckchen wurden im nächsten Schritt voll gequatscht. Die Südtirolerinnen ergriffen die Flucht, ich presste mich tiefer in den Sitz in der Hoffnung, die Invasoren würden mich vielleicht übersehen. Als sie sich dann anschickten, mich in ihre belanglosen „Schöne Gegend hier“- und „Unser Sohn, der Julian, der studiert in Rom“-Gespräche zu involvieren, zog ich kurzerhand alle Register und den iPod aus der Tasche. Eine Mischung aus Rage against the Machine und Irene Fischer half mir durch die nächsten Stunden.

In Bozen sollte ich von einem Hotelshuttle aufgelesen werden. Verzweifelt hielt ich nach dem angekündigten grünen Sharan Ausschau, der genau fünf Minuten nach meiner Ankunft mit weit geöffnetem Kofferraum und ausgerolltem roten Teppich vor dem Bahnhofseingang hätte erscheinen sollen. Ich wartete eine Viertelstunde und der junge Chauffeur hatte wohl außerdem vergessen, den roten Teppich aus der Reinigung zu holen.

Unsere Fahrt führte uns über Stock und Steine. Da wir im Auto saßen, brachen wir uns jedoch glücklicherweise nicht die Beine. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir Well Ness. Eine freundliche Frau mit einem großen Brustvolumen nahm mich in Empfang und zeigte mir ihre kleine Welt. Vom Stil her versuchte man in Well Ness wohl jedes denkbare Klientel zu bedienen. Man möbelte sich durch alle Stilrichtungen durch, ohne dabei die nicht vorhandene klare Linie zu verlieren. Bis zur ersten guten Nachricht sollte es nicht lange dauern: Das Nachmittagsbuffet war bereits anwesend und würde quasi bis zum Abendessen bleiben. Noch nicht einen Finger massiert bekommen und sich schon den Bauch vollschlagen können – das gefiel mir!

Nach dem Rundgang durchs Anwesen geleitete mich die Dame mit dem Oberwasser zu meinen Gemächern, die zwar eher klein aber dennoch durchaus ansprechend daher kamen. Sogar einen kleinen Balkon durfte ich mein Eigen nennen, auf dem ich mich hätte in den Schlaf rauchen können. Ich rauche nicht. Aber allein der bunte Strauss von Möglichkeiten vermochte mich glücklich zu stimmen.

Zum Gebinde Well Ness.
Bild: krossbow / Flickr

Asiawoche, Teil XIV: Schnaps

Nicht einmal eine Woche nachdem ich angekommen war, musste ich Fernost schon wieder verlassen. Ich bat die netten Menschen an der Hotelrezeption mir ein Taxi zum Flughafen zu organisieren. Dies gelang binnen weniger Minuten. Der Taxifahrer war sehr reinlich veranlagt. Bevor er mit seiner wertvollen Fracht zum Flughafen aufbrechen konnte, wollte er sein Taxi noch schnell mit einem überdimensionalen Wischmopp akribisch vom Staub und sonstigen Unrat befreien. Einen kleinen Moment musste ich an die allgegenwärtige Ordnungsmacht denken, die vielleicht auch gerade in diesem Moment den Taxifahrer zur Raison gerufen hatte. Weiterlesen

Asiawoche XIII: Der Käse

MaoDer zweite Tag in Beijing spielte sich zunächst zum größten Teil im Büro ab. In der Mittagspause brachten mich die Kollegen in eine Nudelbar, in der es sehr schmackhafte Nudelsuppen gab. Bewaffnet mit Stäbchen und Suppenlöffel kümmerte ich mich zunächst um den flüssigen Teil der Suppe, da mir das einfacher erschien. Was blieb waren von der Suppe glitschige, spaghettiartige Nudeln, die sich der Könner mit Hilfe der Stäbchen in den Mund stopfte. So weit ließ ich es erst gar nicht kommen. Nudel für Nudel rutschte wieder zurück auf den Teller, noch lange bevor die Mündöffnung überhaupt in erreichbare Nähe kam. Ich würde in dieser Mittagspause verhungern – das war klar. Eine meiner Kolleginnen stand auf und ging geradewegs auf einer der Restaurantangestellten zu. Sie diskutierten eine Weile, dann wühlte die Dame ein paar Minuten in einem Schrank herum, bis sie schließlich eine Gabel zutage brachte. Meine Kollegin hatte mein Leben gerettet und ich konnte – leicht peinlich berührt – die Nudeln aus meiner Suppe ihrer Bestimmung zuführen.

Ein schweizerischer Kollege, der schon sehr lange Zeit in Beijing lebte, bot mir am Abend an, mir bei er Suche nach dem „echten“ China ein wenig unter die Arme zu greifen. Da wir nur wenige Stunden Zeit hatten, entschloss er sich, mir die schnellste Stadtführung der Welt angedeihen zu lassen. Zur Einstimmung gab es Shop-ping – eine der wirklich ältesten chinesischen Traditionen. Wir fuhren dazu zum Silkmarket, einem Straßenzug auf dem ursprünglich – man glaubt es kaum – Seide verkauft wurde. Die Straße hatte man irgendwann links liegen und an ihrer Stelle eine riesige Halle hochgezogen. Auch die Seide stand nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens. Sicher hatte der ein oder andere Händler noch ein Seidentuch in der Schublade, aber das wesentliche Geschäft wurde hier mit Originalware von Lui Wu Tong, Dol Tse & Gha Ba Na sowie Gu Chi gemacht. Und außerdem gab es noch mongolische Kaschmirziegen in Pulloverform.

Maximal sieben Minuten und einen Verhandlungsmarathon später hatten wir den Silkmarket um einen Kaschmirpulli schwerer wieder hinter uns gelassen und bestiegen die U-Bahn Richtung Tian’anmen. Der Exerzierplatz war beeindruckend, wenn auch leider um die vorgerückte Stunde schon nicht mehr zu betreten. Rund um den Platz war die Hölle los. Kantonesische Reisbauern, Viehzüchter aus Yunnan, Fischer aus Jiangsu – alle waren sie hierhin gekommen, um sich einmal in ihrem Leben vor dem großen Mao-Konterfei ablichten zu lassen. Gerne auch zusammen mit mir, wie ich verzückt feststellen durfte. Vermutlich hätte ich mir den ein oder anderen Yuán auf diese Art verdienen können, aber auch dafür blieb an diesem Abend keine Zeit.

Der Stadtspurt ging weiter nach Qianmen, vorbei am alten Bahnhof und mitten hinein in den naturgetreuen Nachbau eines alten chinesischen Einkaufsstraße, den eigentlich nur die teuren westlichen Labels verrieten, die sich hier angesiedelt haben. Das Ganze hat was von Freilichtmuseum, irgendwie nett, irgendwie unehrlich.

Verlässt man die Qianmen und begibt sich in einer der zahlreichen von ihr fortführend kleinen Gässchen steht man dann – völlig unvermittelt – mit einem Mal mitten im traditionellen China, wie es in den Hutongs noch heute zu finden ist. Es gibt Straßenhändler, Fahrradrikschas, Köstlichkeiten am Spieß, Kräuterläden – einfach alles, was das Herz begehrt. Mitten im Hutong befindet sich ein Pekingententempel und wir entscheiden uns, den traditionsreichen Abend bei traditionellen Speisen ausklingen zu lassen. Der Sightseeingstress ist wie weggeblasen, als wir das Lokal betreten. Hier haben wir mit einem Mal alle Zeit der Welt und ich frage leise in mich hinein, ob es am Ende gar der Hunger war, der uns wie rollende Blitze durch die Stadt getrieben hatte.
Im Lokal sind außer uns ausschließlich Chinesen zu Gast. Mein Kollege bestellt in fließendem chinesisch was-auch-immer und dazu einen Karton Servietten, die man extra kaufen muss. Der Reihe nach werden uns die köstlichsten Köstlichkeiten aufgetischt, die ich tapfer und zum Erstaunen aller Anwesenden mit Stäbchen bezwinge. Das Geschmackshighlight aus der Vorspeisenplatte: Lilienblüten. Auch die Pekingente entpuppt sich als kulinarischer Höhepunkt. Hübsch verpackt in kleine Teigblätter und von allerlei Gemüsen und Sößchen umzingelt, begleitet das einstige Federvieh den Gaumen in ein Amüsement nach dem nächsten. Yam Mi.

Alle Beiträge der Asiawoche.

Bild: Richard.Fischer / Flickr

Asiawoche, Teil XII: Das Dessert

ThePlacesmall

Für den Abend hatte sich die nette Kollegin überlegt mir ein wenig mehr von ihrer Stadt zu zeigen. Und ich wusste schon ganz genau, was ich sehen wollte: Ich wollte Getümmel, fliegende Händler, Holzhütten, Hund am Spieß und dergleichen – eben all das, was das stereotypische China aus meiner Vorstellung mindestens hätte hergeben müssen. Ich sah nichts von alledem. Stattdessen sah ich die moderne, die europäisierte, die Partystadt Beijing, in der man zu deutlich günstigeren Preisen ein klassisches „westliches“ Leben hätte führen können. Ich fragte beständig nach dem traditionellen China; doch meine Kollegin verstand mich nicht. Lediglich in einer Seitenstraße gab es ein paar Leute, die in kleinen Straßenküchen den ein oder anderen chinesischen Leckerbissen feilboten, aber mehr „Tradition“ war einfach nicht zu holen. Wir liefen kreuz und quer durch die Stadt. Alles war fein herausgeputzt, modern und so völlig unkommunistisch. Und noch dazu so normal. Was sollte ich denn zuhause erzählen, wenn die Welt so viele Kilometer weit weg unterm Strich doch genau dieselbe war? Wenn wenigstens die Menschen dort einen offensichtlichen Knall hätten! Weiterlesen

Asiawoche, Teil XI: Süßer Gruß aus der Küche

Das-große-FressenNachdem ich meine sieben Sachen wieder beisammen hatte, war ich bereit die schützenden Mauern des Flughafens hinter mir zu lassen und mich in die Welt der Andersartigkeit zu stürzen. Draußen wartete im Pulk der Empfangskomitees bereits meine chinesische Kollegin mit einem Schild das meinen Namen trug. Sie hatte mir bereits vorab ein Foto des Schildes zugeschickt, damit ich es am Flughafen wiedererkennen würde. Wir schnappten uns ein Taxi – eines der zwölf englischen Cabs, die es in Beijing gibt – und ließen uns auf direktem Wege zum Hotel chauffieren. Die Fahrt dauerte eine gute halbe Stunde und kostete keine 9 €. So teuer, wie mir Japan erschienen war, so lächerlich nahmen sich die chinesischen Preise daneben aus.

Das “Hotel G” war mindestens eine so große Überraschung wie der Flughafen: Ein Designhotel im europäischen Stil – absolut durchgestylt und dennoch bezahlbar. Außerdem war es ein Tummelplatz der italienischen Modegrößen, wie ich mir hatte sagen lassen. Also genau das richtige Umfeld für mich. Das Zimmer war sehr dunkel eingerichtet, mit vielen Lampen und allerlei Designschnickschnack.  AsiaMeine Tokioter Schlafzelle hätte etwa viermal in den Saal hinein gepasst, den man mir hier anbot. Funky. Weiterlesen

Asiawoche, Teil X: Der zweite Hauptgang (Peking-Ente)

der-zweite-hauptgang1Liebe Flughafendurchsagensprecher, Flugkapitäne und Stewardessen: Es gibt übrigens Informationen, die der gemeine Flugängstling nicht unbedingt haben möchte! Dazu gehören sowohl die Aufforderung, vor dem Flug noch einmal die Toilette aufzusuchen, da dies während des Fluges möglicherweise nicht durchführbar sein wird sowie auch die Ansage, dass man aus ähnlich erschütternden Gründen den Snack vorsichtshalber vor dem Abflug bereits auf dem Boden servieren wird. In die Reihe passt übrigens auch der Hinweis, dass sich der Abflug wegen technischer Schwierigkeiten bis auf Weiteres verzögern werde.

Natürlich wurde mein Flug von Tokio nach Beijing von einer solchen Ansage eingeleitet, die bedrohlich durch die Flughafenlautsprecher schallte. Gemeint waren zwar die Passagiere eines Fluges nach Shanghai, aber da Shanghai nun auch irgendwie in China liegt, fühlte ich mich gleich mit angesprochen und leerte prophylaktisch –sicher ist sicher– eine halbe Flasche meiner geliebten Notfalltropfen. Meiner daraus resultierenden Fahne nach zu urteilen mussten mich die Stewardessen bereits beim Betreten des Flugzeuges für im höchsten Maße alkoholkrank halten –es war ja nicht mal 10:00 Uhr morgens- aber zurückhaltend und höflich wie die Japaner sind, ließen sie sich nichts anmerken. Stattdessen hätschelten und tätschelten sie mich.

Während ich den Start noch als „piece of cake“ einstufen würde, verlief der restliche Flug ganz und gar nicht nach meinen Vorstellungen: Wir wackelten uns von Tokio nach Beijing. Wie üblich verlieh ich meiner Unzufriedenheit mit dieser Situation durch eine konsequente Verweigerung jedweder Nahrungsaufnahme Ausdruck. Die Stewardessen schauten höflich besorgt oder umgekehrt und fragten in 5-Minuten-Abständen bei mir nach, ob sie mir nicht doch langsam mein Essen servieren dürften. Irgendwann zwang ich mich, einen trockenen Muffin und ein Glas Wasser anzunehmen – ich bin ja schließlich kein Unmensch.

Um mich zu beruhigen starrte ich während des gesamten Fluges wie gebannt aus dem Fenster. Kann man eigentlich mit der minutiösen Observation verschiedener Wolkenformationen von oben ein Zubrot verdienen? Irgendwann waren die Wolken dann weg und zu meiner großen Freude konnte ich die chinesische Mauer von oben sehen. Erstaunlicherweise verläuft sie mitten durch Korea, wie mich das kleine Flugzeug auf dem großen Bildschirm vor mir lehrte. Ich kann mir gut vorstellen, dass die einstiegen Bauherrn im ekstatischen Eifer des Gefechtes einfach über das Ziel hinaus geschossen waren und bei den nordkoreanischen Freunden weitergebaut hatten. So etwas kommt doch in den besten Kommunismen vor!

Irgendwann hatte das Gewackel ein Ende. Es muss wohl im Moment der Landung gewesen sein. Ich war ganz schön aufgeregt, als ich in Beijing dem Flugzeug entstieg – das war mein erstes Mal im Land der begrenzten Möglichkeiten und ich hatte keine Ahnung, wie sich das alles wohl am Ende für mich anfühlen würde. Erstaunlicherweise fühlte sich schon der erste Schritt auf pekinesischem Boden weniger fremd an, als dies in Tokio der Fall gewesen war. Der Flughafen entpuppte sich als ein modernes, helles Gebäude mit viel Glas und Stahl und ich schämte mich ein wenig, dass ich wohl eher eine morsche Holzhütte erwartet hatte. Die chinesischen Grenzer und Zöllner waren nicht merkwürdiger als ihre japanischen Kollegen und alles in allem verlief der Einlass in das Land, über das ich eigentlich gar nichts wusste, sehr sanft und ohne besondere Vorkommnisse. Auch die Toiletten waren Toiletten, waren Toiletten, waren Toiletten….

Alle Beiträge der Asiawoche.

Bild: Nocturne / Flickr

Asiawoche, Teil IX: Das feuchte Tuch zwischendurch

das-feuchte-tuch-fur-zwischendurch1Am nächsten Tag setzte ich mich bereits in aller Herrgottsfrühe in Richtung Flughafen in Bewegung. Genauer genommen ließ ich mich in Bewegung setzen. In einem Land, in dem man nicht mal erahnen kann, welche Bedeutung die Worte haben, lernt man sehr schnell, wildfremden Menschen zu vertrauen. Nicht, dass man eine wirkliche Wahl hätte… Ich vertraute also dem freundlich lächelnden Hotelpagen, dass er dem nicht minder freundlich lächelnden Taxifahrer verständlich gemacht hatte, wohin er mich zu verfrachten habe. Als dieser mich dann im Irgend- oder Nirgendwo vor einer verschlossene Türe absetzte machten sich erste Zweifel an der Fruchtbarkeit dieser Kommunikation breit. Zweite und dritte kamen schnell dazu, denn der Eingang zum Monorail-Bahnhof wollte sich partout nicht blicken lassen. Der große Weiße, der irgendeine seltene Art von Treppenphobie hatte ließ sich von mir einmal rund um das Gebäude schleppen. Ganz offensichtlich hatte er in den letzten Tagen zu allem Überfluss einige Pfunde zugelegt. Verdenken konnte ich es nicht wirklich, denn der Arme musste ja wie es für Koffer nun mal leider üblich ist, tagelang mutterseelenallein im Hotelzimmer rum liegen.

Der richtige Eingang zum Bahnhof lag lustigerweise genau an der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs. [Ich meine dieses andere lustig, das sich einem frühestens beim zweiten oder dritten Blick erschließt. Gelegentlich auch gar nicht.] Ich kaufte uns eine Fahrkarte und stellte mich anschließend brav in die lange Schlange der auf den nächsten Zug Wartenden. Auf dem Boden war eigens dafür eine Linie eingezeichnet, so dass wir beim Warten nahezu umfassend vor etwaigen Fehltritten geschützt waren. Der Zug fuhr ein und die Schlange setzte sich in Bewegung. Wie so häufig in Tokio passte weitaus mehr Mensch in den Zug als man zunächst für möglich gehalten hätte. Und auch viel mehr, als ich für angebracht hielt. Am Ende war der Zug zum Bersten voll und draußen hatte sich bereits brav eine neue Schlange aufgereiht. Während ich draußen noch allenfalls von vorne und hinten eingekesselt worden war, kam es im Zug aus allen Richtungen – begleitet von einer nicht wegzuleugnenden Knoblauchseligkeit.

Hinter mir stand einer, der offensichtlich das erste Mal in seinem Leben eine Stadt gesehen hat. Er fotografierte vom Zug aus aufgeregt mal in diese mal in jene Richtung, nicht ohne mir bei jeder Drehung seinen überdimensionalen Rucksack ins Kreuz zu hauen. Ein anderer Mitreisender, der die Attacken auf mein Kreuz mitbekommen hatte, versuchte, mich vor diesem ungehobelten Rempler zu retten – leider ohne jeden Erfolg. Der Landjapaner fotografierte und rempelte munter weiter. Wider Erwarten erreichten wir irgendwann den Flughafen, wo der Zug uns alle auf einmal mit Schwung ausspuckte. Als ich mich Richtung Ausgang bewegte und die Ausgangsschleusen erblicke fiel mir ganz schlagartig ein, dass ich meine Fahrkarte zwar in der Eingangsschleuse versenkt, sie aber vor lauter Irritation dort hatte stecken lassen. Und nun stand ich da: Keine Fahrkarte, kein japanisches Wort der Erklärung auf den Lippen. Ich schnappte mir den nächsten verfügbaren Aufseher und berichtete ihm auf Englisch von meinem Malheur. Er verstand kein Wort, ahnte aber aus naheliegenden Gründen, dass mein Problem irgendwas mit Zugfahren und Fahrkarten zu tun haben musste.

Im Nachhinein glaube ich, dass er mehr Angst vor mir hatte als ich vor ihm. Denn hätte er mit mir schimpfen, mich ermahnen, mich des Landes verweisen oder mich was-auch-immer-in-solchen-Situationen-in-Japan-üblich-ist wollen, so hätte er das auf Englisch tun müssen. So entschied er sich, mich durchzuwinken und schnell so zu tun, als sei ich ihm nie begegnet. Check-In, Lounge-In und Board-In(g) verliefen ohne weitere Vorkommnisse. Ich kehrte Japan den Rücken, um in China einzufallen.

Alle Beiträge der Asiawoche.

Bild: iMorpheus / Flickr