Wies’nphobie

Als sich eines kälteklirrenden Spätwintertages der mir in die Gene geklöppelte vorauseilende Gehorsam mit einem dahergelaufenen Anflug geistiger Umnachtung hier in München auf eine Tasse Tee traf, wurde heimlich, still und leise Schicksal gespielt. Denn nach diesem heiteren Teekränzchen machte sich in meinem (infinitesimalen!) Kleiderschrank so ein bayerisches Dingsbums breit und trällert mir seither ein deftiges “Servus” zu, wann immer ich die Tür auch nur einen Spalt breit öffne. Diese Schufte hatten sich tatsächlich nicht entblödet, mir ein Dirndl an den Hals zu hexen! Wo ich doch an einer schlimmen Traditionsunverträglichkeit leide, die mich gelegentlich aufs Heftigste tourettisiert. Himmearschundzwian.

Aber das Dirndl war nur der erste Teil des hinterhältigen Plans. Ein ganzes Leben lang habe ich mich erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt, Pobacke an Pobacke mit alkoholisierten Fremdlingen große Massen Mengen kalorien- und hopfenreicher Flüssigkeiten zu mir zu nehmen. Und dann erklärt mir dieses hochnäsige München rotzfrech, dass das hier zum guten Ton und sowieso zum “savoir-vivre” gehöre. Ordentlich-auf-die-Kacke-hauen als Lebensphilosophie, die am Abend schnell mit einem Veuve Clicquot runtergespült wird. Bevor man es nicht mehr zur Toilette schafft.

Ich muss an dieser Stelle nicht erwähnen, dass man mit den Holzvorräten vor meiner Hütt’n allenfalls ein kleines Freudenfeuer entfachen könnte. Und auch nicht, dass ich allenfalls die Hell’s Angels zur Not noch in Lederhosen ertragen könnte.  Kurz: Ich will nicht, ich will nicht, ich WILL NICHT.

Es ist nicht mal Juli und ich wache schon jede Nacht schweißgebadet auf, weil in meinen Träumen immer wieder einer “O’zapft is” schreit. Und ich merke, wie ein mächtiger Zapfhahn einem Pflocke gleich mitten in mein Rheinländerinnenherz getrieben wird.

Ohropaxphantasien

Natürlich möchte ich unter normalen Umständen niemandem das Quatschen mit seinen Mitmenschen verbieten (Möchte ich nicht???), aber in Zügen und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln gelten andere Regeln. Nämlich meine. Und die besagen, dass insofern ich allein reise – was meistens der Fall ist – auch die Menschen auf den Plätzen neben mir ein absolutes Redeverbot haben. Ob sie nun mit mir oder mit anderen Mitreisenden reden ist von sekundärer Relevanz.

Ja, sie dürfen mich freundlich (aber kurz!) fragen, ob der Platz neben mir noch frei ist – ein Relikt aus Schweizer Tagen, das ich mir in Deutschland gelegentlich herbei sehne. Auch dürfen sie „Gesundheit“ sagen, wenn ich niese. Wenn ich wirklich einen ganz großzügigen Tag habe, ist es eventuell noch duldbar, dass man mir – begleitet von einem herzlichen „Möchten Sie auch?“ – eine Tüte mit feinstem englischen Weingummi unter die Nase hält. Aber das ist dann schon der Gipfel der Gefühle, das absolute Maximum dessen was ich während einer Zugfahrt von Mitreisenden vernehmen möchte. Dem Schaffner räume ich unter Umständen ein Extragesprächskontigent ein, aber selbstverständlich nur dann, wenn ich ordnungsgemäß an den Kauf einer Fahrkarte gedacht habe.

Was schlichtweg gar nicht geht ist wenn Mitreisende versuchen, mir ein Gespräch aufzuzwingen. Wie damals dieser Nigerianer, der zwar durchaus nett lächelte, es dabei aber auch hätte belassen können. Das tat er leider nicht. Statt dessen versuchte er mir Englisch beizubringen. Und da Oxford nicht in Nigeria liegt und die Zugfahrt ein paar Stunden dauerte (in denen ich nebenbei des Herren gesamte Familiengeschichte bis zurück zum Urknall erfuhr), hat mein Englisch seit diesem Tag eine unüberhörbar nigerianischen Einschlag.

Ganz oben auf der Liste der verbalen Unerträglichkeiten stehen aber die Gespräche zwischen Mitreisenden, die 1. nicht für meine Ohren bestimmt sind und 2. von diesen auch überhaupt nicht gehört werden wollen. Meistens sind sie ja nicht mal aus voyeuristischer Sicht spannend.

Mich interessiert nicht die Bohne, ob der schnurrbärtige Herr mittleren Alters sich gerade auf der Heimreise von der Staubsaugervertreterjahrestagung befindet, die dieses Jahr glücklicherweise in einem Kegelclubstundenhotel stattfand. Auch will ich nicht wissen, dass das windige Pärchen schräg gegenüber sich am Fahrkartenschalter böse über die Fahrkartenschalterbetreuungsbeauftragte aufregen musste. Sollen sie es doch beim nächsten Scrabble-Spiel aufarbeiten, wenn sie es bis dahin nicht längst vergessen haben. Und mich damit verschonen.

Drei Plätze weiter telefonierte eine Frau stundenlang mit einem kleinen Kind oder einem ziemlich begriffsstutzigen Erwachsenen. Ich wartete auf den nächsten Netzausfall – warum soll es der Dame am Telefon besser gehen als mir? Nichts da. Ihr Netz hält, was mein Mobilfunkanbieter verspricht.

Und wer bitte findet es spannend, sich von jemandem, den er nicht kennt (und auch in Zukunft nicht zu kennen gedenkt) stundenlang vorsabbeln zu lassen, was in der Trekking-Zeitschrift steht, die gerade die Lektüre der Wahl ist. Wenn sie es ja wenigstens nur vorgelesen hätte – nein, jeder Satz wurde paraphrasiert. Dasselbe praktizierte sie übrigens auch mit dem Telefonat der Dame mit dem Begriffsstutzigen, so dass ich es letztlich im Original und in der Interpretation hören durfte…. Haben die denn alle kein Schamgefühl? Und keine Pietät?

Einen kleinen Moment habe ich überlegt, mir die Hände auf die Ohren zu pressen und ganz laut Kinderlieder zu singen.

Aus Mangel an Mängeln

Ich halte aus Prinzip nichts (aber auch gar nichts) von den literarischen Gehversuchen diverser VIVA/MTV-Moderatorinnen. Die sollen brav ihre Sendungen moderieren und ansonsten lieber ganz gepflegt den Mund halten. Wo kämen wir denn hin, wenn jede daher gelaufene V-Jane nun anfinge, ihr spätpubertäres Gesabbel zur Kunstform zu erheben? Und wieso machen die Verlage das mit? Und wieso bitte merken die Menschen das nicht und kaufen diesen Schund auch noch? Ein Platz in der Spiegel-Bestsellerliste? Hallo? Ist da jemand zuhause?

Ich liebe meine Vorurteile und deshalb pflege ich sie auch so gut ich kann. Gut ist, dass es sich nicht im eigentlichen Sinne um Voruteile handelt. Es sind Tatsachen, die sich mir eben schneller zu erkennen geben als anderen. Musikkanalmoderatorinnen können keine Bücher schreiben und damit basta, fertig aus, Micky Mouse.

Was weiß denn ich wie dieses Buch auf einmal in mein Regal gekommen ist? Jemand muss es mir heimlich und von mir unbemerkt untergejubelt haben, als ich gerade in einen Klassiker der Weltliteratur vertieft war. Da Bücher nun mal zum Lesen da sind und da sie überdies bei schlechtem Wetter eine fantastische Alternative zu ausgedehnten Regenspaziergängen darstellen habe ich das Machwerk eben in die Hand genommen, wo es nun schon mal da stand und mich anstarrte. Und das “Mängelexemplar” würde seinem Namen alle Ehre machen, davon war ich überzeugt. Wäre doch gelacht wenn ich nicht binnen kürzester Zeit eine Bestätigung für meine Vorurteile fände!

Einen Tag, 262 Seiten, ein paar Tränen und ein paar Lacher später habe ich die Suche aufgegeben. Das Buch steht längst wieder zugeklappt im Regal – auf einem Ehrenplatz. Und über die Sache mit meinen Vorurteilen gegenüber VIVA-Moderatorinnen muss ich noch mal nachdenken. Jedenfalls im Falle Sarah Kuttner. Vielleicht war sie einfach nur jung und brauchte das Geld….

Mir scheint die Sonne aus dem Arsch

Es ist faszinierend wie selbstzufrieden man daher kommen kann, wenn man so ein Glückskind ist wie ich. Sogar die scheinbaren Banalitäten des Alltags bringen mich täglich aufs Neue zum Jauchzen.

Während sich ein Ottonormalnörgler morgens schlecht gelaunt aus seinem Bette pellt, wache ich lange vor dem Wecker auf, weil ich mich vor Freude auf den bevorstehenden Tag – dem ich mit einem hübsch dahin geturnten Sonnengruß huldige – kaum mehr in der Horizontalen halten kann.

Unter der eilig aufgesuchten Dusche (Was könnte es Schöneres geben als bereits am Morgen von einem warmen Sommergewitter eingelullt zu werden?) tiriliere ich fröhlich.  Und beim anschließenden Pflegefinetuning geht mir vor Glück fast das Herz über. Ich halte das Zähneputzen keinesfalls für ein notwendiges Übel sondern vielmehr für einen der endorphinösesten Momente des Tages. Nur noch vom Nagelschneiden zu toppen.

Nach der segensreichen Morgentoilette wird zum Frühstück geschwebt. Ein reich mit ausgewogenem Ernährungsmaterial gedeckten Frühstückstisch erwartet mich. Ich lese stets fröhlich pfeifend die Zeitung. Es versteht sich von selbst, dass ein relaxtes Frühstück und ein pünktliches Ausdemhausekommen in meiner Welt friedlich koexistieren können.

Ist das opulente Mahl vertilgt, tausche ich in aller Seelenruhe den seidenen Morgenmantel gegen eine duftende frischgebügelte Bluse und einen Rock in dem ich wirklich phantastisch aussehe. Ich muss sicher nicht erwähnen, dass sich dergleichen in allen passenden Formen und Farben und jederzeit blütenrein und aalglatt in meinem Schrank tummeln. Davon abgesehen sähe ich auch in Sackleinen wie eine Prinzessin aus.

Mit wenigen Handbewegungen trage ich gekonnt ein perfekt zu meinem Typ passendes Make-up auf. Das Haar sitzt natürlich hervorragend. Immer. Bad-Hair-Days kenne ich nur aus den Frauenzeitschriften, die bei meiner Lomi Lomi Masseurin im Wartezimmer liegen.

Frisch gestriegelt und gespornt kann der Arbeitstag beginnen. Ich schnappe mir noch schnell meine viel zu teure Handtasche und hole meinen Sportwagen – Cabriolet – aus der Tiefgarage. Wo ich bin, da scheint die Sonne – wie man das Verdeck schließt, weiß ich nicht.

Im Büro freuen sich schon alle auf mein Kommen. Auf meinem Tisch stehen täglich frische Blumen. Und irgendwer bringt mir immer einen frischen Latte macchiato und ein paar Pralinen von Neuhaus, Leonidas oder Godiva vorbei. Die Kollegen verbringen den Tag damit, abwechselnd mein jugendliches Aussehen, mein geschmackvolles Outfit und meine erstklassige Arbeit zu bewundern. Und an den Abenden kann ich mir aussuchen, in welches der besten Restaurants der Stadt ich mich einladen lassen möchte.

Darauf verzichte ich allerdings meistens. Weil mir abends vor lauter Sonne oft der Po weh tut.

Heloise – eine falsche Schlange!

Ich bin noch nie in meinem Leben so enttäuscht worden. Da nimmt man sie bei sich zu Hause auf, bereitet ihr dort ein kuscheliges Nest, hegt und pflegt sie, trägt sie in der Gegend herum, achtet dabei sorgfältigst darauf, dass sie sich nie mit unpassenden Kleidungsstücken zeigen muss; man legt ihr die Welt zu Füssen,  stellt sie wichtigen Leuten vor, elaboriert Lobeshymnen auf sie, füttert sie mit den exklusivsten Düften und Accessoires, schmeisst ihr schließlich noch das gesamte monetäre Hab und Gut in den Rachen und dann so was!

Heloise ist nicht Heloise sondern eine – zugegebenermaßen nicht so schlechte – russische Kopie von ihr.

Wir hatten uns doch so lange nicht gesehen. Da kann man sich schon mal irren, oder? Und schließlich hatte sie damals auch noch einen ganz anderen Teint. “In Las Vegas scheint die Sonne,” dachte ich mir und wunderte mich nicht weiter. Und diesen stets irgendwie mitschwingenden osteuropäischen Tonfall schob ich auf die Zeit der Gefangenschaft. Was weiß denn ich, wie nachhaltig solche Schocksituationen sich auf die täschliche Seele auswirken? Ich war geneigt, ihr zu glauben. Blind vor lauter Zuneigung.

Doch dann kam der Tag, der die Wahrheit ans Licht brachte. Eine aufmerksame Leserin meines Blogs erkannte in MEINER Heloise eine Betrügerin, die ihr schon öfter über den Weg gelaufen war. Welche Schmach. Ich bin außer mir. Nahezu sprachlos. Nahezu!

Aber ich werde es ihr heimzahlen, diesem Miststück. Da kenn ich nichts. Und wenn ich mit ihr fertig bin, dann wird sie sich wünschen statt einer gefälschten Handtasche ein schlichter Schnürschuh eines unschuldigen osteuropäischen Minenarbeiters geworden zu sein. Jawohl!